Damit Schüler autonom lernen
Interview mit Martin Bergmann über die Stärken von Lernhilfen
Mehr zu: Abschlussprüfungen, Bildungsbuch, Gymnasium, Lernhilfen, Schulbuch, Schulfächer, Schule(bikl) Sie decken beinahe alle Schulfächer in allen Schulformen ab: Gedruckte Lernhilfen, mit denen Schüler vom ersten Schultag an zu Hause den Schulstoff nacharbeiten oder sich auf Prüfungen vorbereiten können. Auch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse sind Lernhilfen ein wichtiges Thema. Am neuen Gemeinschaftsstand Bildung informieren und beraten Experten während der gesamten Messe Eltern, Lehrer und Schüler zum Thema "Lernen zu Hause". bildungsklick.de sprach im Vorfeld der Messe mit Martin Bergmann, Programmleiter Schule und Lernen beim Dudenverlag, über die Besonderheiten der "kleinen Helferlein".
Schüler haben zum Lernen ihre Schulbücher, Workbooks und ähnliches. Dennoch gibt es einen riesigen Markt an Lernhilfen für den Nachmittag. Schafft die Schule also nicht alles, was sie schaffen sollte?
Martin Bergmann: Der Unterschied zwischen Lehrbüchern und Lernhilfen ist, dass Lernhilfen für Schüler- und Elternhand gemacht sind. Und ein Schulbuch ist in erster Linie für die Hand des Lehrers produziert. Außerdem sehen Schulbücher heute ganz anders aus als früher, sie bieten dem Lehrer immer ein ganzes Portfolio an Möglichkeiten an: Da ist ein Kursteil, ein Wissensteil, es gibt Übungsaufgaben, es gibt Testmaterial, es gibt Projektseiten oder Featureseiten etwa für Ausflüge. Und wenn ein schwacher Schüler mit Hilfe seines Lehrbuches nacharbeiten und nachlernen will, ist er sehr schnell überfordert. Eltern, die nicht im Thema stecken, geht es häufig nicht anders. Die Lehrbücher sind für das häusliche Lernen viel zu komplex. Lernhilfen gehen da einen ganz anderen Weg. Und das ist auch das, was wir uns für die Dudenlernhilfen auf die Fahne geschrieben haben: diese Komplexität herunterzubrechen und in ein überschaubares Buch zu bringen, mit dem die Schüler und Eltern umgehen können. Wir nehmen ihnen diese Vorarbeit ab: 'Welches Thema ist wichtig?' oder 'Auf was muss ich mich konzentrieren?' und 'Was ist das Kernwissen?' Wir legen dem Schüler auch nahe: "Bitte schreib dir doch auf, welche Seiten du aus dem Schulbuch dazu lernen möchtest, welche Seiten du noch in deinem Arbeitsheft oder Schulheft nachgucken musst und dann arbeite das durch und sag: "Ich hab´s verstanden!" oder schau es dir noch einmal an und komme am Ende zu der Selbsteinschätzung, ob du fit bist oder nicht.
Man kann also sagen, die Lernhilfe ist näher am Schüler und an seiner Arbeitsweise als das Schulbuch?
Martin Bergmann: Ja, sie ist genau abgestimmt auf die Arbeitssituation zu Hause. Ich sitze da als Schüler, habe etwas nicht verstanden, muss aber allein damit zurecht kommen. Auch Eltern sind häufig überfordert, inhaltlich oder zeitlich. Man sagt ja, Eltern seien die schlechtesten Nachhilfelehrer ihrer eigenen Kinder. Das kann schnell zu Stress führen. Deswegen ist es gut, wenn die Eltern sich an dem Buch orientieren können, sich das Kind aber dann weitgehend allein damit beschäftigt. Nicht, dass wir die Eltern aus der Pflicht nehmen wollen - aber es ist auch eine gewisse Entlastung, und der Schüler macht einen weiteren Schritt zum autonomen Lerner. Denn auch das sollen Lernhilfen unterstützen. Eine Lernhilfe, mit der der Schüler nicht allein zu Recht kommt, hat ihr Ziel verfehlt.
Nun müssen die Lernhilfen ja auch zu den Schulbüchern passen, Sie haben gesagt, die Inhalte werden "runtergebrochen". Wie sehr sind sie dabei in Kontakt mit den Institutionen, die Sie vorab über die Inhalte der Schulbücher informieren können?
Martin Bergmann: Diese Kontakte muss man sehr intensiv gestalten, um eine brauchbare Lernhilfe zu produzieren. Wir haben zum Beispiel unsere neue Reihe "Einfach klasse in" in der Phase konzipiert, als in den meisten Bundesländern die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium lief. Deshalb haben wir im Vorfeld sehr intensiv Lehrpläne analysiert, Lehrplansynopsen von den unterschiedlichen Bundesländern gemacht, die Kultusministerien kontaktiert, die Referentenentwürfe gelesen. Bei den Lernhilfen konzentrieren wir uns dann auf das Kernwissen, also auf die typischen Dinge, an denen eine Schulkarriere scheitert. Das ist ein reduzierter Kanon, der auch fast unabhängig ist von der Schulform und vom Bundesland. Allerdings haben wir etwa im Fach Mathematik festgestellt, dass die ostdeutschen Bundesländer und die westdeutschen Bundesländer den Stoff in einer unterschiedlichen Reihenfolge aufbauen. Bei den einen kommt erst die Bruchrechnung, bei den anderen kommen erst die negativen Zahlen. Das fangen wir z. B. damit auf, dass wir in der fünften und sechsten Klasse den Einstieg in diese Stoffe in beiden Bänden machen und jeder sich aussuchen kann, was er braucht. Für die einen ist es neuer Stoff, für die anderen ist es eine Wiederholung, denn Wiederholungselemente sind ebenso bei allen anderen Themen vorhanden.
Sie müssen also nicht für 16 Bundesländer 16 verschiedene Lernhilfen machen?
Martin Bergmann: Nein, das muss man nicht. Man kann das natürlich tun, aber wenn es um die wirklich entscheidenden Themen geht, dann ist es wichtiger, den Stoff so aufzubereiten, dass schwache Schüler damit umgehen können und dass sie im richtigen Schuljahr die richtigen Themen finden. So haben wir zum Beispiel eine Schwierigkeitsprogression in unserer Reihe "Einfach klasse in". Die Aufgaben sind explizit in drei Schwierigkeitsgrade gestuft, sodass Schüler sich selbst einschätzen können und zum Beispiel ein Gymnasiast auf einem höheren Niveau einsteigen kann als ein Realschüler. Deswegen kann man die Titel auch für beide Schulformen verwenden.
Ich komm jetzt als Schüler aus meiner Unterrichtsstunde und habe über negative Zahlen nichts kapiert. Dann ziehe ich meine Lernhilfe aus dem Regal und siehe da, mir kommt die Erleuchtung?
Martin Bergmann: Das wäre der Idealfall. Natürlich kommt die Erleuchtung nicht von allein. Das Etikett, das früher ganz gern an die Lernhilfen gehängt wurde: "Spaß am Lernen", das kann im Grunde keiner wirklich einlösen. Wir verlangen von dem Schüler schon, dass er arbeitet. Aber wir wollen ihm ein Instrument an die Hand geben, mit dem dies effizient und gezielt erledigen kann. Wenn es also darum geht "Ich habe in der Schule nichts verstanden", dann soll man die Lernhilfen auch wie ein Nachschlagewerk benutzen können. Deswegen haben wir anfangs einen kurzen Check: Was muss ich an Fakten und Regeln wissen, wie sind die Standardbeispiele und Rezepte, um die Lösung herzuleiten. Damit kann der Schüler die nachfolgenden Übungsaufgaben lösen. Die leichten Aufgaben sind so gemacht, dass sich erste Erfolgserlebnisse schnell einstellen und man auch etwas hoffnungsfroher an die anderen Aufgaben herangehen kann. Dass man allerdings jeden Schüler mit einem solchen Buch von einer Sechs zu einer Zwei führen könnte, wäre sicherlich eine unseriöse Behauptung. Aber wir denken, dass ein Schüler recht autonom lernen kann. Er kann Fehler selbst entdecken und korrigieren.
In welcher Alterstufe werden Lernhilfen denn am meisten nachgefragt?
Martin Bergmann: Am interessantesten sind Lernhilfen für Schüler der 3. und 4. Klasse, wenn es um den Übergang in die weiterführende Schule geht. Dann folgt der Start in der weiterführenden Schule, die 5. und die 6. Klasse. Wenn die Schüler anfangen zu pubertieren, wird es zunehmend schwieriger, ihnen das Thema Lernen nahe zu bringen. Was dann für sie allerdings interessanter wird, sind Nachschlagewerke. Denn ältere Schüler entwickeln ein anderes Arbeitsverhalten und nutzen gerne auch ein Lexikon oder Nachschlagewerk. Später wird wegen der zentralen Klassenarbeiten bzw. Abschlussprüfung die 10. Klasse zunehmend ein Thema und schließlich kommt eine große Nachfrage wieder zum Abitur.
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