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"Die Super Nanny" - ein TV-Märchen

Die Diskussion um die Erziehungsberatung per Reality-TV geht weiter

Mehr zu: Alte Sprachen, Super Nanny
20.04.2005 -

(jk). Viele Familien kranken daran, dass den Eltern der Zugang zu ihren Kindern fehlt. Einerseits ist Erziehung anspruchsvoller geworden, andererseits fehlt vielen die Zeit, sich mit dem Nachwuchs intensiv zu beschäftigen. RTL greift das Thema mit der Serie "Die Super Nanny" auf, doch Erziehungsexperten stehen dem TV-Format skeptisch gegenüber.

Florian Wedlich schreit, tobt, schlägt die kleine Schwester. Julian terrorisiert die Familie mit ewigen Wutanfällen. Die Super Nanny hilft. Wer die Internetseite von RTL liest, könnte meinen, Deutschlands Familien wären ohne Super Nanny verloren. Die TV-Pädagoginnen argumentieren, Kindern würden keine Grenzen mehr gesetzt, weshalb ihr "Gehorsam" nachlasse. Die Super Nannys retten verzweifelte Eltern via Fernsehbildschirm. Zu eindimensional, meinen einige Psychologen und Erzieher. Die Ursachen für das Fehlverhalten der Kinder liegen häufig tiefer und werden von der Super Nanny nicht analysiert.Die Post-68er-Generation hat es nicht leicht. Waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Rohrstock und Prügelstrafen Usus, so riss die antiautoritäre Erziehung in den 1960er-Jahren jegliche Grenzen für das Kind nieder. Bei einer "demokratisierten" Erziehung angekommen, sind Eltern heute häufig verzweifelt, da ihr Kind nicht so möchte wie sie. Fernsehsendungen wie "Die Super Nanny" sind Modelle, die ankommen und zumindest eine Initialhilfe bieten können. "Wir wollen mit diesem Format einerseits den betroffenen Familien eine Hilfestellung bieten, andererseits aber auch dem Zuschauer anhand von unterschiedlichen Fällen Lösungsansätze für Probleme in der eigenen Familie aufzeigen", heißt es auf der Homepage des Senders RTL, für den jede Woche Nanny Katja oder Nadja auftreten und im Schnitt 5,59 Millionen Zuschauer fesseln.

Coaching für Eltern

Um diese und weitere Lösungen für verzweifelte Mütter und Väter ging es auf der Tagung "Coaching für Eltern", die Ende Februar in Heidelberg stattfand. Veranstalter waren das Universitätsklinikum Heidelberg, die Universität Osnabrück, das Helm Stierlin Institut Heidelberg und das Institut für Familientherapie Weinheim. Der rege Zuspruch - 800 Eltern, Lehrer, Berater, Psychotherapeuten und Kinderärzte - sprach für sich und bewies die Relevanz des Themas. "Eltern zu werden und zu sein ist in den letzten Jahren eine anspruchsvollere Aufgabe geworden", stellte Prof. Dr. Jochen Schweitzer von der Universität Heidelberg fest. Er räumte ein, dass die zunehmende Psychologisierung und Pädagogisierung einerseits neue Möglichkeiten, andererseits aber auch "Risiken und Nebenwirkungen" mit sich bringe. Heutzutage müssen Mütter oder Väter häufiger alleine die Erziehung ihrer Kinder übernehmen. Berufliche Anforderungen nehmen zunehmend jene Zeit in Anspruch, die Eltern eigentlich für die Erziehung benötigten. Verunsicherung und Hilflosigkeit auf allen Seiten sind die Folge.

Wachsender Bedarf

Eine Alternative zu "Die Super Nanny" ist der Marte-Meo-Ansatz (www.martemeo.com), der Eltern durch Videotraining zu "Experten" macht. Die niederländische Begründerin Maria Aarts geht davon aus, dass eine zehnminütige Sequenz aus dem Leben einer Familie mit Erziehungsproblemen genügt, um die Situation und die Verhaltensweisen zwischen den Eltern und ihren Kindern analysieren zu können. Ein Psychologe sieht sich mit den Eltern den Film an, im Anschluss werden die Probleme besprochen. Dabei geht es nicht darum, was die Eltern falsch machen, sondern um einen alternativen Umgang mit dem Kind. Zwei Filmsequenzen und zwei Besprechungen pro Monat führen langfristig zu größeren Erfolgen als der Einsatz einer Super Nanny, meinen die Experten. Zentraler Ansatz ist es, den betroffenen Personen ihre eigenen Stärken bewusst zu machen; daher auch der aus dem Lateinischen "Mars martis" (deutsch: auf den eigenen Stärken beruhend) abgeleitete Name des Konzepts.

Ethisch bedenklich

In jeder größeren Stadt gibt es Erziehungsberater, Institute oder Ähnliches, die eine professionelle Unterstützung für Familien anbieten. Doch auch hier wird der Rotstift angesetzt: "Trotz des deutlichen Bedarfs ist die Situation der Kommunen desolat und daher das Angebot nicht hinlänglich", bemängelt Dr. Peter Bünder, Familientherapeut der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF), Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Düsseldorf und Ausbildner für das Marte-Meo-Videotraining. Daher sei die RTL-Serie "Die Super Nanny" immer noch "besser als nichts" und könne den Familien eine gewisse Struktur und Anregungen für einen besseren Umgang mit ihren Kindern geben.

In ethischer Hinsicht hält Bünder die Sendung jedoch für problematisch. Nicht auszumalen, wie die Kinder, in der Sendung häufig als "Monster", "Zoff-Kinder" oder "Tyrannen" dargestellt, reagieren, sollten sie in zehn Jahren einen Mitschnitt ihres Auftritts bei "Die Super Nanny" sehen. "Gehorsam wird hier zu einem Prinzip, das die Beziehung zwischen Eltern und Kind völlig blockieren kann", erklärt Bünder. Es gehe vielfach um die Unterwerfung des Kindes. Loben, wenn sich das Kind angemessen verhält, mit ihm auf eine Augenhöhe gehen, das seien die Instrumente, mit denen die Super Nanny unter anderem arbeite. Diese Instrumente könnten sich jedoch zu einer Pflicht verfestigen, meint der Erziehungswissenschaftler. "Verheerende Schäden" könne auch der so genannte Stille Stuhl verursachen. Laut Super Nanny sollen Eltern ihre "ungezogenen" Kinder für fünf Minuten auf einen Stuhl oder in ein ruhiges Zimmer setzen, wo sie isoliert sind und keinerlei Aufmerksamkeit bekommen, allein gelassen mit ihren Ängsten und den Ursachen für ihr problematisches Verhalten. Angewendet wird dieses Prinzip bei 18-monatigen bis zehnjährigen Kindern. Diese "Einzelhaft", so Bünder, sei für Kleinkinder aber zu extrem.

Zoff nach Drehbuch

Dazu kommt, dass auch Super Nannys nach Regieanweisung arbeiten: Fernsehen lebt nun einmal von Spannung, weshalb auch das Familienleben Dramatik bieten muss. Da befiehlt der Kamera-Mann schon mal, dass der Siebenjährige ein bockiges Gesicht ziehen und beleidigt unter dem Bett verschwinden soll - Tobsucht auf Bestellung, denn auch die Filmcrew will mal Feierabend haben. Bünder vergleicht die Fernsehdoku mit dem Aufbau eines Märchens: Eine Krise entsteht, der Held (die Super Nanny) tritt auf und nach einigen Rettungsversuchen folgt das Happy End.

Professionelle Erziehungsberater oder Therapeuten gehen von einem Miteinander der Eltern und des Beraters aus. Zielperson ist das Kind. Die Super Nanny hingegen steht über den Kindern und Eltern, die damit beide in eine unterlegene Position gedrängt werden. Dadurch könne sich, so Bünder, das Prinzip "Der Stärkere siegt" verfestigen und das Kind im Extremfall zu dem Schluss kommen: "Wenn ich mal groß und stark bin, dann zeig' ich's euch!" Die Experten könnten Alternativen bieten, doch die Masse der verzweifelten Eltern erreichen sie nicht.

Fazit

Professionelle Erziehungsberater können naturgemäß mehr leisten als Fernsehserien. Da aber nicht alle individuelle Hilfe in Anspruch nehmen können, sind TV-Serien wie "Die Super-Nanny" auch aus Sicht vieler Experten "besser als nichts".

Ansprechpartner

Bernhard Schorn
Geschäftsführer
Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie
Pohlmannstraße 13
50735 Köln

www.dgsf.org

Erstveröffentlichung:
Klett Themendienst

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