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Eine Million Rechtschreibfehler in Wikipedia?

bildungsklick.de-Testreihe: Kein geprüfter Artikel frei von Fehlern. Dennoch gut genug für Schulen?

Mehr zu: Bildung in Zahlen, Medienkompetenz, Nachschlagewerke, Rechtschreibung, Schulbuch, Schulfächer, Sonderthemen
05.08.2005 -

(bikl) "Fehlende Rechtschreibsicherheit" ist ein oft beklagtes Manko bei Schulabgängern aller Schulstufen. Nicht zuletzt auch deshalb sollte die Reform der deutschen Rechtschreibung eine jahrzehntelange Diskussion um orthografische Stolpersteine beenden und richtiges Schreiben für alle einfacher machen. Nachdem sich just zur Umsetzung der Vereinbarungen Politik und Publizistik mit Vehemenz auf das Thema einschossen, war der Konsens erst einmal dahin und welche Regeln letztlich über den Haufen geworfen werden, das weiß zur Stunde niemand.

Keine glückliche Situation für die Schulen, denn unterschiedliche Schreibweisen verankern sich in den Köpfen der Schüler und im Nachhinein fällt das Umlernen auf die dann richtige Variante umso schwerer. Nicht von ungefähr legen deshalb die Schulbuchverlage seit jeher allergrößten Wert auf penibles Einhalten der geltenden Rechtschreibregeln in ihren Lehrwerken.

Mit zunehmender Präsenz elektronischer Medien in den Schulen hat sich inzwischen auch das Internet als Informationsmedium für viele Fächer und Unterrichtseinheiten etabliert. Das wird nicht nur an den schier endlosen Linkempfehlungen auf den Homepages der Schulen deutlich. Auch die um mediengerechte Nutzungen bemühten Einrichtungen wie zentrale oder regionale Bildungsserver mit teils wissenschaftlichem, teils staatlichem Background geben alters- und fachspezifische Linktipps für den Schulunterricht heraus.

Von und für Schulen empfohlen

In all diesen Linklisten wird vermutlich kein zweites Werk für so viele Fächer und Recherchemöglichkeiten empfohlen wie die freie Enzyklopädie Wikipedia. Kein Wunder, denn nichts ist bei den notorisch unterfinanzierten Schulen so beliebt wie kostenloses Material für den Unterricht. Da kommen die unentgeltlichen Klicks in die freie Enzyklopädie gerade recht.

Im Mai war bildungsklick.de unter dem Titel "Ein Vorschlagewerk zum Nachschlagen" der Frage nachgegangen, ob Wikipedia wegen des vorläufigen und dynamischen Charakters der Beiträge nicht eher einem Vorschlage- denn einem Nachschlagewerk entspreche. Der Beitrag löste eine Flut von Lesermails aus, in denen man sich mit viel Engagement und nicht ganz frei von Rechtschreibfehlern für das Werk engagierte. Für bildungsklick.de ein Anlass, auch einmal den eigentlichen Kern der Auseinandersetzung, die freie Enzyklopädie Wikipedia, auf Rechtschreibfehler zu untersuchen.

Am 4. Juni 2005 wurden dazu von bildungsklick.de zwölf der Wikipedia-Artikel überprüft, die der Deutsche Bildungsserver unter dem Suchbegriff 'Wikipedia' ausdrücklich als Quellen für den Gebrauch in Schulen empfiehlt. Dabei handelt es sich um die Texte zu den Begriffen: Antipädagogik, Edelgasregel, Erzieher, Geiselnahme, Hartz-Konzept, Historikerstreit, Medienkompetenz, Friedrich Schiller, Science Center, Teilnehmende Beobachtung, Terrorismus und Tsunami - also ein Begriffsmix durch verschiedene Schulfächer.

Schulbuchkriterien gelten nicht immer

Denn eins ist klar: Ein solides Nachschlagewerk für die Schulen hat ─ wie ein Schulbuch ─ nicht nur inhaltlich korrekt zu sein, sondern muss auch die formalen Standards unbedingt einhalten. Doch den Korrektoren der Wikipedia-Texte war schon nach wenigen Seiten klar, dass sie bei dem vorliegenden Stoff die orthografischen Bandagen lockern mussten. Etwa fehlende Leerzeichen bzw. Festabstände bei Abkürzungen waren von den Wikipedia-Autoren nach dem Prinzip "mal so und mal so" gewählt worden. Auch die Kennzeichnungen bzw. Hervorhebungen von Werken oder Titeln waren weit entfernt von einer konsistenten Handhabung.

Kein geprüfter Artikel ohne Rechtschreibfehler

Trotz Vernachlässigung dieser "kleinen" Unregelmäßigkeiten: Keiner der von bildungsklick.de geprüften Artikel war frei von Rechtschreibfehlern. Da war gemäß der bayerisch-rheinischen Linie beliebig zwischen alter und neuer Rechtschreibung gewechselt worden, da durfte der Leser im laufenden Artikel wechselnden Tempi folgen, hier hatte man kurzerhand den Genus zu Fall gebracht, dort mit der Interpunktion Schindluder getrieben, bisweilen musste man sich sogar auf die Suche nach fehlenden sinnhaltigen Satzteilen machen.

Das Fazit: Die Häufigkeit von Rechtschreibfehlern in den untersuchten Texten der freien Enzyklopädie Wikipedia war erschreckend hoch (siehe Korrekturfahnen im Anhang). Im Beitrag etwa, der sich bezeichnenderweise dem Begriff Medienkompetenz widmet, waren weit mehr als zehn Fehler anzustreichen. Dass dagegen der Text über Antipädagogik nahezu fehlerfrei war, das mag eher seiner Kürze geschuldet sein.

Gut genug für Schulen?

Rechnet man die Fehleranhäufungen in den zwölf überprüften Texten hoch auf alle ca. 250 000 Beiträge in der Wikipedia, ergeben sich schon dann eine Million Rechtschreibfehler, wenn man von durchschnittlich nur vier Fehlern pro Text ausgeht. Eine Quote, die auf Grundlage der Fehlerhäufigkeiten in den geprüften Beiträgen auch gut und gern deutlich höher angesetzt werden könnte. Zwar ist einer Auswahl von zwölf aus insgesamt ca. 250 000 Texten nicht ohne Weiteres eine statistische Relevanz beizumessen, die Menge der hier gezählten Fehler sollte allerdings Anlass zu einer äußerst kritischen Betrachtung der orthografischen Qualität des Gesamtwerkes geben ─ vor allem bei solchen Einrichtungen, die einzelne Beiträge oder die gesamte Wikipedia gern für den Einsatz in Schulen vorschlagen. Zumindest die hier untersuchten Artikel empfehlen sich vor der fachspezifischen Anwendung im Unterricht einer gründlichen orthografischen Durchsicht.

Zu fragen ist daher, gemäß welcher pädagogischer Kriterien Lehrer eine mit so vielen Rechtschreibfehlern behaftete Sammlung als Arbeitsmittel im Schulunterricht einsetzen und übergeordnete Beratungsstellen sie zu diesem Zweck ausdrücklich empfehlen.

Fraglich auch, wie im Rahmen der freien und dynamischen Autorenschaften der Wikipedia das Problem des fehlerhaften Schreibens in den Griff zu bekommen ist. Auf der am 4. August in Frankfurt am Main beginnenden Wikimania, der ersten internationalen Wikimania Konferenz, scheint das problematische Rechtschreibniveau in Wikipedia jedenfalls noch kein lohnendes Thema zu sein.
Links zu den geprüften Text-Versionen (Stand 04.06.05) und die entsprechenden Korrekturfahnen (im .pdf-Format):

2 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Götz, am 22.12.2007, 03:29

In der Korrekturfahne zu "Friedrich Schiller" sind eindeutig falsche Korrekturen enthalten. Außerdem wurden einige Fehler nicht korrigiert.

von Guggi, am 15.02.2008, 02:45

Vielleicht habt ihr ja Glück und Götz erklärt euch auch noch bei gelegenheit, welche falschen Korrekturen das denn wären. :)


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