Schulleiter und Lehrer in Baden-Württemberg fordern besseres Schulsystem
"Sind deutsche Kinder anders gestrickt?"
Mehr zu: Baden-Württemberg, Deutschland, Europa, Gesamtschule, Hauptschule, Schulstruktur, Schule(bikl) In einem Offenen Brief an den baden-württembergischen Kultusminister Helmut Rau haben jetzt fast 100 Schulleiter aus dem Kreis Ravensburg und dem Bodenseekreis eine Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem gefordert.
Deutschland, so heißt es in dem Brief, habe ein weltweit einzigartiges Schulsystem, das die Kinder nach nur vier gemeinsamen Schuljahren auf drei hierarchisch angeordnete Schularten verteilt. "Sind deutsche Kinder anders 'gestrickt' als die restlichen Kinder dieser Erde?", fragen die Verfasser und wollen wissen, welche Gesinnung den Kindern vermittelt werde, "wenn diese im Alter von neun oder zehn Jahren schmerzlich erfahren, dass sie in drei hierarchisch angeordnete Kategorien eingeteilt werden? Wie lässt sich dies mit Ihrer christlich-demokratischen Grundhaltung vereinbaren? Grundschulkinder machen von sich aus zunächst den Wert eines Klassenkameraden nicht an seinen schulischen Leistungen fest. Hier werden Wertevorstellungen angebahnt, welche die Einstellung verfestigen, ein Anwalt sei "mehr wert" als ein Maurer."
Verschiedene Schulleistungsstudien, so die Schulleiter in ihrem Schreiben, hätten dem integrativen System der Grundschule gute Schulleistungen bescheinigt, dem selektiven System der Sekundarstufe I hingegen mangelnde Leistungsfähigkeit und sozialintegrative Schwäche attestiert.
Unseriös sei es, das hochselektive deutsche System der Gesamtschule mit seinen unzähligen Niveaugruppen als nicht funktionierendes Beispiel einer integrativen Schule anzuführen. Die oft zitierte Gesamtschule deutscher Prägung habe nichts mit einem integrativen Schulsystem zu tun, das längeres gemeinsames Lernen als grundsätzliche Intention beinhaltet.
Wörtlich heißt es in dem Schreiben: "Wir trennen Schüler mit 10 Jahren und bieten damit ausgerechnet den Schwächsten in der Hauptschule das anregungsärmste Forum. Der europäische Bildungskommissar Jan Figel verweist mit seiner Aussage auf die Untersuchungen von 12 Forschern sowie der internationalen Organisationen UNESCO und OECD zum frühen Aufteilen der Schüler: 'Niemand sagt, es sei positiv.'"
Die Argumentation etlicher Bildungspolitiker, dass die gern zitierte "Einheitsschule" den Schüler in seiner unterschiedlichen Begabung nicht entsprechend fördern könne, müsse in ihrer Konsequenz wohl bedeuten, die Schüler bereits von der ersten Klasse an auf unterschiedliche Schulformen zu verteilen. Schließlich würden die Schüler durch das integrative System der Grundschule vier wertvolle Jahre verlieren, so die provokative Schlussfolgerung der Lehrer.
Tatsächlich belehre die empirische Forschung aber eines Besseren: Das gemeinsame Lernen zwinge Lehrer konsequent eine individualisierende Methodik anzuwenden - das System müsse sich dem Schüler anpassen. Hingegen täusche das gegliederte System eine homogene Schülergruppe vor, die vorwiegend im gleichschrittigen Unterricht beschult werden könne - hier müsse sich der Schüler dem System anpassen.
"Eine Problematik, die uns jährlich viele Schulversager, Klassenwiederholer und Schüler ohne Schulabschluss beschert. In Baden–Württemberg haben nach der Pisa-E-Studie 2003 über 30% der 15-jährigen eine verzögerte Schullaufbahn", heißt es in dem Brief. "Nichtsdestotrotz gibt es in Baden-Württemberg pro Jahr 8000 bis 9000 Schüler, die keinen Schulabschluss erreichen. Das sind etwa 7% eines Jahrgangs! Wie lange können wir uns dies bei der momentanen demografischen Entwicklung noch leisten?""
Sie seien, so heißt es am Schluss des Schreibens, voller Zuversicht, in naher Zukunft mit dem Kultusminister in eine konstruktive Diskussion über notwendige schulstrukturelle Veränderungsprozesse zu treten.
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