An Bayerns Hauptschulen soll Quote der Abbrecher halbiert werden
Mit der "Hauptschule der Zukunft" wird dreigliedriges Schulsystem gefestigt
Mehr zu: Auslese, Bayern, Berufsschule, Dienstrecht, Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Hauptschule, Individuelle Förderung, Kongress, Realschule, Schulstruktur, Zeugnis, Schule(bikl) Auf dem zweitägige bayerische Hauptschulkongress in Ingolstadt hat Bayerns Kultusminister Schneider an diesem Wochenende sein neues Hauptschulkonzept vorgestellt. Innerhalb der nächsten 5 Jahre soll in Bayern die Quote der Schüler, die die Hauptschule ohne Abschluss verlassen, halbiert werden. Bei der Wirtschaft wurde der Vorstoß positiv aufgenommen, Opposition, Eltern- und Lehreverbände hingegen kritisierten Schneiders Pläne zum Teil heftig.
Derzeit besuchen 265.000 Kinder in Bayern eine Hauptschule. Knapp neun Prozent der Hauptschüler verlassen die Schule ohne Abschluss. Anders als etwa in Hamburg oder in Schleswig-Holstein will man in Bayern am dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Das bestätigte auch Ministerpräsident Stoiber, der im Vorfeld des Kongresses erklärte hatte, die Hauptschule werde ganz gezielt aufgewertet. "Der bayerische Weg ist: Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem für die beste individuelle Förderung, bei gleichzeitig maximaler Offenheit. Die Hauptschule der Zukunft soll eine offene Schule sein, mit der man bis zum Abitur gehen kann", so Stoiber.
In dieser "Hauptschule der Zukunft" soll der Hauptschulabschluss im Regelfall auch weiterhin wie bisher in der neunten Klasse erworben werden. Allerdings werde für die Schüler, die einfach mehr Zeit bräuchten, ein freiwilliges zehntes Hauptschuljahr eingeführt, so Kultusminister Siegfried Schneider. Dieses zehnte Schuljahr soll dann bereits an den Berufsschulen stattfinden.
Neue Profile
Außerdem will Schneider die berufsvorbereitende Rolle der Hauptschulen stärken und unter anderem mehr Praktika in den Schulen einführen. Auch sollen sich die Schüler zukünftig für einen von drei möglichen berufsvorbereitenden Lernschwerpunkten entscheiden: Technik, Dienstleistungen und Soziales bilden die drei zukünftigen "Profilbereiche", deren praktische Gestaltung mit Handwerk, Handel und Wirtschaft abgestimmt werden sollen.
Das Konzept greife zu kurz, kritisierte der bayerische SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann. Und die Spezialisierung der Schüler erfolge zu früh. "Das ist struktureller Irrsinn. Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Zersplitterung," bemängelt auch Isabell Zacharias. Die Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes prognostizierte, diese Profilbildung in der Hauptschule werde dazu führen, dass kleine Hauptschulen geschlossen und die verbleibenden an zentralen Standorten konzentriert würden, damit dort alle Profile angeboten werden können. "Das ist dann der endgültige Tod der Hauptschule auf dem Lande", warnte sie.
Mehr Respekt für Lehrer
Ministerpräsident Stoiber appellierte während des Kongresses an Betriebe und Unternehmen in Bayern, Hauptschülern eine Chance zu geben: "Die Hauptschule hat Zukunft, wenn sie den Kindern eine Zukunftsperspektive gibt." Ziel der Hauptschulreform sei vor allem, Hauptschüler und Betriebe künftig noch näher zusammenzubringen. Gleichzeitig fordert Stoiber mehr Respekt und Anerkennung für die Arbeit von Lehrern und sprach sich dafür aus, durch die geplante Dienstrechtsreform die Leistungen von Lehrern stärker zu honorieren.
Zu wenig Lehrer
Hans-Ulrich Pfaffmann von der SPD-Fraktion erklärte dazu, er hoffe, dass sich Ministerpräsident Edmund Stoiber auch wochentags noch an seine Sonntagrede erinnern könne. Schließlich könne Bayern nach der Föderalismusreform sofort dafür sorgen, dass die Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen eine Beförderungsmöglichkeit bekämen.
Im Bayerischen Rundfunk erklärte er, die große Reform der Hauptschule fehle nach wie vor. Auch würden die Menschen belogen, wenn von 1.000 neuen Lehrern die Rede sei und zuvor 1.660 Hauptschullehrerstellen gestrichen wurden. "Das heißt, auch nach dem Kongress haben die Hauptschulen immer noch zu wenig Personal zur Verfügung", so sein Resümee.
Bei den Vertretern der Wirtschaft stieß die Hauptschulinitiave des bayerischen Kultusministers hingegen auf positive Resonanz. Prof. Erich Greipl, Präsident der IHK für München und Oberbayern, erklärte: "Die bayerische Wirtschaft braucht die bayerische Hauptschule".
Lob kam auch vom Bayerischen Lehrerinnnen- und Lehrerverband. Das Vorhaben von Kultusminister Siegfried Schneider, Hauptschülern Perspektiven zu geben, verdiene Anerkennung, erklärte BLLV-Präsident Albin Dannhäuser. "Die Politik hat erkannt, dass der pädagogische und finanzielle Handlungsbedarf groß ist", stellte er fest. Deshalb sei der Hauptschulkongress als positives Signal zu werten. "Der BLLV warnt seit vielen Jahren vor einer Vernachlässigung der Hauptschule und drängt auf ein überzeugendes Bildungskonzept für Jugendliche, die diese Schule besuchen."
Umstritten: Noten für Sozialverhalten
Entschieden lehne der Lehrerverband allerdings Überlegungen ab, das Arbeits- und Sozialverhalten von Hauptschülern detailliert zu protokollieren und im Zeugnis zu benoten – ähnlich wie das bereits gegen den Widerstand der Lehrerschaft in der Grundschule geschieht. Mangelnde Zuverlässigkeit der Beobachtung und Objektivität der Einschätzungen sowie hoher Arbeitsaufwand und die Gefahr der Stigmatisierung würden dagegen sprechen. Dannhäuser warnte auch vor der Auflösung der Schulsprengel. Es wäre in diesem Fall insbesondere in Städten mit mehreren Hauptschulen eine Verstärkung der sozialen Segregation zu befürchten. Außerdem vermisse er im Konzept konkrete Hinweise, für die Verbesserung des Lern- und Schulerfolgs ebenso wie überzeugende Hilfen für pädagogisch auffällige Schüler.
GEW: Grundproblem Auslese
Bereits im Vorfeld des Kongresse hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärt, dass die derzeitige Schulpolitik in Bayern insbesondere die Hauptschule zu einem Sammelbecken für die ohnehin schon Benachteiligten mache: Kinder mit Migrationshintergrund und aus so genannten bildungsfernen Schichten. Nach Ansicht der GEW bestehe das Grundproblem in der rigiden und sozial ungerechten Auslese durch das bayerische Schulsystem: Die Zuteilung zu bestimmten Schularten nach der vierten Klasse erfolgt eben nicht "begabungsgerecht", sondern werde maßgeblich durch herkunftsbedingte Benachteiligungen bestimmt. Kinder aus Akademikerhaushalten hätten in Bayern eine um fast 7 Mal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen als Kinder aus Facharbeiterhaushalten, so der Vorsitzender der GEW Bayern Oskar Brückner. In Bayern bestimmen allein die Noten, welche Schule die Kinder nach der vierten Klasse besuchen werden. Um auf ein Gymnasium zu gehen, brauchen die Schüler einen Schnitt von 2,33. Für die Realschule muss es mindestens eine 2,66 sein. Wer einen schlechteren Schnitt hat, kommt auf die Hauptschule.
Im Anschluss an den Kongress sollen nun in allen Regierungsbezirken Regionalkonferenzen zum Thema durchgeführt werden.
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