350 anerkannte Ausbildungsberufe gibt es – genug Auswahl für deutsche Schüler, so sollte man meinen. Felix Rauner, Professor am Institut für Technik und Bildung an der Universität Bremen, hat die Probe aufs Exempel gemacht und Jugendliche gebeten, spontan aufzuschreiben, welche Berufe ihnen einfallen. "Was sie notiert haben, waren zu 80 % Berufe, die aus Grimms Märchen stammen und die mit der Wirklichkeit relativ wenig zu tun haben", so das ernüchternde Ergebnis. Sein Fazit: "Berufsorientierung und Berufsvorbereitung sind in Deutschland unterentwickelt."
Rauner, der sich seit Jahren mit dem Ausbildungssystem in Deutschland beschäftigt, kritisiert besonders die scharfe Trennung von Schule und Berufsbildung in Deutschland. Tatsächlich hat die mangelnde Information der Schüler weit reichende Folgen: Häufig wählen die Jugendlichen aus Verlegenheit das Nächstliegende und übersehen Berufe, die möglicherweise besser zu ihren Neigungen und Fähigkeiten passen. Dann wird die erste, möglicherweise auch die zweite Ausbildung abgebrochen, bis endlich das Richtige gefunden ist. Im Jahr 2005 wurde jeder fünfte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst.
Würde der Übergang von der Sekundarstufe I in eine Berufsausbildung richtig vorbereitet, müssten nach Rauners Auffassung auch weniger Jugendliche nach der Schule in Qualifizierungsmaßnahmen, bevor sie einen regulären Ausbildungsplatz bekommen. In dieser Warteschleife befinden sich in Deutschland mittlerweile sogar mehr Menschen als in einer regulären Ausbildung, nämlich rund 500.000. Ein Konzeptpapier, das Wissenschaftler dem "Innovationskreis berufliche Bildung" beim Bundesministerium für Bildung und Forschung jetzt vorgelegt haben, beschreibt dieses Übergangssystem so: Jugendliche werden "mit einem milliardenschweren öffentlichen Finanzaufwand in einer Vielzahl von Maßnahmen zur Berufsausbildungsvorbereitung untergebracht, die überwiegend keinen systematischen Anschluss an eine Berufsausbildung an anerkannten Ausbildungsberufen besitzen". Der Innovationskreis beschäftigt sich unter anderem mit der Verzahnung von Vorqualifikationen und Ausbildung. Die Beratungen sollen bis zum Sommer 2007 abgeschlossen sein.
Viele der Jugendlichen fühlen sich in den berufsvorbereitenden Maßnahmen im Anschluss an die Sekundarstufe nicht am richtigen Platz. "Was wir dort an Motivation und Engagement und an gesellschaftlichen Ressourcen zerstören, ist dramatisch. Man versucht, die Defizite der Sekundarstufe I durch die Verlängerung jener Methoden aufzufangen, die die Ursache des Übels sind", kritisiert Rauner. Oder anders ausgedrückt: Jugendliche, die keinen "Bock" mehr auf Schule haben, wird man wohl kaum durch weitere schulische Maßnahmen motivieren können.
Versagt also die allgemeinbildende Schule in Sachen Berufsvorbereitung? Vieles deutet darauf hin.
Bildungsexperten – Politiker, Wissenschaftler und Praktiker - haben dieses Problem erkannt und in Angriff genommen – mit unterschiedlichen Ergebnissen. So wollen etwa die Partner des nationalen Paktes für Ausbildung und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz ein Übergangsmanagement von Schule und Ausbildung systematisch in Schulen und Betrieben verankern.
Auch das Programm "Schule-Wirtschaft/Arbeitsleben" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung - bereits im Herbst 1999 an den Start gegangen - hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung zu verbessern. Mit dem vom Europäischen Sozialfonds geförderten Programm wollen Bund und Länder nach neuen Wegen zur Stärkung der Ausbildungs- und Arbeitsfähigkeit von Jugendlichen suchen.
Unterdessen sind rund 70 Projekte durchgeführt worden. Mal geht es um Kooperationsformen mit betrieblichen Partnern, mal um Lehrer-Ausbildungs-Modelle, mal um einen Berufswahlpass, mal um neue Praktikumsformen.
Denn neben der Beratung durch die Arbeitsagenturen gelten Betriebspraktika bislang als Eckpfeiler für die berufliche Orientierung von Schülern. Wie erfolgreich solche beruflichen Schnupperwochen wirklich sind, wollte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) wissen und hat in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg Haupt- und Realschüler der neunten und zehnten Klasse dazu befragt. Interviewt wurden außerdem Fachlehrkräfte und Betriebe.
"Der Nutzen von Schülerbetriebspraktika als isolierte Maßnahme kann nur begrenzt bleiben" heißt es in dem Bericht. "Das Schülerbetriebspraktikum bildet zwar einen Kernpunkt schulischer Berufsorientierung, seine Effizienz hängt aber nicht zuletzt von der Einbettung in einen Gesamtkatalog orientierender Maßnahmen ab", schreiben die Autoren und plädieren gleichzeitig für einen Ausbau dieser Orientierungsmaßnahme.
Der Bremer Wissenschaftler und Gründer des Instituts Technik und Bildung (ITB,) Felix Rauner, setzt allerdings auf eine andere Lösung des Problems. Betriebspraktika seien häufig problematisch, weil die Jugendlichen in vielen Betrieben als Störfaktor angesehen würden. "Man weiß nicht so richtig, was man mit ihnen machen soll", so der Berufsbildungsexperte.
Seine Vorschläge gehen denn auch weit über ein einfaches Betriebspraktikum und dessen Optimierung hinaus. Rauner empfiehlt vielmehr das Zusammenwachsen der Bildungsbereiche durch eine stufenübergreifende Grundbildung. Dort soll dann das letzte Schuljahr der Sekundarstufe I zugleich das erste Jahr der Berufsbildung sein. In einer Art "Vorlehre" sollen die Schüler in dieser Zeit zwei Tage pro Woche mit ihrer betrieblichen Berufsausbildung beginnen.
Ein Konzept, das seiner Überzeugung nach viele Vorteile birgt. So könnte sich die allgemeinbildende Schule die Ausbildungs- und Arbeitserfahrungen der Schüler zunutze machen und dem letzten Schuljahr neuen Schwung geben. "Schüler blühen auf, wenn sie in praktischen Arbeitsprozessen, die zugleich qualifizierend sind, ernst genommen und herausgefordert werden. Dann erleben die Jugendlichen, warum es sich lohnt, etwas zu lesen oder etwas nachzurechnen, denn sie kommen mit ganz anderen Zusammenhängen in Berührung."
Auch die Betriebe würden profitieren, meint Rauner. Viel besser als in einem kurzen Praktikum könnten sie die Jugendlichen innerhalb dieses Jahres kennenlernen. Eine Vergütung würde nicht anfallen und wenn die Jugendlichen dann mit diesem Vorlauf tatsächlich ihre Ausbildung starteten, wären sie intensiver auf die betrieblichen Anforderungen vorbereitet.
Modelle wie diese will der Wissenschaftler allerdings nicht auf so genannte Risikoschüler, beschränkt wissen, denn "das bedeutet eine schleichende Stigmatisierung der beruflichen Bildung." Auch für die leistungsstärkeren Schüler sei dieses Modell interessant, weil diese Schüler mit viel Rückenwind und guten Chancen in die duale Berufsbildung gingen. In der Schule werde nämlich oft unterschlagen oder gar vergessen, dass leistungsstarke Schüler beispielsweise im Handwerk relativ schnell eine unternehmerische Karriere machen könnten.
Rauner empfiehlt den Blick über den Tellerrand, etwa in die USA, wo die Berufsorientierung bereits im Kindergarten und in der Grundschule – etwa mit Betriebsprojekten - verankert sei. Und auch in Deutschland gebe es bereits Projekte, "in denen Kinder schon im Kindergarten in Kontakt zur Berufswelt kommen und nicht bloß Strohsterne basteln".
Werden Jugendliche schon durch die Berufsbezeichnungen in ihrer Berufswahl beeinflusst? Dieser Frage sind Wissenschaftler im Auftrag des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) nachgegangen. Von 2004 bis 2005 wurden rund 3.000 Schüler und Schülerinnen befragt. Die Ergebnisse belegen, wie wichtig die Berufsbezeichnungen sind. 46 % der Befragten berichteten nämlich, dass sie öfter auf Berufsbezeichnungen gestoßen sind, unter denen sie sich überhaupt nichts vorstellen konnten. 20 % gaben an, dass sie sich mit einer Ausbildungsalternative erst gar nicht beschäftigen, wenn ihnen die Bezeichnung nichts sagt. Außerdem interessant: Die meisten jungen Berufswähler (86 %) lehnten Anglizismen in Berufsbezeichnungen ab. So zogen sie etwa den "Verkaufsleiter" dem "Sales Manager" vor. Durch die englischsprachigen Ausdrücke fühlen sich die Jugendlichen offensichtlich eher verwirrt und schätzen sie als zu hochgestochen für die eigentlich gemeinte Tätigkeit ein.
Berufsbezeichnungen werden in Deutschland in einem mehrstufigen Verfahren erarbeitet, in das alle an der beruflichen Bildung beteiligten Instanzen – Arbeitgeber, Gewerkschaften, Bund und Länder – einbezogen sind. Diese – so empfiehlt der Berufsbildungsbericht 2006 - sollten auch dabei die Jugendlichen einbeziehen.
Das Thema auf der didacta 2007
In ihrem Angebotsbereich "Ausbildung/Qualifikation" informiert die didacta 2007 in Köln ausführlich über neue Berufsfelder, Lernmittel und Lernmethoden. Das Bundesinstitut für Berufsbildung stellt aktuelle Forschungsergebnisse vor. Und im Forum Ausbildung diskutieren Experten über den derzeitigen Stand der beruflichen Bildung, über zukunftsweisende Konzepte und den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQF).