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Schulsystem macht Kinder zu Verlierern

Diskussion über Amoklauf: Verbot von Gewaltspielen greift zu kurz

Mehr zu: Deutschland, Gewalt in der Schule, Gymnasium, Hauptschule, Killerspiele, Medienkompetenz, Realschule, Schulsozialarbeit, Schule
22.11.2006 -

(bikl) Angesichts des Amoklaufes eines 18-Jährigen in einer Emsdettener Schule hat der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover heute in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel" erklärt, in den Schulen würden zu viele Verlierer erzeugt.

Außerdem kümmerten sich die Familien zu wenig darum, "was ihre Kinder in Kinderzimmern treiben". Und der Jugendmedienschutz sei in Deutschland ineffektiv, sagte Pfeiffer.

Soziales Lernen kommt zu kurz

Der Wissenschaftler kritisierte vor allem das Schulsystem. "Unser Problem ist, dass unsere Schule zu sehr auf Wissensvermittlung setzt und zu wenig auf ## soziales Lernen", sagte er. Die Nachmittagsgestaltung der Schulen müsse unter der Überschrift "Lust auf Leben wecken" stehen. "Wer schlecht in der Schule ist, kann als Schultorwart oder als Tischtennisspieler brillieren." Man müsse die Stärken der Kinder suchen und sie an der Stelle aufbauen, wo sie Perspektiven hätten.

"Wir vermitteln den Kindern zu wenig Möglichkeiten zum Austoben und bieten ihnen damit zu wenig Anerkennungschancen." Schon bei der frühen Aufteilung der Kinder auf Hauptschule, Realschule oder Gymnasium sei man in vielen deutschen Bundesländern auf einem falschen Kurs, "weil die Hauptschüler zu diesem Zeitpunkt schon mitgeteilt bekommen, dass sie Verlierer sein werden", sagte Pfeiffer.

Bundesratsinitiative

Nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen in einer Real-Schule in Emsdetten war unter Politikern und Fachleuten umgehend ein heftiger Streit über ein mögliches Verbot von "Killer-Computerspielen" entbrannt. Während mehrere Politiker ein Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele forderten, warnten andere vor einer eingeschränkten Sicht auf das Problem. "Killerspiele gehören in Deutschland verboten", erklärte der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber am Dienstag und kündigte eine entsprechende Bundesratsinitiative Bayerns an. Auch Niedersachsen plant eine solche Initiative.

Der nordrhein-westfälische Minister für Generationen, Familien, Frauen und Integration, Armin Laschet (CDU), hingegen erklärte, mit einem Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele sei das Problem nicht zu lösen. Das wäre ein vorschneller Schuss, der zu nichts führe.

Lehrerausbildung ändern

Auch die Vorsitzende des Familien- und Jugendausschusses des Bundestages, Kerstin Griese (SPD), warnte vor der populistischen Forderung, Gewaltvideospiele zu verbieten. Im Zeitalter des Internets sei das blauäugig. Allerdings, so wandte sie ein, müsse geprüft werden, ob sich die Einteilung von Computerspielen in Altersklassen bewährt habe.

Leider fänden Kinder gerade in bildungsfernen Schichten immer weniger positive Anregungen im Elternhaus, so die Politikerin weiter. Deshalb müssten sowohl die Elternkompetenzen gestärkt werden als auch den Schulen mehr Erziehungsaufgaben zugewiesen werden. Nirgends werden die Schüler so früh in verschiedene Schulformen selektiert, wie in Deutschland. "Statt anerkannt fühlen sich viele schlicht aussortiert. Die Lehrerausbildung muss völlig neu akzentuiert werden. Lehrer benötigen weitaus mehr Erziehungskompetenzen. Sie müssen lernen, Schülern positive Anerkennung zukommen zu lassen."

Mehr Sozialarbeiter

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisierte die geringe Zahl von Psychologen an den Schulen. "Wir sagen das seit Jahr und Tag, und trotzdem werden Stellen abgebaut", so GEW Vorsitzender Ulrich Thöne gegenüber der "Berliner Zeitung". Er forderte zudem mehr Schul-Sozialarbeiter: "Wir müssen die Schüler zum Sprechen bringen, und das geht nicht mit Polizeimethoden."

Chancen für Verbot?

Nach einem Bericht der Netzzeitung würde ein mögliches Verbot von Killerspielen nicht unbedingt gegen das Grundgesetz verstoßen. Dies sei das Ergebnis eines Gutachtens des Bundestages, das der Zeitung vorliege. Demnach räumen Gutachter des Deutschen Bundestages dem Vorhaben der Großen Koalition, so genannte Killerspiele gesetzlich zu verbieten, gute Chancen ein.

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