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"Die Schlacht um einen besseren PISA-Platz wird im Frontalunterricht geschlagen"

Hilbert Meyer nennt zehn Kriterien für guten Unterricht

Mehr zu: Deutschland, Forschung, Gewalt in der Schule, Jugend forscht, Methodenkompetenz, PISA (Studie), Schulstruktur, Stiftungen, Schule
24.09.2004 -

(bikl) Vier Millionen Unterrichtsstunden werden an Deutschlands Schulen täglich abgehalten. Stunden, in denen Schüler begeistert lernen oder nur gähnend auf ihren Plätzen sitzen. Stunden, in denen sie motiviert und gefördert und Stunden, in denen sie vorgeführt und klein gemacht werden. Stunden, in denen Schüler und Lehrer an einem Strang ziehen und Stunden, in denen alle nur sehnsüchtig auf die Pausenklingel warten. Spätestens seit PISA ist die Qualität von Schule und Unterricht allgemeines Diskussionsthema, geforscht wird dazu bereits sehr viel länger. "Was ist guter Unterricht" heißt das neueste Buch von Prof. Dr. Hilbert Meyer. Der Oldenburger Schulpädagoge hat darin die entscheidenden Forschungsergebnisse verarbeitet und zu zehn Merkmalen zusammengefasst. bildungsklick.de sprach mit dem Autor

Herr Meyer, Ihr neues Buch heißt "Was ist guter Unterricht?". Gibt es auf diese Frage eine knappe, klare Antwort?

Meyer: Eine halbknappe Antwort: Unterricht ist immer sehr komplex, da spielen alle möglichen Faktoren rein, aber die empirische Unterrichtsforschung ist in den letzten 10, 15 Jahren fortgeschritten. Das sind zum Teil sehr schwer lesbare Texte und ich habe versucht, mich als Dolmetscher zu betätigen. Aus diesen vielfältigen Untersuchungen habe ich zehn Merkmale guten Unterrichts herausgesogen. Das ist die Hauptbotschaft an den Lehrer: Wenn du deinen Unterricht verbessern willst, dann arbeite an einem oder zweien dieser zehn Kriterien und dann an den nächsten drei und vier und dann wird ein Qualitätsnetzwerk entstehen, wo sich diese Merkmale guten Unterrichts dann gegenseitig noch mehr verstärken.

Also Zehn Gebote für den Unterricht?

Meyer: Einen ähnlichen Titel hatte ich sogar zuerst überlegt. Aber die Lektorin des Verlags und meine Frau haben gesagt, lass das alte Testament aus dieser Sache raus, das sind keine Gebote sondern das sind empirisch abgesicherte Empfehlungen.

Können sie die wichtigsten dieser zehn Empfehlungen beschreiben?

Meyer: Es gibt Spitzenreiter dabei. Drei Kriterien sind empirisch besonders gut abgesichert.

Erstens: Guter Unterricht zeichnet sich dadurch aus, dass er klar strukturiert ist, dass sich ein roter Faden durch die Stunde zieht und zwar nicht nur für den Lehrer in seinem Hinterkopf sondern für die Schüler erkennbar. Noch besser ist, wenn Lehrer und Schüler zusammen diesen Faden gesponnen haben.

Zweitens: Der Anteil echter Lernzeit der Schülerinnen und Schüler ist hoch. Das heißt, der Unterricht beginnt pünktlich und es gibt so gut wie keine Disziplinprobleme, die Zeit kosten und kein Organisationskram, der Zeit kostet. Der Schüler kann sofort mit dem Lernen anfangen. Gerade wenn die Schüler kein Futter bekommen, entstehen die Disziplinprobleme.

Drittens: individuelles Fördern. Da sind die deutschen Lehrerinnen und Lehrer nach allen Pisaergebnissen offensichtlich noch nicht besonders stark, das ist kein individueller Vorwurf an die Lehrer, das liegt an unserer Schulstruktur - da muss einiges passieren. Jeder Schüler hat das Recht, solange gefördert zu werden, wie er zur Schule geht. Ein funktioneller Analphabet darf nicht entlassen werden, er muss mit viel Geldaufwand solange gefördert werden, bis er lesen kann.

Die aktuelle OECD-Lehrerstudie ist wiederum kein Aushängeschild für das deutsche Bildungssystem. Was sagen Sie zu diesen Ergebnissen?

Meyer: Eine Aussage ist ja: Die Lehrer sind zu alt. Das kann ich nicht akzeptieren. Ob man engagiert unterrichtet, das ist wirklich keine Frage des Alters. Es wurde außerdem gesagt, Lehrer sind demotiviert. Die Burn-Out-Rate ist bei uns bekanntermaßen sehr hoch, auch die Frühpensionierungsrate liegt deutlich über der in anderen Pisaländern. Meine Erfahrungen in anderen Nationen zeigen, dass dort engagierter und herzlicher unterrichtet wird als von manchem Kollegium in Deutschland. Ich habe Verständnis dafür, dass in diesem oder jenem Kollegium eine Jammerkultur ausgebrochen ist. Aber das ist natürlich das tödlichste Gift für guten Unterricht, wenn die Lehrer das Gefühl haben "Mein Dienstherr lässt mich allein, von Jahr zu Jahr wird's schlimmer und ich arbeite nur noch die Jahre ab". Lehrer müssen begeistert sein für ihr Fach. Den Studenten sage ich immer: Die Aufgabe eines Lehrers ist es, die Schüler mit Gewalt und Liebe zur Selbstständigkeit zu führen. Liebe, das akzeptiert man eher schon und fragt, ob es etwas emotional unterkühlter formuliert werden könnte. Bei Gewalt zucken alle zusammen. Ich meine natürlich nicht physische Gewaltanwendung sondern das, was im Englischen force heißt - also sie müssen Autorität ausüben, Grenzen setzen und Freiheit und Selbstständigkeit ausbalancieren

Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches, dass sie einige alte Schulmeisterweisheiten bestätigt fanden und dass Sie sich von einer Reihe lieb gewonnener Vorurteile haben verabschieden müssen. Welche waren das?

Meyer: Von der Vorstellung, dass man auch empirisch nachweisen kann, dass der so genannte offene Unterricht, der handlungsorientierte Unterricht, deutlich besser ist als der so genannte Frontalunterricht. Das muss man differenzieren. Bei der Vermittlung kognitiven Wissens ist der herkömmliche, weitgehend frontale Unterricht doch deutlich leistungsstärker als ich gedacht hatte. Bei der Vermittlung von Sozial- und Methodenkompetenz ist dieser so genannte offene Unterricht ein bisschen überlegen, aber die Unterschiede sind gar nicht so groß. Deswegen ist auch das Fazit meines Buches: Mischwald ist besser als Monokultur. Ein Kollegium muss gemeinsam dafür sorgen, dass beides angeboten wird.

Der viel kritisierte Frontalunterricht ist doch gar nicht so schlecht?

Meyer: Frontalunterricht kann viel besser sein als sein Ruf. Er muss nur wieder verlebendigt werden. Frontalunterricht ist ja nicht identisch mit "Lehrer steht vorne und redet". Wenn Schüler vorne ein Rollenspiel machen ist das auch Frontalunterricht. Da sowieso Zweidrittel des Schulunterrichts Frontalunterricht sind, ist der Versuch in der PISA-Skala nach vorne zu kommen sowieso nur zu gewinnen, wenn wir beim Frontalunterricht ansetzen. Die schönen Rosinenthemen, die jetzt gern zitiert werden, wie Jugend forscht oder therapeutisches Reiten, die sind lieb und schön, aber die Schlacht darum, ob Deutschland den schlechten Platz verlässt und in die Mitte aufrücken kann, wird im Frontalunterricht geschlagen und nicht beim therapeutischen Reiten.

Aber gewiss doch nicht nur dort - wo sehen Sie gegenwärtig weitere Mängel?

Meyer: Vor allem was Teamarbeit oder Lehrerkooperation genannt wird. Der reine Zeitaufwand, um sich mit den Kollegen zu verständigen, muss erhöht werden. Diese Fixierung auf das Einzelkämpfertum in der Einzelstunde muss zu Ende sein. Das zeigt Pisa. In den Ländern, die Siegerländer sind, gibt es sehr viel mehr Kooperation und Kommunikation der Lehrer untereinander. Wir haben in Deutschland diese Tradition des 45-Minuten Fachunterrichts. Die will ich gar nicht beseitigen, sondern die will ich nur ein bisschen reduzieren und anderes daneben setzen.

Das heißt, Ihr neues Buch ist gar nicht unbedingt ein Leitfaden für Referendare und Studenten sondern eher für "ältere Hasen" gedacht?

Meyer: Ja, ich habe es eigentlich für "ältere Hasen" geschrieben. Referendare können schon sehr viel damit anfangen, auch Studierende. Aber ich habe gerade an den normalen durchschnittlichen Lehrer gedacht. Ein Lehrer, der ordentliche Arbeit machen will, der kann mit diesen zehn Kriterien gut an seinem eigenen Unterricht arbeiten.

Prof. Dr. Hilbert Meyer hat an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg die Professur für Schulpädagogik inne. Er zählt zu den prominenten Autoren in der Pädagogenwelt. Sein Buch "Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung" - bereits in der zwölften Auflage erschienen - gilt als Standardwerk für angehende Lehrer. Sein neues Buch heißt: Was ist guter Unterricht. Es ist im Verlag Cornelsen Scriptor erschienen und kostet 12,95 Euro. (Limitierte Sonderausgabe mit DVD: 24,90 Euro)

Dokument zum Download (.pdf-Format):

10 Merkmale guten Unterrichts

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