Erfolgsfaktor Sozialkompetenz
Interview mit Prof. Dr. Rita Süssmuth
Mehr zu: didacta - die Bildungsmesse, Interviews, Jugendhilfe und Sozialarbeit, Stiftungen, Stipendien, Unterrichtsgestaltung, SchuleProf. Dr. Rita Süssmuth setzt sich für Bildungsinitiativen und eine Bildungspolitik ein, die die Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen. Deswegen engagiert sie sich auch als Präsidentin des von der Vodafone Stiftung geförderten buddY E.V. und als Kuratoriumsvorsitzende der Yehudi Menuhin Stiftung Deutschland. Diese Träger veranstalten gemeinsam mit dem beta Institut die Sonderschau Soziales Lernen auf der diesjährigen didacta. Wir sprachen mit Prof. Dr. Süssmuth über die Bedeutung von sozialen und emotionalen Kompetenzen für die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen.
Frau Süssmuth, was müssen Pädagogen Kindern und Jugendlichen heutzutage vermitteln?
Rita Süssmuth: Ob Kindergarten oder Schule - junge Menschen sollen in die Lage versetzt werden, mit ihren bereits vorhandenen Fähigkeiten das kognitive, soziale und emotionale Lernen miteinander zu verbinden. Anders ausgedrückt: Sie sollen lernen über das Miteinander und was in diesem Miteinander an Entdeckungen gemacht und an Problemen bearbeitet wird. Hartmut von Hentig nennt das "Die Menschen in Bewegung versetzten, die Dinge klären."
Das ist zugleich entdeckendes Lernen. Dahinter steckt die Herausforderung, dass ich mir Informationen beschaffe und bearbeite, die ich brauche, um eine Sache zu verstehen.
Jeder in einer Lerngruppe – sei es in der Schule oder im Kindergarten - hat seine Aufgabe. Die ist vom Lehrer oder der Erzieherin zwar vorstrukturiert, aber dahinter stecken alle Jugendlichen und Kinder als Lerngruppe: die Stärkeren für die Schwächeren, die Älteren für die Jüngeren. Und da bin ich dann ganz schnell an einem Punkt wo ich nicht nur jahrgangsspezifisch sondern auch jahrgangsübergreifend arbeite. In diesem Prozess erwerben die Kinder soziale und emotionale Kompetenzen, die immer wichtiger werden.
Was bedeuten diese Anforderungen für die Unterrichtsgestaltung in der Schule oder für die Ansprüche an Pädagogen in Kindergärten?
Rita Süssmuth: Ich brauche als Pädagoge, um dem einzelnen Kind gerecht zu werden, das Prinzip der Individualisierung. Anders gesagt: Ich muss wissen, wo das Kind selbst in seinem Lernprozess steht und muss es in diesem Prozess begeleiten. Wichtig ist, bei seinen Stärken anzusetzen und nicht bei seinen Schwächen. Die Schwächen, Zug um Zug, so weit wie ich es eben kann, in Stärken umwandeln. Das ist entscheidend. Mal ist es das lernende Individuum, das sich selbst betätigt. Mal ist es auch eine Bezugsgruppe. Ich trage meine Ergebnisse und Fragen in die Gruppe, ich hole Informationen und Aufgaben aus der Gruppe. Und in der Gruppe erfahre ich: Wie geht mich das eigentlich emotional und sozial an?
Welche Funktion müssen Kindergarten und Schule in unserer Gesellschaft erfüllen?
Rita Süssmuth: In Schule und Kindergarten geht es ja nicht nur um kognitive Lernprozesse, sondern mitunter gibt es gravierende soziale, psychologische Probleme. Wer ist denn für Erziehung zuständig? Und welche Bedürfnisse haben Kinder denn überhaupt? Es gibt zum Beispiel eine wachsende Zahl von Kindern, die zuhause vernachlässigt werden. Dort stehen die Eltern morgens nicht auf, es gibt kein Frühstück, die Hygiene wird nicht mehr beachtet. Natürlich gibt es viele Eltern, die sich exzellent kümmern, aber es gibt eben auch diejenigen Kinder, um die sich niemand kümmert. Also insofern haben Kindergarten und Schule mehr als eine Bildungsaufgabe – die Bildung braucht eine ganzheitliche Betreuung des Kindes. Dieses Wort "Betreuung" ist in einem umfassenden Sinn zu verstehen.
Sie sagen, dass soziales und emotionales Lernen eine sehr große Bedeutung hat. Wie verträgt sich das mit dem Vorhaben Deutschlands, 2009 aus der PISA-Studie auszusteigen, die sich mit sozialem Lernen beschäftigt?
Rita Süssmuth: Die Bildungspolitiker nehmen natürlich oft das Wort des sozialen Lernens in den Mund, aber die Reaktionen auf PISA machen deutlich, dass sich das ganze Augenmerk letztlich auf kognitives Lernen richtet. Aus der PISA-Studie 2009 auszusteigen, halte ich für sträflich. Wenn die Begründung ist, dass wir da angeblich keinen Bedarf haben, dann muss ich die Bildungspolitiker fragen: "Woher wissen Sie das? Wie kommen Sie darauf?" In amerikanischen Auswahlverfahren, beispielsweise für ein College-Stipendium, spielen emotionale und soziale Fähigkeiten eine ganz große Rolle. Da geht es ums Durchhalten, beispielsweise beim Lernen eines Instruments, und um eine ganze Reihe weiterer Fähigkeiten, die eine Persönlichkeit ausmachen. Auch die hinter einem Kind oder Jugendlichen stehende soziale und individuelle Kompetenz wird in die Entscheidung einbezogen – von dieser Sichtweise sind wir in Deutschland leider noch weit entfernt.
Das Buddy-Projekt wird von der Vodafone Stiftung Deutschland gefördert. Auch die Arbeit des beta Instituts und der Yehudi Menuhin Stiftung basiert in Teilen auf Zuwendungen von Stiftungen. Wie bewerten Sie es, dass Stiftungen und Unternehmen gerade im Bildungsbereich immer mehr Aufgaben des finanzschwachen Staates übernehmen?
Rita Süssmuth: Die Innovationen im Bildungsbereich sind in den letzten Jahren sehr stark aus der Zivilgesellschaft gekommen – ich sehe das nicht nur als Schwäche des Staates, sondern auch als Stärke unserer Zivilgesellschaft. Stiftungen spielen dabei eine sehr große Rolle. Sie sind Akteure und Motor von Veränderung. Das Buddy-Projekt und das MUS-E-Programm der Yehudi Menuhin Stiftung finden eine breite Aufnahme in den Bundesländern und in Schulen. Das zeigt, dass innovative Lösungsansätze, die aus der Gesellschaft kommen, letztlich zu politischer Öffnung und der Kooperation zwischen privaten Trägern und öffentlicher Hand führen können.
Rita Süssmuth auf der didacta 2007
Am 28.02.2007 wird Rita Süssmuth am Fachforum "Sozial-emotionales Lernen: Herausforderung und Chance für Politik und Gesellschaft" der Sonderschau Soziales Lernen teilnehmen. Das Forum findet von 14.30 bis 16.00 Uhr in Halle 7, Stand B-060/C-061 statt.
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