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Legasthenie: Tausenden von Kindern könnte geholfen werden

Eindeutige Forschungsergebnisse werden bisher kaum umgesetzt

Mehr zu: Deutschland, Forschung, Legasthenie, Schulverwaltung, Statistik, Unterrichtsgestaltung, Weiterbildung, Schule, Weiterbildung
24.06.2005 -

(bikl) Etwa 842.000 Kinder werden im Sommer 2005 in Deutschland eingeschult. Bei bis zu zehn Prozent von ihnen - so die Statistik - kann bald eine Lese-Rechtschreibschwäche diagnostiziert werden. Doch dieses Schicksal könnte vielen erspart bleiben - mit dem richtigen Unterrichtskonzept. Das haben Marburger Wissenschaftler bewiesen. (Siehe auch Pressemeldung vom 28.04.2005 in bildungsklick.de.) Bildungspolitik und Schulbürokratie sorgen deshalb umgehend für einen flächendeckenden Einsatz dieser Methode - sollte man meinen. Doch eher das Gegenteil ist der Fall.

Seit Dezember 2004 liegen die Resultate des hessischen Modellversuchs "Schriftsprach-Moderatoren" vor: Fast die Hälfte aller lese- und rechtschreibschwachen Kinder konnte mit dem Konzept Lollipop erfolgreich lesen und schreiben lernen. "Ein sensationelles Ergebnis, weil es darauf hinweist: Schule hat eine große Bedeutung für diese Störung. Und wenn man den Unterricht verändert, kann man sehr viel erreichen", erklärte Dr. Gerd Schulte-Körne gegenüber bildungsklick.de. Schulte-Körne ist Oberarzt an der Klink für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Marburg und Leiter der Studie.

Nur ein Konzept erfolgreich

Mit zehn Prozent hatten Schulte-Körne und seine Mitarbeiter den Anteil der lese- und rechtschreibschwachen Kinder anfangs angesetzt und in der Folge drei Gruppen untersucht: Eine Gruppe, die mit herkömmlichen Materialien unterrichtet wurde und zwei Gruppen, die mit speziellen Konzepten lernten. Beide Verfahren sollen für besseres Lesen-und Schreibenlernen sorgen: Die Rechtschreibwerkstatt und der Lehrwerkverbund Lollipop. Doch nur eine Methode brachte den erhofften Erfolg.

Was sich bereits während des ersten Jahres abzeichnete, wurde am Ende des zweiten Schuljahres Gewissheit: Der Anteil der lese- und rechtschreibschwachen Kinder hatte sich in der Lollipopgruppe auf rund 5 Prozent nahezu halbiert - hingegen in der Gruppe, die mit der Rechtschreibwerkstatt lernte, auf 23 Prozent mehr als verdoppelt. Eine miserable Quote, die sogar noch von der Kontrollgruppe, die nicht besonders beschult wurde, unterboten wurde - hier waren es "nur" 18 Prozent.

"Schon jetzt daraus lernen"

Der Modellversuch, zunächst auf zwei Jahre angelegt, wurde unterdessen bis Mitte 2006, also bis zum Ende des vierten Schuljahrs verlängert. Aber schon jetzt, so Gerd Schulte-Körne "kann man aus diesem Projekt lernen. Die Frage ist, inwieweit die Politik, die einzelnen Ministerin das umsetzen wollen." Zur Umsetzung gehöre auch die Weiterbildung der Lehrer ergänzt Gisela Dorst vom Schulamt Fritzlar und Mitautorin des Lehrwerks Lollipop: "Wir brauchen kompetente Lehrer, die das, was in dem Konzept steckt, auch verstehen. Das ist die Basis. Deswegen kann man nicht einfach sagen: In ganz Deutschland wird Lollipop eingeführt und es gibt keine rechtschreibschwachen Kinder mehr. Das wäre zu kurz gegriffen. Die Fachkompetenz der Lehrer gehört unbedingt dazu."

Warum machen Bildungsbürokraten einen Rückzieher?

Doch entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen sind außerhalb des Modellprojekts nicht in Sicht. Und auch die Öffentlichkeit soll wohl möglichst wenig über die bisherigen Ergebnisse erfahren. Auf einer Pressekonferenz wollte das hessische Kultusministerium Anfang Dezember 2004 die Marburger Ergebnisse präsentieren. Aber, so berichtete damals die Waldeckische Landeszeitung "die Ministerialbürokraten zogen plötzlich die Köpfe ein und ergingen sich in nebulösen Andeutungen, statt konkrete Tatsachen zu nennen."

Wider besseres Wissen?

So zurückhaltend sind die Befürworter der deutlich abgehängten Rechtschreibwerkstatt nicht: "Mir ist bekannt geworden, dass es in NRW sehr populär ist, mit diesem Programm zu arbeiten und dass es wohl eine Initiative gibt, das flächendeckend einzusetzen", berichtet Gerd Schulte-Körne. Sein Kommentar: "Wenn man die Ergebnisse unseres Modellprojekts sieht, würde man natürlich davon abraten."

Noch deutlicher formuliert Günter Jansen, ehemaliger Lehrer und Fachleiter für Deutsch am Gesamtseminar Düsseldorf, die Konsequenzen: Zigtausenden von Kindern, so der Pädagoge, drohten beim Einsatz dieser Methode irreparable Schäden für ihre Lebensbiographien.

Das Unterrichtskonzept Lollipop wird gegenwärtig erst in wenigen Bundesländern eingesetzt. Vielleicht, weil das Ergebnis der Marburger Studie bislang kaum bekannt ist, die Anhänger der Rechtschreibwerkstatt aber lautstark trommeln. Bleibt im Interesse der Kinder zu hoffen, dass sich die erfolgreiche Methode bald durchsetzen wird.

Weiterführende Links:

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Andrea Christiansen, am 28.03.2008, 22:53

Herzlichen dank, dass sie hier so deutlich den fehlenden Willen der Kultusminister ansprechen, am unterrichtskonzept etwas zu ändern.

Ich arbeite mit legasthenen Kindern, bin immer wieder entsetzt über die Unkenntniss der Grundschullehrer zu diesem Thema (und der Dyskalkulie) und dem auch dort fehlenden Willen zu Fortbildung und Umorientierung. Methoden wie "Lesen durch Schreiben", deren Untauglichkeit längst erwiesen ist, werden noch immer im Unterricht verwendet, zum Leidwesen der Kinder. Ich hoffe, dass Deutschland bald den Mut zu echter Veränderung im Bildungswesen hat und nicht mit Scheinreformen und weiterhin viel zu großen Klassen die Würde der Kinder mit Füßen tritt.

Die Unterrichtsmaterialien von Lollipop und andere Produkte des Autors kann ich nur empfehlen!


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