Schule: Ungesund und bewegungsarm?
Mehr Sport und gesunde Verpflegung
Mehr zu: Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Elternarbeit, Ernährung, Ganztagsschule, Gesundheit, Grundschule, Schulverpflegung, Sport, Stiftungen, SchuleMehr als 15 Prozent der Schulkinder sind übergewichtig, so eine Studie der Universitäten Paderborn und Duisburg. Und eine Untersuchung der Universität Jena belegt, dass sich innerhalb von 20 Jahren der Anteil übergewichtiger Kinder im Alter von sieben bis vierzehn Jahren mehr als verdoppelt hat. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, müssen wir damit rechnen, dass 2030 die Hälfte der Kinder übergewichtig ist“, warnt der Paderborner Sportwissenschaftler Wolf-Dietrich Brettschneider.
Doch Gesundheit kann man lernen. Zu Hause oder in der Schule. Dabei kommt den Schulen mit der Umstellung auf Ganztagsbetrieb eine besondere Verantwortung zu. Aber noch lässt die Ernährungssituation vieler Schulkinder zu wünschen übrig. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) hat der Schulverpflegung an deutschen Schulen die Note mangelhaft verpasst. Sie werde nämlich oft noch als Angelegenheit behandelt, die man nebenbei erledigen könne, so IÖW-Geschäftsführer Thomas Korbun. „Hauptsache satt“ und „Hauptsache billig“ seien hier die falschen Ansätze. Was und wie gegessen werde, wie Ernährung, Bewegung und Entspannung künftig in der Schule erlebt und gelernt würden, sei für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen jedoch von entscheidender Bedeutung. Hierfür brauche es professionelle Lösungen.
Modellprojekte
Dafür wollen etliche Projekte und Modellvorhaben sorgen. Das Projekt „Schule + Essen = Note 1“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung etwa berät Schulen über vollwertige Essensangebote. Und die „Allianz für nachhaltige Schulgesundheit und Bildung in Deutschland” (Anschub.de) will für mehr Gesundheit an Schulen sorgen. Dem von der Bertelsmann Stiftung initiierten Programm haben sich bereits mehr als 40 Partner angeschlossen: Krankenkassen, Ministerien, Elternvertretungen und Lehrerverbände. In den Modellregionen Bayern, Berlin und Mecklenburg- Vorpommern werden seit dem Schuljahr 2004/2005 konkrete Angebote wie „Akustiksanierung“, „Tanzen in der Grundschule“ oder „Bewegte Pausen“ erprobt.
Denn nicht nur mit der gesunden Ernährung hapert es in den Schulen, auch der Schulsport ist verbesserungsfähig. Das belegte die SPRINT-Studie des Deutschen Sportbundes aus dem Jahr 2005. Die Kernkritik der Studie: In den weiterführenden Schulen fällt jede vierte Sportstunde aus. Besonders betroffen sind die Hauptschüler und damit genau die Gruppe von Jugendlichen, die sich auch außerhalb der Schule am wenigsten körperlich anstrengt. Ein weiteres Problem: In den Grundschulen hat die Hälfte der Lehrer keine Sportausbildung. Und schließlich, so der Leiter der Studie, Professor Wolf-Dieter Brettschneider von der Universität Paderborn, könne man vor allem dem Schwimmunterricht in Deutschland kaum noch die Note ausreichend erteilen. Das sei besonders Besorgnis erregend, weil im Jahr zuvor so viele Kinder und Jugendliche ertrunken seien wie noch nie seit 1945.
Immerhin unterzeichneten Kultusministerkonferenz, Deutscher Sportbund und Sportministerkonferenz noch im Dezember 2005 eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich darauf verständigten, den Schulsport weiter zu stärken.
Hüpfen und kochen
Einen Schritt weiter geht die Osnabrücker Sportwissenschaftlerin Renate Zimmer: „Kinder lernen über Bewegung lustvoller und nachhaltiger.“ Zimmer plädiert schon lange für eine bewegte Schule. Doch noch immer, so erklärt die engagierte Wissenschaftlerin, sei die Schule vom Sitzunterricht geprägt: „Wer in die Schule kommt, muss als Erstes Stillsitzen lernen. Für Schulanfänger die erste frustrierende Erfahrung in einer Institution, die für sie noch mindestens zehn Jahre lang zu einem ihrer bedeutsamsten Lebensräume zählt“, so Zimmer. In den Schulen, so plädierte kürzlich der Mediziner und Bestsellerautor Dietrich Grönemeyer, sollte das Fach Gesundheitsunterricht eingerichtet werden, wo Kinder auch lernen könnten, „Essen zuzubereiten, selbst wieder gemeinsam mit Genuss zu essen, und nicht – wie leider allzu oft üblich – das Essen beim Fernsehen oder in einem Fastfood-Restaurant herunterzuschlingen.“ Wer weiß, vielleicht bekommt ja der weitgehend aus den Schulen verbannte Kochunterricht noch einmal eine Chance.
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