„Bildung ist Gesellschaftspolitik“
Interview mit Professor Rauschenbach, Mitautor des nationalen Bildungsberichts
Mehr zu: Außerschulische Lernorte, Bildungsbericht, Bildungswesen, Datenschutz, Deutschland, Einschulung, E-Learning, Europa, Föderalismus, Forschung, Fremdsprachen, Ganztagsschule, Grundschule, Hauptschule, Integration, Interviews, Jugendhilfe und Sozialarbeit, Migration, Realschule, Schulabschluss, Schulstart, Statistik, Schule, Berufliche Bildung, Kindergarten / Vorschule(bikl) Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor an der Universität Dortmund ist Mitautor des ersten nationalen Bildungsberichts, der in der vergangenen Woche von der Kultusministerkonferenz vorgestellt wurde. bildungsklick.de sprach mit dem Erziehungswissenschaftler über die Besonderheiten dieses Berichts und die möglichen Auswirkungen auf Schule und Bildung in Deutschland.
Herr Rauschenbach, der Bildungsbericht ist nun veröffentlicht. Im Rückblick: Waren die Ergebnisse für Sie überraschend? Und welche insbesondere?
Rauschenbach: Sie sind insofern überraschend, als jeder von uns einen bestimmten Bereich überblickt, wo er sich gut auskennt. Insofern gab es wohl für jeden Überraschungen, obwohl es für den jeweiligen Fachmann vielleicht gar nicht im Detail so überraschend ist. Aber in der Tat wir haben beim Thema Migration Zusammenhänge, die man jetzt sehr viel genauer sehen kann. Etwa, dass einzelne Migrationsgruppen sehr viel schlechter dastehen und dass wir auch Migrationsgruppen haben, die sogar bessere Schulergebnisse haben als deutsche Schüler. Wir haben auch weitere interessante Entwicklungen in den Lebensläufen. So haben am Ende der Schullaufbahn knapp 10 Prozent der Kinder keinen Schulabschluss, aber zwanzig Jahre später hat sich diese Zahl halbiert. Und das bedeutet, es gibt in der Biographie etliche Möglichkeiten und Stationen, Schulabschlüsse nachzuholen. Ein Punkt, den man gar nicht so sehr im Blick hat, wenn man immer nur die Schule anschaut. Das macht deutlich, dass wir den Blick insgesamt auf Bildung werfen müssen. Und es macht auch deutlich, dass Bildung inzwischen fast mehr Gesellschaftspolitik ist als eine Bildungsinstanzpolitik, also nur Schulpolitik, Kindergartenpolitik oder berufliche Bildung.
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Herkunft und Sozialstatus
Das unterschiedliche Abschneiden einzelner Migrantengruppen, lässt sich das genauer fassen?
Rauschenbach: Das ist ein bisschen kompliziert, weil es immer heißt „die sonstigen EU Staaten“. Man wird davon ausgehen, dass es in der Regel Personengruppen sind, die aus den westlichen europäischen Nachbarländern kommen, ob das nun Italiener, Franzosen, Schweizer oder Engländer sind und dass diese Gruppen sich völlig normal integrieren. Und das zeigt natürlich, dass es nicht allein die Frage ist, ob ich zugewandert bin, sondern unter welchen Rahmenbedingungen ich zugewandert bin, wie stark die kulturellen Differenzen zwischen dem Herkunftsland und dem Aufnahmeland sind. Da zeigt sich, dass beispielsweise viele Kinder und Jugendliche aus der Türkei deutlich schlechter dastehen, was Schulabschlüsse anbelangt und was Arbeitslosigkeit anbelangt. Aber dahinter verbirgt sich nicht allein die nackte Herkunft, sondern auch der Sozialstatus. Das heißt, hier interagieren zwei Effekte. Wir können das ganz gut im Kindergarten zeigen. Diejenigen, die nicht in Kindergärten gehen sind nicht einfach Migrantenkinder im Vergleich zu den deutschen Kindern, es sind aber auch nicht nur die mit geringen Bildungsabschlüssen, sondern diese zwei Dinge verbinden sich gewissermaßen. Das heißt, es sind letztendlich die Migrantenkinder mit geringem Bildungshintergrund am seltensten im Kindergarten. Und diese Zusammenhänge müssen wir besser verstehen und genauer beobachten lernen in den gesamten Bildungssystemen, dann können wir damit auch besser umgehen.
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Instanzen im Zusammenhang sehen
Interessant sind ja auch die Ergebnisse zu den Schulabschlüssen. Offensichtlich holen ja viele junge Erwachsene hier wieder auf. Wie kommen diese Ergebnisse zustande?
Rauschenbach: Zunächst einmal ist uns das schlicht durch Datenvergleich aufgefallen. Wenn man die Schulstatistik nimmt, dann stellt man seit 20, 30 Jahren relativ konstant fest: Knapp 10 Prozent der Kinder haben keinen Schulabschluss. Da hat sich auch gar nicht so überraschend viel verändert. Auch das ist etwas, was man sich vielleicht nicht immer so klar macht. Wir haben dann Daten angeguckt aus dem Mirkozensus von Menschen im Alter von 30 bis 35 Jahren. Und auch da fragt man wieder: Wie viele haben einen Schulabschluss und wie viele haben keinen? Und siehe da, auf einmal ist die Gruppe ohne Schulabschluss nur noch drei bis vier Prozent groß. Dann muss ja folglich daraus der Rückschluss zu ziehen sein, dass sie irgendwo einen Schulabschluss bekommen haben müssen.
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Und was bedeutet das für Bildungsforscher und Bildungspolitiker?
Rauschenbach: Wir müssen schlichtweg etwas sensibler sein, dass wir auch die Instanzen stärker ins Blickfeld rücken, die für Schulabschlüsse sorgen. Wir haben eine Tabelle, in der man sehen kann, dass keineswegs die Hauptschule allein nur noch den Hauptschulabschluss vergibt. Im Gegenteil, die Zahl geht zunehmend zurück. Das gilt auch für die Realschulen und die mittleren Abschlüsse. Das heißt, wir erleben eine zeitliche und eine örtliche Entkoppelung von Schulabschluss und dem jeweiligen zuständigen Ort. Und daraus entsteht eine Vielfalt, die wir erst einmal beobachten müssen. Und das ist wiederum ein Plädoyer für den Zusammenhang. Man kann nicht sagen „guckt nur auf die Schule“, sondern „guckt insgesamt die Bildungsprozesse an und erweitert den Blick“.
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Scharnierstellen niedrigschwellig halten
Der Bildungsbericht thematisiert auch die Übergänge zwischen den verschiedenen Bildungsinstanzen. Haben wir nicht viel zu viele Brüche in unserem Bildungssystem?
Rauschenbach: Sicher. Das ist, glaube ich, offenkundig. Die Brüche fangen bei uns als Bildungsforscher wieder bei der Statistik selbst an. Nämlich, dass wir keinen Zusammenhang haben zwischen dem Kindergarten und der Grundschule zum Beispiel. In der Grundschule wird nicht gefragt, ob das Kind vorher im Kindergarten war. Schon daraus könnte man möglicherweise feststellen, Kinder, die im Kindergarten waren, haben vielleicht weniger Probleme. Das gleiche gilt beim Schulausgang und dann dem Eintritt in die berufliche Ausbildung oder später in den Arbeitsmarkt. Es fehlen uns schon im statistischen Bereich diese Übergänge. Aber in der Tat man kann etwas zugespitzt formulieren: Bei jedem Übergang bei jeder Statuspassage erzeugen wir wieder einen Teil von zusätzlichen Problemen, die Kinder nicht ohne weiteres bewältigen. Deswegen wird die Frage des Übergangs - und wie schaffen wir es, diese Scharnierstellen niedrigschwellig aufzubauen, dass sie nicht zusätzlich zu Hürden werden - eine Herausforderung sein und die KMK empfiehlt auch beim nächsten Bildungsbericht, dieses zum Themenschwerpunkt zu machen.
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Die gesamte Bildungsbiographie
Aber in der Zwischenzeit muss doch auch mit den Ergebnissen dieses ersten Berichts gearbeitet werden?
Rauschenbach: Es muss an den Inhalten gearbeitet werden, also an der Reduzierung der Probleme. Es muss an der Statistik gearbeitet werden, weil wir da viel zu wenig Wissen haben und das Banalste wäre, dass das jeweils nächste Bildungssystem fragt, was war in der Stufe davor. Dann hat man wenigstens einmal diese Information. Möglicherweise kritisch unter Datenschutzgesichtspunkten aber den für die Statistik eigentlich idealen Zustand würde man erreichen, wenn man ein Kind beobachten könnte durch die gesamte Bildungsbiographie. Dass wir beispielsweise durch eine anonymisierte Kennziffer vielleicht irgendwann einmal Wissen hätten, ob das Kind A, wenn es eine Bildungsbiographie durchläuft, Probleme hat oder nicht. Das ist Zukunftsmusik, aber man wird darüber nachdenken müssen, dieses wirklich gezielt zu machen, sonst werden wir immer bei relativ plakativen Aussagen bleiben. Aussagen, die sich immer nur auf gesamte Gruppen beziehen und eben nicht auf individuelle Biographien.
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Vielfältige Lernorte
Nachzulesen im Bericht ist auch, dass Lernen nicht nur in der Schule stattfindet. Hat man bislang zuwenig Augenmerk auf das außerschulische Lernen gelegt und welche Rolle kommt hier möglicherweise den Ganztagsschulen zu?
Rauschenbach: Wir müssen lernen, auch die anderen Bereiche als Bildungsbereiche zu sehen. Eben als Bildung anderer Art, Bildung in anderen Formen mit anderen Inhalten. Wenn die Schule aus ist, dann ist das in Deutschland immer Freizeit. Wenn wir dieses etwas anders fassen und verstehen, dann wird es auch richtig spannend, weil wir eben an Bereichen wie Computer oder soziales Lernen immer wieder zeigen können, dass dieses keineswegs dominant in der Schule passiert, sondern in vielfältigen Orten. Ich nenne nur einen Bereich: die Familie selbst, die Familie als Bildungsort. Ein Punkt, den wir bislang überhaupt nicht im Blick haben. Oder die Gleichaltrigengruppe als Bildungsangebot. Gerade bei Computer kann man wunderbar zeigen, wie sich jugendliche Gruppen untereinander das Computern beibringen. Dieses Potenzial müssen wir deutlicher formulieren und in der Tat wird die spannende Frage sein, ob es uns gelingt, im Ausbau der Ganztagsschulen auch ein besseres Angebot für Kinder am Nachmittag zu machen. Mit anderen Inhalten, mit anderen Formen, mit anderen Methoden und dass dadurch eine Reichhaltigkeit entsteht, die sich insgesamt auch auf die Frage der sozialen Integration von Migrantenkindern auswirkt. Die aber auch insgesamt auf die Bildungsbiographien und die Möglichkeiten von Kindern, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erlangen, positive Auswirkungen hat. Und wir sind glaube ich da in Deutschland auf einem guten Weg, dass wir dieses deutlicher thematisieren als vor fünf oder zehn Jahren.
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Gesamtangelegenheit vor Ort
Aber sehen Sie diese Entwicklung bei den Ganztagsschulen nicht eher skeptisch? Schließlich darf der Bund demnächst nach der Föderalismusreform wohl kein weiteres Ganztagsprogramm auflegen.
Rauschenbach: Gut, das muss die Föderalismusdebatte noch klären. Sie wissen, dass die Wissenschaft hier vielfältige andere Vorstellungen hat, wie man Bildung weiter entwickeln kann unter föderalen Gesichtspunkten. Ich habe immer die Position vertreten, dass zum Beispiel der Streit zwischen Bund und Ländern in diesem Punkt eigentlich immer noch zu kurz gesprungen ist, weil die Gretchenfrage ist: Gelingt es uns, die Menschen vor Ort, im kommunalen Bereich zu gewinnen. Die Kinder- und Jugendhilfe zeigt sehr deutlich, wie wichtig es ist, dass sich die Menschen vor Ort um die Belange kümmern. Solange hier nur die Frage ist, sind Bund oder Land zuständig, sind wir noch nicht bei dem Kernproblem, nämlich, gelingt es uns, Schulen und andere Bildungsinstanzen zu den ureigensten Angelegenheiten der Menschen in ihrem eigenen Gemeinwesen zu machen. Und dann wären wir einen Schritt weiter. Das heißt nicht, dass man keine Standards braucht, im Gegenteil, gerade dann, wenn man Bildung kommunalisiert, ist es ganz wichtig, dass es überregionale Standards gibt, dass es nicht der Beliebigkeit der „Provinzfürsten“ überlassen wird. Es ist dann auch notwendig, dass es einen finanziellen Ausgleich gibt zwischen armen und reichen Kommunen. Aber dass Bildung trotzdem zu einer Gesamtangelegenheit vor Ort wird, das ist ein Anliegen, das momentan in der Föderalismusdebatte völlig untergeht.
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Sie stellen im Bildungsbericht auch die Frage nach der Effizienz von Schule. Lernen Kinder in den neun, zehn oder dreizehn Schuljahren einfach zu wenig?
Rauschenbach: Ich finde schon, dass man in Deutschland darüber nachdenken muss, ob wir es einfach unkritisch hinnehmen, dass Menschen erst mit 25, 27, 28, 29 einen Abschluss haben, wenn sie denn tatsächlich in das tertiäre System einsteigen. Ich finde, wir sollten uns fragen, ob wir eine moderate Straffung von bestimmten Zeiten anstreben sollten. Das fängt an mit dem Zeitpunkt der Einschulung, wo wir in Deutschland mit sechs Jahren und sieben Monaten im Mittelwert doch vergleichsweise spät sind. Wenn man das um wenige Monate nach vorne ziehen würde, wenn man in der Tat bestimmte Abstimmungsprobleme zwischen den einzelnen Bereichen etwas besser organisieren würde und wenn wir auch im Hochschulbereich andere Prüfungsformen einführen würden. Wir haben in Statistiken intern herausgefunden, dass ein Drittel des Studiums aus Prüfungen besteht. Das ist eine absurde Konstruktion, wenn ich sage, acht Semester studiere ich und vier Semester mache ich Prüfungen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass wir darüber und über Bemühungen, die im Moment in der Politik ja schon angelaufen sind, mittelfristig vielleicht tatsächlich die Ausbildungszeiten um ein, zwei oder drei Jahre senken können. Ein wichtiger und meiner Ansicht nach nicht zu vernachlässigender Nebenpunkt wäre der, dass wir in der Tat Ausbildungsphase und zum Beispiel Familienplanung besser koordinieren könnten. In Deutschland muss man erst seine Ausbildung hinter sich haben, man muss erst einmal einen Beruf haben, bevor man an Kinder und Familie denken kann. Das hat uns auch mit in die demographische Falle getrieben. Also muss man sagen, entweder wird Ausbildung in Deutschland so organisiert, dass junge Paare auch eine Chance haben, in dieser Zeit Kinder zu haben oder aber ich muss gucken, dass die Menschen so früh fertig werden, dass sie dann auch eine Chance haben, tatsächlich Kinder zu bekommen. Das sind alles schwierige Zusammenhänge, über die man nachdenken muss und da ist der Bildungsbericht im guten Sinn ein Plädoyer dafür, den Blick zu öffnen, größere Zusammenhänge zu sehen und nicht so sehr an den einzelnen Instanzen zu hängen.
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Ist der Bildungsbericht also ein erster Schritt in eine bessere (Bildungs)Zukunft?
Rauschenbach: Er ist ein Baustein. Die Bildungsforschung kann zunächst nur Probleme beobachten und Zusammenhänge aufzeigen. Wichtig ist, dass Bildung zu einer gesellschaftlichen Aufgabe, zu einer Gesamtaufgabe wird. Und da bin ich einigermaßen optimistisch, dass wir es in der Tat in den letzten Jahren endlich geschafft haben, Bildung zu einer Angelegenheit von allen gesellschaftlichen Kräften – auch der Wirtschaft – zu machen. Bildung ist weder Privatsache von Familien und Eltern, noch ist sie eine interne Angelegenheit von Schule, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe und wenn das insgesamt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringt, dann haben wir schon einen wichtigen Schritt nach vorne getan.
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