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Einstiegsdroge Teletubbies

Hirnforscher warnt vor TV und PC

Mehr zu: ADHS, Deutschland, E-Learning, Gewalt in der Schule, Hirnforschung, Killerspiele, PISA (Studie), Kindergarten / Vorschule
12.04.2005 -


(nad) Geht es um Schulleistungen am Bildungsstandort Deutschland, dann gibt es immer wieder ein gern diskutiertes Thema: Die modernen Medien - also PC & TV - und ihr Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Ob Big Brother oder das neuste Ballerspiel: Sie haben schnell den Schwarzen Peter, wenn es um Leistungs- oder Verhaltensdefizite wie Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen geht.

Manfred Spitzer hat sich in seinem neusten Buch "Vorsicht Bildschirm! - Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft", zum Ziel gesetzt, Vermutungen durch Thesen zu ersetzen und mit diversen Studien zu bestätigen. Herausgekommen ist ein 284 Seiten starkes Buch, das dieses Thema praxisnah und auch dem Laien verständlich präsentiert.

Fernsehmörder

Um es gleich vorweg zu nehmen: Manfred Spitzer ist kein Freund der Bildschirme. "Kinder sind - im Vergleich zu Erwachsenen - in vielerlei Hinsicht formbarer.[...] Dies kann man ganz wörtlich nehmen: Wer vor dem Bildschirm sitzt, bewegt sich nicht und gerät aus der Form." Spitzer geht davon aus, dass, vorausgesetzt die Entwicklung setzt sich so fort wie bisher, ab dem Jahr 2020 jährlich 40 000 Menschen in Deutschland aufgrund erhöhter Bildschirmnutzung sterben werden. Gründe: Die Menschen bewegen sich nicht mehr, werden dick und sterben frühzeitig an Herzinfarkten, Zuckerkrankheit, Schlaganfällen und Lungenkrebs.

Spitzer präsentiert aktuelle Zahlen des amerikanischen Epidemiologen Brandon Centerwall. Demnach gäbe es in den USA jährlich 10 000 Morde, 70 000 Vergewaltigungen und 700 000 Gewaltdelikte weniger, wenn der Bildschirm nie erfunden worden wäre. Spitzer belegt an hand von Studien, dass Gewalt in den Medien - vor allem bei Kindern unter acht Jahren - zu verstärkter Aggressivität und antisozialem Verhalten, aber auch zu Ängsten, selbst Opfer von Gewalt zu werden, führt.

Fernsehen als Erzieher

"Wer viel fernsieht, lernt schlechter lesen, ist weniger kreativ, nimmt die Dinge eher oberflächlich auf, denkt weniger nach und übernimmt Rollenstereotypen." PISA lässt grüßen! Spitzer rechnet zusammen, dass der durchschnittliche Jugendliche in Deutschland jährlich etwa 1000 Stunden in der Schule, 1200 Stunden vor dem Fernseher und 1170 Stunden mit der Familie verbringt, wovon wiederum allein 480 Stunden mit gemeinsamem Fernsehkonsum draufgehen. Summa summarum übernimmt das Fernsehen also, laut Spitzer, etwa 42% der Erziehung. Tatsächlich belegen zwei von Spitzer herangezogene Studien, dass der Fernsehkonsum sich in erheblich negativem Maße sowohl auf die Leistungsfähigkeit in der Schule, als auch auf außerschulische Aktivitäten und die sozialen Kontakte auswirkt. Speziell auf die elementaren Lesefähigkeiten habe der Fernsehkonsum direkte Auswirkungen. So schreibt Spitzer, dass sich bereits das Fernsehverhalten im Kindergartenalter auf die weitere schulische Karriere auswirkt und belegt auch dies anhand einer Studie.

Der Hirnforscher findet harte Worte: "Ich bin mir auch nicht sicher, ob man die Erfinderin der Teletubbies, Ann Wood, unbedingt dafür adeln musste, dass sie nicht nur für das Leiden vieler tausend Kinder unter Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen verantwortlich ist, sondern indirekt auch für deren Tod." Sendungen wie die Teletubbies bezeichnet Spitzer als "Einstiegsdrogen" und diese sollten von der Gesellschaft auch als solche behandelt werden, nämlich mit Verboten.

Visualisierungsgau

Doch es geht nicht nur ums Fernsehen, auch der PC bekommt sein Fett weg. Unter anderem gilt das Augenmerk Spitzers der Präsentationssoftware Power Point. Kaum noch ein Dozent, der etwas auf sich hält, lässt ein Referat ohne Power Point Präsentation zu. Und auch in den Schulen hört man die Beamer immer öfter surren. Dabei bekommt der Rezipient meist möglichst bunte, unübersichtliche, bebilderte und mit kurzen Halbsätzen versehene Standardgrafiken zu sehen. Vorausgesetzt, so Spitzer, es bleibt noch genügend Zeit, nachdem der Vortragende seine Hard- und Software zum Laufen gebracht hat. Der Kritiker bringt es auf eine kurze Formel: "Wer mit PC und PowerPoint präsentiert, der sagt nicht 'Hier sind die Fakten und das, was ich mir denke', sondern gibt dem Publikum eher nach Art einer Dog-and-Pony-Show zu verstehen: 'Hey, schaut mal, was für tolle Tricks ich diesem teuren kleinen Kistchen beigebracht habe'." Folgerichtig spricht Spitzer von "einer Verflachung des geistigen Inhalts" und "einer inhaltlichen Verarmung" der Präsentationen.

Fazit

Manfred Spitzer behandelt das Thema "Bildschirm und Gesellschaft" mit wissenschaftlicher Weitsicht und professionellem Sachverstand. Er erläutert umfassend die Gefahren, die in Video- und Computerspielen, im Fernsehkonsum und im Internetgebrauch liegen. Spitzers Lösungsansätze hingegen muten zum Teil etwas veraltet an. Vor dem Verbot sollte die Aufklärung stehen - dazu bietet dieses Buch ausreichendes und hervorragendes Material, geeignet für einen gesellschaftlichen Diskurs. Also: Lesen und diskutieren (mit den Kindern).

Das Buch von Manfred Spitzer "Vorsicht Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft" ist im Januar 2005 als Band 1 der Reihe "Transfer ins Leben" im Ernst Klett Verlag (ISBN 3-12-010170-2, 288 Seiten, 19,80 Euro) erschienen.

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