Lehrer extrem stark belastet
Forscher empfehlen Ganztagspräsenz und bessere Ausbildung
Mehr zu: Ferien, Ganztagsschule, Gewalt in der Schule, Gymnasium, Hauptschule, Lehrerarbeitszeit, Schule, Weiterbildung(bikl/idw) Lehrer sind einer andauernden Spitzenbelastung ausgesetzt. Das hat jetzt die Studie einer Freiburger Forschergruppe ergeben. Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Bauer untersucht seit Anfang 2005 im Rahmen eines von der Berliner "Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin" unterstützten Forschungsprojektes "Lange Lehren" die berufliche und gesundheitliche Belastung von Lehrern.
In die Untersuchung waren 950 Lehrkräfte an Hauptschulen und Gymnasien innerhalb dreier Schulbezirke in und um Freiburg einbezogen. Lehrer mit vollem Deputat, so eines der Ergebnisse, leisten eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 51 Zeitstunden. Ferienzeiten sind dabei allerdings nicht berücksichtigt. Bei der Einschätzung von beruflichen Belastungen, so die Freiburger Wissenschaftler, seien jedoch nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Aspekte zu berücksichtigen.
Verbale Angriffe und körperliche Gewalt
Die Freiburger Studie analysierte, welchen Widrigkeiten Lehrerinnen und Lehrer in ihrem beruflichen Alltag ausgesetzt sind. Soweit es die Beziehung mit Schülern betrifft, sind innerhalb eines 12-Monatszeitraums 43 Prozent der Lehrkräfte das Ziel von massiven verbalen Angriffen, sieben Prozent haben Beschädigungen persönlichen Eigentums erlebt, mehr als vier Prozent wurden konkret mit körperlicher Gewalt bedroht und 1,4 Prozent der Lehrkräfte waren - jeweils innerhalb eines Zeitraumes von nur einem Jahr - von körperlicher Gewalt betroffen. Die Prozentsätze liegen bei isolierter Betrachtung der Hauptschulen sogar noch deutlich höher: 53 Prozent verbale Attacken, zehn Prozent Beschädigung von persönlichem Eigentum, 7,3 Prozent Androhung körperlicher Gewalt, 2,1 Prozent erlebte körperliche Gewalt.
Schlafstörungen und Depressionen
Wenig überraschend und eine Bestätigung ähnlicher Untersuchungen durch andere Arbeitsgruppen war, dass in der jetzigen Freiburger Erhebung 29,8 Prozent der Lehrkräfte an medizinisch relevanten Stress- und Belastungssymptomen leiden, insbesondere an Schlafstörungen und depressiven Symptomen. Grund dafür dürfte nach Ansicht der Freiburger Arbeitsgruppe neben der bereits erwähnten quantitativen und qualitativen Arbeitsbelastung ein Übermaß an Verausgabung bei gleichzeitig fehlender Wertschätzung und Anerkennung ihrer Arbeit sein, wie 22 Prozent der Lehrkräfte anhand eines arbeitsmedizinischen Fragebogens berichteten. Arbeitsmediziner bezeichnen ein solches Missverhältnis als "Effort-Reward-Imbalance".
Mehr Anerkennung
Studienleiter Bauer zieht aus den Ergebnissen verschiedene Schlussfolgerungen. So müsse die öffentliche Stimmungsmache gegen Lehrerinnen und Lehrer aufhören. Lehrer verdienten mehr Wertschätzung und Anerkennung für die von ihnen geleistete Arbeit. Die erzieherische Verantwortung von Eltern bedürfe einer nachhaltigen Stärkung. Insbesondere Väter hätten sich in den letzten Jahren zunehmend aus der Erziehungsverantwortung zurückgezogen. "Kinder brauchen zum einen mehr Zuwendung, andererseits aber auch mehr Erziehung zur Einhaltung sozialer Regeln", so Bauer.
Mehr Ganztag
Dringend erforderlich sei, so Bauer, eine "Vermenschlichung des schulischen Arbeitens" durch mehr Zeit für Lehren und Lernen und ein Mehr an Kreativität und Sport. Die Abarbeitung riesiger Stoffmengen in der knappen Zeit des Vormittags sei weder für Schüler noch für Lehrer zumutbar. Dies erfordert nach Ansicht Bauers nicht nur eine verstärkte Entwicklung in Richtung Ganztagsschule, sondern auch die Ganztagspräsenz von Lehrkräften an der Schule.
Pschologische Kompetenz
Und schließlich müsse bei der Ausbildung der Lehrer nicht nur auf fachliche Aspekte geachtet werden, sondern angehende Lehrerinnen und Lehrer müssten mit psychologischer Kompetenz ausgestattet werden. "Der Lehrerberuf ist ein Beziehungsberuf. Viele Lehrkräfte verfügen über kein ausreichendes Wissen darüber, wie man gelingende Beziehungen gestaltet, vor allem dann, wenn man es mit zunehmend schwierigen Partnern zu tun hat", so Bauer wörtlich.
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