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Was macht die Luft mit dem Wasser?

Wie das SINUS Projekt den Grundschulunterricht verändert

Mehr zu: Deutschland, Grundschule, Internationaler Austausch, Schulstart, SINUS, TIMSS (Studie)
22.02.2005 -

(bikl) "Meer", ruft Yasmin. "Badewanne" weiß Rafael. "Schweiß" ergänzt Mustafa und kichert. 13 Kinder der zweiten Klasse der Bremer Grundschule Halmerweg sitzen in der Lernwerkstatt. Nach fünf (etwas unruhigen) Minuten haben sie jede Menge Begriffe zum Thema Wasser gesammelt. Sachkundelehrer Andreas Stage hatte seine Schüler gefragt, wo es denn Wasser gibt. Ihre Ergebnisse schreiben oder malen sie in ihr Forscherheft. Es wird gekichert, geschwatzt, mit dem Nachbarn rumgealbert.

Wenige Minuten später ein ganz anderes Bild. Andreas Stage hat vier Becken mit Wasser gefüllt und durchsichtige Kästen mit der Öffnung nach unten ins Wasser gelegt. Sie sind zum Großteil mit Wasser gefüllt. Die Aufgabe der Schüler: Sie sollen das Wasser aus den Behältern entfernen, ohne sie zu berühren. Benutzen dürfen sie alles, was vorhanden ist: Leere Gläser, Schläuche, Becher oder Strohhalme.

Die dreizehn Zweitklässler werden jetzt aktiv und konzentriert, da gibt es keine Zappelei mehr, keine Gekichere oder Rumgealbere. Alle sind mit Feuereifer dabei. Sie suchen nach Lösungen. "Wir brauchen einen Strohhalm!"

Geschafft!

Andreas Stage hält sich zurück, die Kinder experimentieren. Pusten? Hilft nicht viel. Dann kommt die erste Gruppe auf eine Idee: Sie bläst mit dem Strohhalm Luft in das umgedrehte Schiff. Und tatsächlich: Es schwimmt nach oben, kommt ins Wanken und kippt um. Der Rest ist einfach. Becher und Gläser gibt es genug, jetzt heißt es bloß Wasser schaufeln. Und bald ist die Gruppe - unter lautem Hurrageschrei - fertig, die anderen folgen schnell. Die Kinder sind stolz, die Aufgabe erledigt zu haben. Jetzt geht's an die Erklärung: Was ist da eigentlich passiert? "Die Luft hebt das Boot in die Höhe" weiß Emre. Aber Pascal weiß es besser: "Die Luft drückt das Wasser nach unten."

Elf Bundesländer im Boot

"Entdecken, Erforschen, Erklären" heißt das Modul 2 - Naturwissenschaften im "SINUS-Transfer Grundschule", an dem auch Bremer Grundschule Halmerweg teilnimmt. 2004 startete das fünfjährige BLK-Programm. Mit im Boot sind derzeit 11 Bundesländer, zwei weitere, nämlich Brandenburg und Baden-Württemberg, haben ihr Teilnahme ab Februar 2006 zugesagt.

Den Lehrkräften stehen zehn Module zur Verfügung, die modifiziert werden können. Diese "Freiheit" ist, so Wilfried Meyer-Schlegel, Landeskoordinator in Bremen, ein ganz wichtiger Aspekt des Projekts. "Soziale Brennpunktschulen - wie die Grundschule Halmerweg - müssen anderes arbeiten als zum Beispiel eine Schule auf dem Land in Bayern. Wir haben zwar die gleichen Module, aber wir müssen sie in unseren Schulen 'übersetzen'".

Berufsqualität gestiegen

Zur Geschichte von SINUS: 1998 richtete die Bund Länderkommission als Konsequenz aus den TIMSS-Ergebnissen ein Modellversuchsprogramm für den Sekundarbereich ein: "SINUS - Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts". Finanziert wurde es je zur Hälfte aus Mitteln des Bundes und der Länder und gehört zu den größten unterrichtsbezogenen Entwicklungsprogrammen in Deutschland. In der ersten Phase waren 180 Schulen in 15 Bundesländer beteiligt. Eine ganz zentrale Rolle spielte dabei die Kooperation zwischen den Lehrkräften: In den einzelnen Schulen arbeiteten die Fachkollegien intensiv zusammen. In so genannten Sets aus jeweils sechs Schulen wurde in lokalen Netzen kooperiert. Diese Schulsets wiederum wurden von Koordinatorinnen und Koordinatoren betreut, die eng auf Länder- und Bundesebene zusammenarbeiten. Erste Ergebnisse dieses Projekts belegen, dass die beteiligten Lehrkräfte einen deutlichen Gewinn an Berufsqualität wahrnehmen, dass ihre Zufriedenheit stark gestiegen ist. Genaue Ergebnisse auf Schülerseite - getestet mit den in PISA genutzten Instrumenten - werden Ende 2005 vorliegen.

Lehrer arbeiten zusammen

An das erste SINUS Programm schloss sich im Schuljahr 2003/04 ein überregionales Transfer-Programm in 13 Bundesländern und etwa 700 Schulen an, mit dem Ziel, den Sinus-Ansatz flächendeckend zu verbreiten. Schließlich kam jetzt das fünfjährige BLK-Programm "SINUS-Transfer Grundschule dazu. Auch hier liegt der Schwerpunkt in der Zusammenarbeit der Lehrer vor Ort und der Vernetzung über die Koordinatoren bis zur Bundesebene.

Und - so profan es auch klingen mag - das ist ein ganz entscheidender Schlüssel zum Erfolg. "In vielen Kollegien findet ja ein Austausch gar nicht mehr statt - natürlich auch wegen der Arbeitsbelastung", erklärt Wilfried Meyer-Schlegel. "Und genau das wird mit diesem Projekt wieder aufgebaut: Die Zusammenarbeit, unter den Kollegen vor Ort - es wird wieder über Unterricht gesprochen. Dann der Austausch zwischen Praktikern und Didaktikern von den Hochschulen und schließlich zwischen den Koordinatoren auf Bundesebene."

Tomaten oder Bananen?

Ob in Tomaten denn auch Wasser ist, will Natascha am Ende der Stunde wissen. "Oder in Bananen", ergänzt Hannes. "Ja, das müssen wir unbedingt rausfinden", ermutigt Andreas Stage seine Schüler.

"Es ist wie mit einem Stein, den wir ins Wasser werfen", sinniert er nach dem Unterricht, "er produziert Wellen: Bei den Kindern, bei den Lehrern, im Kollegium."

Ein Bild, das für das gesamte Projekt zutrifft: Der Bund wirft den Stein und in den einzelnen Bundesländern breiten sich die Wellen aus. Selbst in Niedersachsen. Hier hatte man sich bei dem Projekt SINUS Grundschule zunächst zurückgehalten - eine derartige Präsenz des Bundes in Sachen Bildung passte wohl nicht zur Attacke des Ministerpräsidenten gegen die KMK. Vor Weihnachten aber entschied man sich auch in Hannover für eine Teilnahme.

Das SINUS Projekt Grundschule im Internet: http://sinus-transfer.uni-bayreuth.de/

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