Ein Vorschlagewerk zum Nachschlagen
Wikipedia - ein neues Genre?
Mehr zu: Nachschlagewerke, Rechtschreibung, Sonderthemen(bikl) "Als aber das Volk der digitalen Jünger sah, dass seine Führer nicht mehr weiter wussten und aus den Labors für neue Inhalte nicht mehr zurück kamen, sammelte es sich unter Wikipedia und sprach zu ihr: Auf, mach uns ein Licht, das vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesen Männern vom Stamme Window widerfahren ist, die uns aus den Niederungen Analogias heraus geführt haben.
Und Wikipedia sprach zu ihnen: Greifet zu auf alle Werke mit dem versammelten Wissen in allen Bibliotheken des Weltreiches und vergesst nicht die digitalen Depots wo immer ihr sie aufspürt und bringet zu mir, was immer ihr darin findet.
Und alles Volk der digitalen Jünger stand früh am Morgen auf und riss die Werke des Wissens aus den Bücherregalen und Lagerstätten und ein jeder forschte nach in seinen Gedanken, was er bei sich und seinen Kindern an Wissen übrig machen könnte für Wikipedia und sie brachten es alles zu ihr und opferten es daselbst.
Und Wikipedia nahm es von ihren Händen und bildete das Wissen in einer einzigen URL und machte ein goldenes Universalwerk. Und sie sprachen: Das ist ein wahres Licht, das uns aus Analogia geführt hat!
Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und einige standen auch auf, um mit den Abbildern aus dem goldenen Universalwerk ihre Lust am Handel zu erfüllen ....."
Der Hype um die freie Enzyklopädie Wikipedia hat offenbar seine biblische Parallele. Als nach den Jahren des IT-Booms die Statthalter digitaler Hybris für das Platzen so mancher digitaler Blasen keine Erklärungen mehr finden konnten, wurde allenthalben das Motto aufgetischt, dass es nunmehr auf die neuen Inhalte ankomme - die technischen Voraussetzungen dafür seien ja längst optimal erfüllt. Die arbeitende Bevölkerung weiß eh, dass zukünftig zur eigenen Sättigung 40 Stunden Arbeit in der Woche nicht mehr reichen werden ("verdammt harter Weg durch die Wüste") und die von aller Arbeit Befreiten schwanken zwischen Hoffen und Bangen ("ich schaffe es eh nicht"). Damals wie heute: Goldene Zeiten für Universallösungen.
Millionen können sich nicht irren?
Eine solche universale Lösung will uns Wikipedia bieten, ein weltweit vernetztes Kompendium des Wissens, zu dem, wer immer auch will, sein digitales Mosaiksteinchen beitragen kann. Die Aura des Computers hat sich nach Jahren fast blinder Verehrung längst in den Niederungen des Alltags aufreiben lassen. Ist der PC letztendlich doch nicht viel mehr als eine Schreibmaschine mit automatischer Korrekturfunktion? Die mit Überstunden bezahlte Automatisierung des Betriebes letztlich doch nur der Killer des eigenen Jobs? Die Karrierefundamente Wissen und Bildung auch in einer demokratisch verfassten Gesellschaft nicht frei von sozialen Begünstigungen? Das alles beflügelt die Sehnsucht nach individueller und gesellschaftlicher Genugtuung, nach einem wirklich großen Ding, das denen da oben mal so richtig zeigt, wo der Hammer hängt. So wird auch in keinem Statement offizieller Wikipedianer der Hinweis vergessen, der die Gemeinde so stark motiviert und zusammen schweißt: In Anbetracht des gigantischen Wachstums an Zugriffen und Stichwörtern sollten sich die Verleger traditioneller Lexika nun wirklich "warm anziehen".
Und just das gebetsmühlenartige Wiederholen dieser in der Tat rasant wachsenden Quantitäten wird unter der Hand gern als Beweis für den geschafften Sprung in die Qualität genommen: Was so vielen Menschen recht ist, das kann doch wirklich nicht schlecht sein. Die Verleger der Bild-Zeitung, dank jahrzehntelanger Praxis die Realitäten erfreulich offener beschreibend, argumentieren genau umgekehrt: Der Markt will offensichtlich unsere Qualität. Die Frage nach welcher ist damit beantwortet.
Wir sind Wissen
Die Qualitäten, die Wikipedia für sich proklamiert, gehen über den Tellerrand der eigenen Gemeinde weit hinaus, man greift bewusst um den ganzen Globus. Derzeit wachsen und lagern die Daten zwar noch in ihren muttersprachlichen Séparées, aber das Gefühl, zur universalen Gemeinschaft dazu zu gehören, das wirkt wie Öl in der Motiviations- und Vermarktungsmaschinerie des Projekts und wird entsprechend oft im Portal geträufelt. Zugleich liefert diese universale Verbundenheit den Stoff für die regionalen Wachstumsquoten. Klar, das englischsprachige Werk liegt zwar deutlich an Platz eins, aber dann kommen schon 'wir'. Wenig erfährt man bei solchen Vergleichen über vielleicht unterschiedliche Angebote oder Usancen des Nachschlagens, speziell in digitalen Werken. Allen Zahlen wird ohne Not die gleiche Aussagekraft zugemessen.
Wissensflow
Wikipedia versteht sich als Enzyklopädie und setzt somit auf den Vertrauensvorschuss seiner Leser. Dass die Qualität der Beiträge sich aus dem aktuellen Konsens der aktiven Wikipedia-Gemeinde ergibt, erschließt sich nur dem entsprechend interessierten Leser und diesem auch erst auf den zweiten Blick. Vollends nur die halbe Wahrheit dienen alle jene Portale - und das sind in zunehmendem Maß auch Bildungseinrichtungen - ihren Besuchern an, die etwa unter ihren Linktipps für Lexika oder Nachschlagewerke schnurstracks auf Wikipedia verweisen. Dabei kann sich der Nachschlagende bei Wikipedia letztlich nie ganz sicher sein, ob die Fakten oder die Form wirklich zuverlässig Auskunft geben. So konnte sich bekanntlich Schalke 05 über längere Zeit unwidersprochen als der bekannte Kickerverein aus Gelsenkirchen ausgeben. Auch ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten, dass die Beiträge in Einklang mit den gängigen Regeln des richtigen Schreibens und Interpunktierens gebracht werden.
Motiv: Dabeisein
Wikipedia definiert sich selbst als 'freie' Enzyklopädie. Mit frei ist hier wohl der freie Zugang für alle gemeint, die am Bestand des Werkes herumwerkeln wollen. Offensichtlich ein tausendfach das Gefühl des Dabeiseins auslösendes Faszinosum. Hier steht nicht das Finden von Informationen im Vordergrund des Users, sondern das Einspeisen von Bestandteilen des eigenen Wissens in den großen Pool, in dem diese Eingabe entweder gemeinschaftlich akzeptiert oder Stück für Stück modifiziert wird. Wikipedia also als globales Vorschlagewerk für die Suche aller Interessierten nach dem haltbaren Kompromiss. Das ist spannend, das ist kommunikativ und das ist transparent. Problematisch wird die freie Enzyklopädie für alle, die hier verbindliche Auskunft erwarten, und zwar auf die Schnelle, weil Zeitersparnis das zentrale Plus des Nachschlagewerks gegenüber dem Sachbuch ist.
Schoßkind der Suchmaschinen
Die hohe Akzeptanz und das kostenlose Bereitstellen der Inhalte hat Wikipedia im Internet zu einem Liebling der großen Suchmaschinen gemacht, mit dem angenehmen Nebeneffekt für die Betreiber, auf eine eigene angemessen differenzierende Wikipedia-Suchmaschine verzichten zu können. Sei es, dass Google oder Yahoo die Tendenz stoppen wollen, ihre Besucher mit peinlich saftlosen Suchergebnissen schlichtweg zu überfüttern, sei es, dass sie sich nicht so recht vom Beigeschmack der Käuflichkeit befreien können: Ein Portal, das sich qua Definition keinerlei wirtschaftlichen Interessen verpflichtet fühlt, selbst ordentliche Zugriffszahlen mitbringt und sich überdies noch kostenlos ausweiden lässt, das kann dem eigenen Nimbus nur dienlich sein.
Vorschläge zum Nachschlagen
Im Sinne derer, die das Sagen hatten, nahm die Geschichte im Alten Testament ein gutes Ende - nachdem Moses mit harter Hand durchgegriffen hatte. Entscheidungen in der vernetzten Mediengesellschaft sind nicht mehr ganz so leicht per Dekret zu ordnen, der Rat für deutsche Rechtschreibung ist ein beredtes Zeugnis dafür. Den Wikipedianern, nachdem eine starke Gemeinschaft die Server nach wie vor emsig mit was auch immer füllt, gelingt es nach und nach, das Werk Schritt für Schritt in die Verwertungszusammenhänge des Marktes einzufädeln. Mal als direkt umsetzbare Handelsware in Form von CD-ROM oder DVD, bald auch in gedruckten Specials im Glanz von Magazinen. Letztlich unüberschaubar wird der Markt aber im Internet, indem sich zahllose Portale der Marke Wikipedia bedienen, um mit deren Inhalten den Nachschlagehunger der eigenen Besucher zu stillen. Denn tatsächlich ist Wikipedia kein im herkömmlichen Sinn verlässliches Lexikon, sondern eine 'freie' Enzyklopädie, nämlich ein Vorschlagewerk.
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