"Legasthenie-Gen" identifiziert
Wissenschaftler untersuchten erfolgreich betroffene Familien
Mehr zu: Legasthenie, Stiftungen(bikl/idw) Etwa fünf Millionen Deutsche haben große Schwierigkeiten, lesen und schreiben zu lernen. Häufig sind gleich mehrere Mitglieder einer Familie betroffen. Den Erbanlagen scheint daher eine wichtige Rolle bei der Entwicklung Legasthenie zuzukommen. Wissenschaftler der Universitäten Marburg, Würzburg und Bonn haben jetzt zusammen mit schwedischen Kollegen bei deutschen Kindern mit einer schweren Lese- Rechtschreibschwäche erstmals den Beitrag eines spezifischen Gens nachweisen können.
Wie es genau zur Störung beiträgt, ist noch nicht bekannt. Möglicherweise spielt die Erbanlage bei der Wanderung von Nervenzellen im sich entwickelnden Gehirn eine wichtige Rolle. Die Ergebnisse werden in der Januar-Ausgabe des "American Journal of Human Genetics" erscheinen, sind aber bereits online abrufbar www.journals.uchicago.edu/AJHG.
Über mehrere Jahre hatten Kinder- und Jugendpsychiater an den Universitäten Marburg und Würzburg nach Familien gefahndet, bei denen mindestens ein Kind von einer Lese-Rechtschreibschwäche betroffen war. "In Blutproben der Familien suchten wir dann nach Kandidatengenen - und wurden schließlich fündig", erklärt der Marburger Privatdozent Dr. Gerd Schulte-Körne, der diesen Teil der Studie leitete.
DCDC2-Gen
Das Gen liegt in einer Region von Chromosom 6, die auch schon von Wissenschaftlern aus den USA und England in Zusammenhang mit der Lese- Rechtschreibschwäche gebracht wurde. Dem deutsch-schwedischen Team gelang in dieser Region die Identifizierung eines einzelnen Gens, welches bei deutschen Kindern einen wichtigen Beitrag zur Entstehung einer Legasthenie zu leisten scheint. "Dieses so genannte DCDC2-Gen spielt anscheinend bei der Wanderung von Nervenzellen im sich entwickelnden Gehirn eine Rolle", sagt Professor Dr. Markus Nöthen vom Life & Brain Zentrum der Universität Bonn, der mit seiner Arbeitsgruppe für die molekularen Arbeiten verantwortlich war.
Risiko-Kinder
Bei Legasthenikern ist das DCDC2-Gen häufig verändert. Besonders oft fand sich die veränderte Genvariante bei Kindern mit einer schweren Rechtschreibschwäche. Die Erbanlage scheint daher vor allem für die Verarbeitung von Sprachinformation beim Schreiben wichtig zu sein. Die Forscher wollen nun die Funktion von DCDC2 noch besser verstehen und im Detail aufklären, warum Kinder, bei denen dieses Gen verändert ist, ein höheres Risiko für Rechtschreibprobleme haben.
Etwa fünf Prozent aller Deutschen sind Legastheniker. Trotz guter Intelligenz und regelmäßigem Schulbesuch scheitern sie daran, Texte zu lesen und sich schriftlich mitzuteilen. Bei vielen Kindern wird die Lese-Rechtschreibschwäche zu spät erkannt - meist erst dann, wenn sie aufgrund der ausgeprägten Schulschwierigkeiten psychische Störungen entwickeln. Schulängste und Depressionen, sogar Selbstmordgedanken können die Folge sein.
Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung unterstützt.
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