Glauben statt Wissen auch in den Naturwissenschaften?
Biologen kritisieren zunehmenden Einfluss der Kreationisten
Mehr zu: Deutschland, Unterrichtsmaterial, Schule(bikl) Die Menschwerdung schreiben, wie vor allem in den USA, auch in Deutschland immer mehr Menschen göttlichem Tagewerk zu und lehnen damit die Evolutionstheorie ab. "Wir gehen von 1,3 Millionen Evangelikalen aus, die die Bibel wörtlich auslegen. Leider werden es mehr", erklärte der Vizevorsitzende des Verbandes Deutscher Biologen, Ulrich Kutschera, gegenüber dpa.
Der Kasseler Professor für Evolutionsbiologie sieht Kreationisten "vor allem in Sekten, fern der Amtskirche, etwa bei den Freikirchen und Zeugen Jehovas". Der Biologe kritisierte in diesem Zusammenhang die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) wegen ihrer Aussage, auch die Schöpfungslehre der Bibel sollte im Biologieunterricht behandelt werden.
"Ich halte es für sinnvoll, fächerübergreifende und -verbindende Fragestellungen aufzuwerfen", hatte sie Anfang Oktober erklärt. So werde vermieden, dass Schüler im Biologie- und im Religionsunterricht mit völlig verschiedenen Lehren konfrontiert würden. Wolff hatte damit auf die Vermischung von religösen Schöpfungserklärungen und der Evolutionstheorie im Biologieunterricht an zwei hessischen Schulen reagiert. (bildungsklick.de berichtete darüber.)
Auf Wolffs Äußerungen hatte der Verband der Biologen bereits mit einem offenen Brief geantwortet und gefordert, dass der naturwissenschaftliche Unterricht weltanschauungsfrei bleiben müsse. „Mit Befremden haben viele Wissenschaftler im Verband deutscher Biologen (VdBiol) Ihre Äußerungen zur Kenntnis genommen, wonach christliche Schöpfungsvorstellungen auch im Biologieunterricht behandelt werden sollen und es zulässig sein müsse, die Evolutionstheorie in Frage zu stellen. Diese Auffassung kollidiert mit dem öffentlichen, durch Steuergelder finanzierten Auftrag, im naturwissenschaftlichen Fachunterricht die Inhalte und Methoden wissenschaftlicher Erkenntnisse und Theoriebildung zu vermitteln“, heißt es in dem Schreiben.
Der Kreationismus werde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft einhellig als Pseudowissenschaft betrachtet. Indem er die gemeinsam von den Geo- und Biowissenschaften erarbeitete Erd- und Stammesgeschichte in Abrede stelle habe er sich außerhalb des wissensbasierten Diskurses positioniert. Weiter: „Wenn es also zulässig sein sollte, die Evolutionstheorie durch außerwissenschaftliche Alternativen in Frage zu stellen, dann müsste dies konsequenterweise auch für andere wissenschaftliche Theorien gelten. Müssen wir künftig also damit rechnen, dass das hessische Kultusministerium zum Beispiel die Infragestellung der Astronomie durch die Astrologen, die Infragestellung der Avogadro-Zahl in der Chemie durch die Homöopathen oder die Infragestellung der Geophysik durch Wünschelrutengänger für zulässig erachtet?“
Im dpa-Gespräch erklärte Kutschera, Frau Wolff „sollte sich zunächst orientieren und ein Fachbuch lesen". "Die Ministerin benutzt die Sprache der Kreationisten und fällt auf deren Tricks herein." So spreche Wolff von einer Evolutions- und einer Schöpfungstheorie. Diese Wortwahl sei ein Taschenspielertrick der Kreationisten, denn es gebe "einerseits die Schöpfungsmythen und andererseits eine Evolutionsbiologie."
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