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Theater macht stark fürs Leben

Von Werner Taube für den Klett Themendienst

Mehr zu: Ethik, Gymnasium, Internationaler Austausch, Künstlerische Fächer, Schulfächer, Schule
14.06.2004 -

(Werner Taube) Darstellendes Spiel wurde in den letzten Jahren in immer mehr Bundesländern als Schulfach eingeführt. Zu Spielleitern ausgebildete Lehrer leiten Kinder und Jugendliche an, sich in einer Arbeitsgemeinschaft oder auch im Fach Darstellendes Spiel mit Theater zu beschäftigen. Werner Taube, Vorsitzender der rheinland-pfälzischen Landesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel in der Schule, über die vielfältigen Funktionen von Schultheater.

Wer in den letzten Jahren regelmäßig die wichtigen bundesweiten Schüler- und Jugendtheaterfestivals besucht hat, z. B. das von den Berliner Festspielen ausgerichtete "Theatertreffen der Jugend" oder das durch die Bundesländer wandernde "Schultheater der Länder" (Bundesverband Darstellendes Spiel), dem wird nicht entgangen sein, dass sich im Schultheater ein drastischer Wandel vollzogen hat. Das gymnasiale Bildungstheater, das sich gern am Spielplan der großen Theater oder am Literaturkanon des Deutschunterrichts orientierte, von einem theaterbegeisterten, aber letztlich doch dilettierenden Lehrer geleitet wurde und sich vor allem einem bedeutenden Text und einem großen Dichternamen verpflichtet fühlte, repräsentiert nicht mehr die gegenwärtige Schultheaterszene. Für alle Alterstufen muss gelten, dass allein die jungen Leute die Inhalte und Themen der Theaterarbeit bestimmen. Vor allem in Eigenproduktionen können sie ihre Interessen, Wünsche, Hoffnungen und Probleme artikulieren, indem sie eigene, eventuell biografische, aber auch fremde, dichterische oder Sachtexte verwenden. Es kommen ebenso Stücke der Kinder- und Jugendtheaterliteratur in Frage wie natürlich auch Klassiker-Adaptionen, wenn die Schüler frei über den Text verfügen und ihre Sicht der Dinge darlegen dürfen. In der Arbeit am Stück ist es von zentraler Bedeutung, dass es nicht ein unreflektiertes Auswendiglernen und Inszenieren eines Textes geben darf, sondern dass Wege gefunden werden, auf denen Jugendliche im gegenseitigen gedanklichen Austausch, in der Diskussion, in der Rollenarbeit, im Improvisieren und Experimentieren einen eigenen, authentischen Zugang zum gewählten Thema finden und anschließend bei der Umsetzung nur so1che theatralen Ausdrucksmittel einsetzen, über die sie auch kompetent verfügen.

Ausgebildete Spielleiter

Eine solcherart veränderte Ausrichtung des Schultheaters setzt selbstverständlich auch ein verändertes Rollenverständnis des anleitenden Lehrers voraus. Zuerst sollte klar sein, dass er Profi sein muss wie in anderen schulischen Bereichen auch, dass er also eine solide fachliche Ausbildung genossen haben muss, die ihm das besondere didaktische und methodische Rüstzeug bereitstellt, das er für die Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen braucht. Ein solcher Spielleiter versteht sich dann nicht mehr als Regisseur, der allein alle Fäden in der Hand hat, sondern er sieht sich in der Rolle des Impulsgebers, der Diskussions- und Spielprozesse anstößt und am Laufen halt, der komplizierte Gruppenprozesse organisiert und begleitet, in denen alle Beteiligten die gleiche Verantwortung haben und eine gleich wichtige Rolle spielen, in denen auf alle Fälle die Kinder und Jugendlichen die Subjekte bleiben und nicht Objekte werden im Dienste eines Autors, eines Stücks oder gar eines ehrgeizigen Lehrers.
Der Spielleiter wird die Kreativität und die Energie der jungen Leute herauslocken, wird seinen Informations- und Erfahrungsvorsprung nur sehr behutsam einsetzen und nur, um die von jungen Menschen schwer zu überschauenden großen Strukturen zu ordnen und den Schutz der Spieler (auch vor sich selbst) zu gewährleisten. Prozesse werden ihm stets wichtiger sein als das ästhetische Produkt, das selbstverständlich angestrebtes Ziel bleiben muss, aber nicht mehr alleinige Vorgabe für Schultheaterarbeit sein darf.

Pädagogische Ziele

Für das eigene Ich bedeutet Theaterspielen im besonderen Maße die ganzheitliche Selbsterfahrung des Zusammenwirkens von Körper, Verstand und Gefühl. Die Jugendlichen können sich selbst in verschiedenen Rollen erproben, sich eigener Vorstellungen, Wünsche, Gefühle und Motivationen bewusst werden und so zu mehr Selbstbewusstsein kommen. Theaterspielen verlangt den vollen psychischen und physischen Einsatz, den Willen zu Konzentration und Merkfähigkeit, es erfordert Disziplin und das Ausloten der eigenen Belastbarkeit. Der Einzelne muss sich einbringen, Hemmungen überwinden und Verantwortung für den Gesamtprozess übernehmen.
Da Theaterarbeit stets im Team stattfindet, muss jeder lernen, sich auf die anderen einzulassen, sich mit ihnen auseinander zu setzen, sich zu integrieren, sich aber auch zu behaupten. Kooperations- und Konsensfähigkeit, Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen, aber auch Konfliktfähigkeit und Durchsetzungsvermögen sind gefragt. Jeder Mitspieler macht die Erfahrung, dass ein Ergebnis nur durch gemeinsames Handeln in der Gruppe erreicht werden kann und dass jeder für das Projekt verantwortlich ist - von der Planung über die Realisation bis zur Präsentation.
Alle Prozesse im Lernbereich Schultheater sind durchgehend geprägt von verbalen und nichtverbalen Kommunikationsprozessen. Eigene Vorstellungen müssen angemessen dargestellt werden, die Vorstellungen der anderen wahrgenommen und gewürdigt werden, es entwickelt sich ein Bewusstsein für die Zusammenhänge von Sprache, Körpersprache und den Situationen, in denen sich Figuren befinden.

Schlüsselqualifikationen trainieren

Theaterspielen stellt in der beschriebenen Weise einen lustvollen Weg der Selbst- und Welterschließung dar und macht Kinder und Jugendliche damit stark fürs Leben. Aber auch als Vorbereitung auf die raue Berufswelt kann Theater in der Schule sich sehen lassen: Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Problemlösungsfähigkeit und Kreativität werden in der Wirtschaft heute als die wesentlichen Schlüsselqualifikationen genannt in einer Welt, in der Wissen und Können immer vergänglicher werden.
Wo Schultheater diese Prinzipien der Schüler- und Handlungsorientierung, der Ganzheitlichkeit, der gleichzeitigen Prozess- und Produktorientierung und des Lernens in Gruppen konsequent anwendet, dort leistet es vor allem einen wichtigen Beitrag zu einem zeitgemäßen Schul- und Bildungskonzept. Dass Darstellendes Spiel in den letzten Jahren in immer mehr Bundesländern als Schulfach eingeführt wurde, mag als Beleg dafür gelten, dass diese Erkenntnis sich zunehmend auch in der Bildungspolitik durchsetzt.

Service

  • Der Ernst Klett Verlag hat in Kooperation mit den Berliner Festspielen die neue Theater-Reihe "Werkstatt Theater - Inszenierungskonzepte" gestartet. Die ersten drei, von Peter Grosz herausgegebenen Titel - "Penthesilea" (ISBN 3-12-306401-8), "Heiligeisdorf" (ISBN 3-12-306402-6) und "Männersache" (ISBN 3-12-306403-4) - wurden auf dem diesjährigen "Theatertreffen der Jugend" in Berlin aufgeführt. Neben dem Text enthalten die Bände (Preis jeweils 8,40 Euro) auch einen didaktisch-methodischen Teil.
  • Das neben dem "Theatertreffen der Jugend" zweite bundesweite Schultheatertreffen, "Schultheater der Länder"; findet vom 19. bis 25. September 2004 im Theaterhaus Stuttgart statt. Die Veranstaltung, die im September bereits zum 20. Mal ausgerichtet wird, steht unter dem Motto "Theater öffnet Welten".

Von Werner Taube für den Klett Themendienst 25 / Juni 2004

Der Autor

Werner Taube unterrichtet am Gutenberg-Gymnasium Mainz Deutsch, Erdkunde, Ethik und Darstellendes Spiel. Außerdem ist er Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft "Darstellendes Spiel in der Schule Rheinland-Pfalz'; Mitglied der Jury des "Theatertreffens der Jugend" der Berliner Festspiele sowie Mitglied der Fachdidaktischen Kommission "Darstellendes Spiel in der gymnasialen Oberstufe" in Rheinland-Pfalz.

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