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"Lehrer zur Weiterbildung über neue Medien verpflichten"

Interview mit Professor Warkus, Mitveranstalter der Jugendschutztagung in Leipzig

08.08.2006

(bikl) Drei Jahre nach Inkrafttreten des Jugendmedienschutzstaatsvertrages und des neuen Jugendschutzgesetzes wollen Experten am 23. August auf einer Fachtagung im Rahmen der Games Convention 2006 in Leipzig eine erste Bilanz ziehen. Dort werden die Medienwissenschaftler, Jugendschützer, Politiker und Spieleentwickler diskutieren und analysieren, wie der Jugendmedienschutz derzeit funktioniert. Dabei geht es auch um die Frage, welche weiteren Anforderungen auf nationaler und internationaler Ebene zum Schutze von Kindern und Jugendlichen künftig notwendig sein werden. bildungsklick.de sprach mit dem Mitveranstalter der Tagung, Prof. Dr. Hartmut Warkus, über den Jugendmedienschutz in Deutschland.

Prof. Warkus betreut während der Computerspielmesse gemeinsam mit Studenten des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig den pädagogischen Bereich der Messe, die "GC family". Hier können sich Eltern Rat und Hilfe von Fachleuten holen und gemeinsam mit ihren Kindern gute Software erproben. Die "GC family" gilt offiziell als Fortbildungsmaßnahme für Lehrer in Sachsen.

Herr Warkus, auf der Tagung sollen die bisherigen Erfahrungen mit den neuen Jugendschutzgesetzen zusammengetragen werden. Wie sieht denn Ihre Bilanz aus?

Warkus Das Prinzip der regulierten Selbstkontrolle hat sich im Großen und Ganzen bewährt. Womit ich nicht zufrieden bin, ist die Undurchsichtigkeit im Gesetzesdschungel. Das heißt, für die Eltern und die Lehrer, also für die Begleiter der Kinder und Jugendlichen, ist die Lage ziemlich unübersichtlich.

Was könnte man besser machen?

Warkus Das Einfachste für mich wäre eine zentrale Meldestelle für alle Medien. Dort müsste jeder, dem etwas auffällt, was jugendschutzrelevant ist, anrufen und diese Meldung würde dann weitergeleitet. Jetzt muss man erst einmal überlegen, wer Ansprechpartner ist. Das halte ich für sehr weit weg von der Praxis. Ich werde auf der Konferenz einen solchen Vorschlag einbringen.

Bei PC- und Konsolenspielen existiert ja unterdessen eine Einheitlichkeit durch die Alterskennzeichnung, die die USK, also die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, gemeinsam mit den Obersten Landesjugendbehörden vergibt. Orientieren sich Eltern an diesen Einstufungen?

Warkus Wir machen die Erfahrung, dass Eltern zunehmend die Buttons mit den Alterskennzeichnungen wahrnehmen. Und auch in den Läden wird mehr und mehr danach sortiert. Das heißt: Das USK-Siegel bekommt langsam den Status, den das FSK-Siegel bei Filmen längst hat.

Trotzdem kommen Kinder - auf welchen Wegen auch immer - weiterhin an Spiele, die nicht für ihr Alter freigegeben sind. Das lässt sich wohl nicht ganz verhindern?

Warkus Verhindern könnten es die Erwachsenen, indem sie die Kinder zur Rede stellen, egal ob Eltern, Lehrer oder Verkäufer. Letztendlich muss es immer ein Erwachsener zulassen, dass Kinder an diese Software kommen.

Das heißt also, Eltern müssten noch mehr in die Pflicht genommen werden?

Warkus Eltern brauchen noch mehr Informationen. Man muss sie verstärkt - fast kampagnenhaft - darauf aufmerksam machen. Sie müssen auch wissen, was "freigegeben" bedeutet. Das ist nicht gleichzusetzen mit "geeignet". Ob ein vom Alter her freigegebenes Spiel auch wirklich für das eigene Kind geeignet ist, müssen Eltern selbst entscheiden. Ich werde auch vorschlagen, dass man sich bei der Kennzeichnung an der niederländischen Praxis orientiert. Dort wird durch einen Zusatzbutton erklärt, warum ein Spiel bedenklich ist.

Es scheint, als müssten Eltern sich ständig - nahezu rasend schnell - auf neue Entwicklungen einstellen. Die Technik ermöglicht laufend neue "Anwendungen", wie Happy Slapping oder Snuff Videos. Sind Eltern damit nicht auch einfach überfordert?

Warkus Man muss versuchen, mit Informationsangeboten an Eltern heranzukommen, damit sie auf diese Entwicklungen aufmerksam werden. Ein Handy ist für Eltern ja zunächst einmal ein Gegenstand zum Telefonieren und nicht dazu da, Gewaltvideos zu verschicken. Ich bin sicher, dass man hier noch sehr viel über die Schulen erreichen kann. Mein Vorschlag: Man muss Lehrerweiterbildung zu neuen Medien in Deutschland verpflichtend machen. Wenn man das täte, dann hätte man nämlich Lehrer, die die Eltern an Elternabenden über diese Entwicklungen aufklärten.

Aber neben den Eltern und Lehrern gibt es doch auch noch andere Verantwortliche, etwa die Spieleindustrie und die Medien selbst.

Warkus Von der Industrie hören wir, dass sie sehr gut mit den Alterskennzeichnungen auf den Spielen leben kann, weil sie dadurch mehr Sicherheit bekommt. Bei einem gekennzeichneten Spiel müssen die Verlage eben nicht damit rechnen, dass sie es nach vier Wochen wieder vom Markt nehmen müssen. Und die Medien: Es ist schon gut, dass man den Medien ins Aufgabenbuch geschrieben hat, 'ihr müsst einen Jugendschutzbeauftragten haben, ihr müsst etwas für Medienkompetenz tun'. Man hat natürlich nicht definiert, wie viel sie dafür aufwenden müssen. Also kommen sie dieser Verpflichtung mit unterschiedlicher Akribie nach.

Neben der Tagung wird ja Jugendmedienschutz und vor allen Dingen Medienkompetenz Thema während der gesamten Messe sein, nämlich der GC family. Erreichen Sie denn hier überhaupt die Eltern?

Warkus Wir erreichen Eltern und Lehrer. Denn die GC ist ein Fortbildungsangebot. Wir stellen die Ergebnisse unserer Forschung vor und beraten entsprechend. Eltern kommen neugierig und aufgeschlossen. Allerdings wird man die Eltern, die nicht kommen, schwer mit den notwendigen Informationen erreichen. Und das sind die, die nicht wissen, dass ein Film, der um 20.15 Uhr gezeigt wird, erst ab 12 Jahren freigegeben ist.

Informationen zur Tagung

Die Fachtagung "Zwischen den Gesetzen: Jugendschutz und neue Medien" findet am 23. August 2006 von 10.00 Uhr bis 15.00 Uhr im Rahmen der Games Convention 2006 in Leipzig statt.
Referenten sind: Elke Monssen-Engberding ( Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien), Hans-Ernst Hanten (Ministerialdirigent beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien), Dr. Jörg Müller-Lietzkow (Dozent für Ökonomie und Organisation der Medien, Friedrich-Schiller-Universität Jena), Matthias Müller (Referent für Medien & Informationsgesellschaft, Sächsisches Verbindungsbüro in Brüssel), Prof. Dr. Bruno W. Nikles (Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V.), Friedemann Schindler (jugendschutz.net), Prof. Dr. Bernd Schorb (Medienpädagoge, Universität Leipzig), Jörg Tauss, MdB (Sprecher für Bildung, Forschung und Medien der SPD-Bundestagsfraktion), Prof. Dr. Helga Theunert (Wissenschaftliche Direktorin des JFF München), Prof. Dr. Hartmut Warkus (Medienpädagoge, Universität Leipzig).

Veranstaltet wird die Tagung von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien, der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Universität Leipzig.

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