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Besser lernen auf passenden Stühlen

Mitwachsende Möbel entsprechen jederzeit der Körpergröße

Mehr zu: ADHS, Ausstattung, Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Schülerzahlen, Schulträger, Sport, Volksschule, Schule
18.12.2006 -

Klassenzimmer in maroden 60er-Jahre-Bauten, im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt – möbliert mit Tischen und Stühlen, die weder schön noch bequem oder gar ergonomisch sind. Stinkende Umkleiden in den Turnhallen und ekelerregende Toiletten. So ähnlich werden sich viele Kinder später an ihre Schule erinnern.

Schon in Meyers Konversationslexikon von 1888 zählten unter dem Stichwort 'Schulgesundheitspflege' "Maßnahmen, welche sich auf Bau und Einrichtung des Schulhauses beziehen" an vorderster Stelle zu jenen, "welche sich auf Erhaltung und Verbesserung des körperlichen Wohlbefindens und der Gesundheit der Schulkinder (der Lehrer, resp. Lehrerinnen) beziehen." Bis heute hat sich an dieser Erkenntnis nichts geändert. Gleichwohl befindet sich eine Vielzahl der Schulen in unserem Land in einem dringend sanierungsbedürftigen Zustand, was letztlich nicht ohne negative Folgen für Schüler und Lehrer bleiben kann.

In Deutschland besuchen derzeit gut 12 Millionen Schüler den Unterricht in etwa 40.000 Schulen, die größtenteils schon vor dem 2. Weltkrieg errichtet wurden. Der Anteil neuer Gebäude ist vergleichsweise gering. Lediglich in den 60er- und 70er-Jahren wurden infolge des Babybooms und der Auflösung der Volksschulen etliche neue Schulzentren errichtet. Die meisten von ihnen sind denn auch vom Charme der siebziger Jahre geprägt und lassen architektonische Kreativität weitgehend vermissen. Hässliche Betonklötze, die im Lauf der Zeit nicht gerade ansehnlicher geworden sind.

40 Euro für einen Stuhl

Und das Innenleben der Schulen sieht selten besser aus. Insbesondere das Mobiliar in den Klassenräumen "Ein ergonomisch wertvoller Bürodrehstuhl für die Gesunderhaltung darf ca. 600 Euro kosten", schreibt der Sport- und Bewegungswissenschaftler Dr. Dieter Breithecker, "ein Schulstuhl für die gesunde Entwicklung keine 40 Euro. Unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ein Eigentor, wenn man die Folgekosten antizipiert. Zynisch betrachtet ist die Konterkarierung solcher Erkenntnisse die beste Methode, 'Zulieferer' unserer Medizinsysteme zu werden."

Firmen drücken die Wertschätzung ihrer Mitarbeiter unter anderem in der Gestaltung der Arbeitsplätze aus, selbst Ämter und Behörden begrünen ihre Wartebereiche. Und ergonomische Anforderungen etwa in Sachen Bildschirmarbeitsplätze sind in arbeitsschutzrechtlichen Bestimmungen verankert. Anders beim Arbeitsplatz Schule. Das Lernen am Schulcomputer findet bisher in keiner Verordnung angemessene Berücksichtigung.

Stühle: zu groß oder zu klein

Breithecker, der auch Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung ist, kritisiert "dass heutzutage im schulischen Alltag über zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler an Gestühlgrößen verbringen, die nicht ihrer Körpergröße entsprechen."

Und das müsste nicht sein. Längst bieten Schulmöbelhersteller höhenverstellbare Tische und Stühle an. So ist für den "Klassenriesen" ebenso wie für die "Klassenkleinste" immer die passende Sitzgelegenheit vorhanden.

Wollte man mit nicht verstellbaren Standardstühlen dem Wachstum der Kinder gerecht werden, so müsste man in manchen Altersgruppen die Möbel im Halbjahresrhythmus austauschen. Das macht natürlich keine Schule – und weil neue Möbel in der Regel nur angeschafft werden, wenn die alten kaputt sind, sitzen Kinder weiterhin auf nicht passenden und unergonomischen Stühlen. Mit Auswirkungen und Folgen, die nicht unterschätzt werden sollten. Durchschnittlich neun Stunden verbringen Grundschüler täglich sitzend – davon einen nicht unerheblichen Teil in der Schule. Bereits mehr als die Hälfte aller Kinder zwischen sieben und zehn Jahren leidet an Rückenproblemen.

Mangelnde Konzentration und Kopfschmerzen

Neben den langfristigen Folgen hat falsches Sitzen auch direkte Auswirkungen auf das Lernen. Weil Schulter-, Nacken- und Rückenmuskulatur sich verspannen und die Atmungsorgane eingeengt werden, lassen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungsfähigkeit schnell nach. Oft wird dann der "Schulkopfschmerz" zum häufigen Begleiter der Kinder. Dass sich unkonzentriert oder gar mit Schmerzen wohl kaum gut lernen lässt, ist unbestritten. Moderne Schulmöbel sind für die Bewegung gemacht und nicht für starres Sitzen, etwa mit einer nachgebenden Sitzfläche und einer Rückenlehne, die sich Lageveränderungen des Körpers angleicht. Denn gerade beim Lernen brauchen Schüler Bewegung, weil dabei Muskeln und Gehirn besser durchblutet werden.

Die Lernerfolge von Schülern werden unterdessen auf vielfältige Weise evaluiert und international verglichen. Äußere Gegebenheiten wie Beschaffenheit und Ausstattung der Schule fließen in pädagogische Vergleichsstudien bisher leider nicht ein. Dabei ist die Rolle des Lernraums als "dritter Pädagoge" - neben den Mitschülern und den Lehrern - seit mehr als hundert Jahren unumstritten. Guter Unterricht ist ein wesentlicher Faktor für den Lernerfolg - er kann aber erst gelingen, wenn Schüler und Lehrer sich in ihrer Umgebung wohl fühlen und dort auch gut aufgehoben sind. Und das beginnt bei Gestaltung und Ausstattung der Klassenräume.

Die Schülerzahlen werden in den nächsten 16 Jahren um fast ein Fünftel zurückgehen. Mit der Folge, dass Schulen geschlossen oder zusammengelegt werden. Schulträger wären gut beraten, würden sie das dort eingesparte Geld in die Ausstattung der Schulen stecken. Auch das kann positive Auswirkungen auf die viel beklagten PISA-Ergebnisse haben.

Bodenhaltung statt Käfig

"Schulbau hat in der Vergangenheit mehr Schulreform verhindert als ermöglicht", erklärte der ehemalige Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm, Prof. Ulrich Herrmann, Ende vergangenen Jahres im Südwestrundfunk, "Schulen waren manchmal geradezu die betonierten Lernhindernisse. Heute gibt es vorbildliche Neubauten und mit viel Geschick pädagogisch revitalisierte Altbauten, die die Käfighaltung durch freilaufende Bodenhaltung, die Kirchenbestuhlung durch Arbeitsgruppen, die Lehrerzentrierung durch Schülerzentrierung ersetzt haben. Sie sind auch ein Beweis dafür, dass die nun schon ein Jahrhundert alte reformpädagogische Formel der "Pädagogik vom Kinde aus" auch geeignet ist, eine "Schularchitektur vom Schüler aus" zu inspirieren und dadurch Schulreform auch dauerhaft werden zu lassen, um nicht zu sagen: im positiven Sinne zu zementieren." Ein Trend, dem sich alle Schulen rasch anschließen sollten.

Das Thema auf der didacta
Etliche Diskussionen, Workshops und Vorträge auf der didacta 2007 drehen sich um Raumgestaltung, Jugendgesundheit oder den Raum als dritten Erzieher. Spezialmöbelhersteller zeigen auf der Messe ihre neuesten Möbel und Lernarrangements für Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Dazu gehören auch Fachraum- und Laboreinrichtungen, Spielgeräte, behindertengerechte Einrichtungen und komplette Werkstätten.

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