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"Den Ausbildungsberuf da suchen, wo andere es nicht tun"

Interview mit dem Ausbildungsexperten Reinhard Selka

28.03.2007

(bikl) Viele Jugendliche, die in diesem Jahr ihre Schule beenden, sind bereits auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Sie haben die Wahl zwischen rund 350 anerkannten Ausbildungsberufen. Doch die meisten Schülern kennen nur einen Bruchteil davon. Wir fragten den Ausbildungsexperten und Autor von Berufswahlratgebern, Reinhard Selka, welche Berufe in Zukunft gefragt sein werden und wie Jugendliche sich erfolgversprechend bewerben können.

Herr Selka, welche Berufe stehen auf der Wunschliste der Auszubildenden ganz oben?

Reinhard Selka: So genau weiß das niemand – aber jeder ist der eigene Experte, zumindest hinsichtlich der eigenen Ausbildungswünsche. Wunschlisten basieren nicht unbedingt auf guten Informationen – das brauchen sie ja auch nicht. Meine Empfehlung: Lassen Sie sich da von niemandem reinreden. Denken Sie aber auch darüber nach, welche Ansichten Sie vielleicht in zehn Jahren haben – Ihr Beruf wird Sie wohl bis dahin begleiten. Klären Sie Ihre eigenen Interessen und sehen sich dann um, welche Ausbildungsberufe dazu passen.

Die Realität auf dem Ausbildungsmarkt deckt sich nicht immer mit den Berufswünschen der Schulabgänger. Wie sieht der Vergleich zwischen Wunsch und Wirklichkeit aus? Welche Ausbildungsberufe werden von den Betrieben besonders häufig angeboten?

Reinhard Selka: Die Hitliste der angebotenen Berufe ist ziemlich kurz: Die zehn stärksten Berufe machen rund ein Drittel aller augenblicklich 343 bestehenden Ausbildungsberufe aus – bei den Frauen sogar mehr als die Hälfte. Dazu gehören Einzelhandel, Büro, Fahrzeugtechnik, aber auch Köche, Friseurinnen oder Arzthelferinnen.
Diese Zahlen sagen aber nichts über die Berufswünsche aus, da sie nur die tatsächlich abgeschlossenen Ausbildungsverträge abbilden. Wer sich dagegen in der eigenen Schulklasse umhört, kommt wahrscheinlich auf eine ganz andere Hitliste.

Welche neuen Ausbildungsberufe wird es in den nächsten fünf Jahren geben?

Reinhard Selka: Neue Berufe entstehen immer dort, wo die wirtschaftliche Entwicklung das erfordert. Dabei muss auch eine längerfristige Perspektive erkennbar sein. Da die Entwicklungszeit für einen neuen Beruf heute weniger als ein Jahr beträgt, sind Prognosen ziemlich schwierig.
Wenn wir von den wichtigsten Entwicklungen Deutschland ausgehen, dann wird die Beschäftigung – und damit auch der Bedarf an neuen Qualifikationsprofilen – sich auf Felder wie Umwelt, Energie, Gesundheit und Logistik konzentrieren. Da gibt es zwar überall schon Ausbildungsberufe, aber mit wachsender Beschäftigung steigt auch der Bedarf an Spezialisierung.

In welchen Bereichen haben Schulabgänger ohne Abitur realistische Chancen auf einen Ausbildungsplatz?

Reinhard Selka: Nur etwa 1 % der Fachinformatiker kommen aus der Hauptschule, aber diese haben den Platz bekommen, weil einfach alles stimmte: Wenn Sie nicht wissen, was Sie wirklich wollen, wird man Ihnen das anmerken. Also: Erst gründlich informieren und die eigenen Wünsche klären. Natürlich sind die Chancen dort größer, wo der erreichte Schulabschluss "passt", daher haben wir die Berufsratgeber auch nach diesem Muster sortiert. Konzentrieren Sie sich jedoch nicht ausschließlich auf einen einzigen Beruf: Fast immer gibt es neben den bekannten und zahlenmäßig großen Ausbildungsberufen auch Alternativen. Wenn Sie dort suchen, wo andere das nicht tun, haben Sie immer die besseren Chancen!

Jenseits der "mausgrauen" Bewerbungsmappen: Welche ungewöhnlichen Bewerbungsstrategien empfehlen Sie Schulabgängern?

Reinhard Selka: "Mausgrau" sollte nicht dazu verleiten, achtlos zu sein: Bewerbungsunterlagen sind fast immer notwendig und müssen absolut fehlerfrei sein! Da reichen zwei Augen nicht aus – also immer durchsehen lassen. Wer sich in einem großen Unternehmen bewirbt, ist immer auf die Schriftform angewiesen – das kann aber auch das Internet sein! Bei Ausbildungsberufen, sie etwas mit dem Computer zu tun haben, kann das auch ein Pluspunkt sein. Bei kleineren Betrieben spielt der persönliche Eindruck eine besondere Rolle, da "Azubis" ins Team passen müssen. Wer also seine Unterlagen persönlich beim zukünftigen Chef abgibt, kann hier Punkte sammeln – vielleicht sogar mit einer spontanen Zusage nach Hause gehen. Das lässt sich natürlich auch strategisch planen: Nutzen Sie das Betriebspraktikum, oder machen Sie einen Ferienjob.

Die neuen Ratgeber von Reinhard Selka Berufsstart für Hauptschüler, Erfolgsberufe für Realschüler und Karrierestart für Abiturienten sind Anfang März im W. Bertelsmann Verlag erschienen.


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