Sechs Irrtümer des dreigliedrigen Schulsystems
Wissenschaftler stützen Forderung der Schulleiter
Mehr zu: Auslese, Baden-Württemberg, Hauptschule, IGLU-Studie, Lesekompetenz, Schulstruktur, Schule(bikl/pm) Erziehungswissenschaftler der Pädagogischen Hochschule Weingarten halten die Forderung der Schulleiter aus der Region Ravensburg-Oberschwaben für berechtigt: die Abschaffung der Hauptschule und das Nachdenken über ein integriertes Schulsystem. Das derzeitige dreigliedrige Schulsystem lasse sich nicht mehr auf Grundlage der Forschung legitimieren.
Die ehemals an Begabung, Schicht oder beruflicher Neigung orientierte Begründung des dreigliedrigen Schulsystems sei undifferenziert und längst nicht mehr zeitgemäß, so die Wissenschaftler in ihrer Stellungnahme. Die gängigen Argumente für das dreigliedrige Schulsystem enthielten mindestens sechs Irrtümer.
Keineswegs leistungsgerecht
Der erste Irrtum betreffe die Leistungen: So seien die Leistungen der Schülerinnen und Schüler keineswegs international erfolgreich. Baden-Württemberg liege im internationalen Vergleich nur leicht über dem OECD-Durchschnitt, im Bereich Lesekompetenz unter dem Durchschnitt.
Dass das gegliederte Schulsystem leistungsgerecht sortiere, sei ein zweiter Irrtum. Zahlreiche Studien wie TIMSS, PISA, IGLU und andere belegten, dass Schülerinnen und Schüler mit denselben Leistungen je völlig unterschiedlichen weiterführenden Schularten zugewiesen wurden.
Durchlässigkeit nur nach unten
Ebenso sei ein Irrtum, dass Fehlentscheidungen durch die Durchlässigkeit des Systems nach oben und nach unten korrigiert werden könnten. Die Durchlässigkeit funktioniere überwiegend nach unten. Bundesweit sind 77% der Schulartwechsel Abstiege und nur 23 % Aufstiege.
Der vierte Irrtum betreffe die Bildungschancen. Studien wie PISA bestätigten einen besonders ausgeprägten Zusammenhang zwischen Kompetenzerwerb und sozialer Herkunft in Baden-Württemberg. So würden die spezifischen Lernumgebungen innerhalb der einzelnen Schularten besonders dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche mit gleichen Grundfähigkeiten und identischem sozioökonomischen Status unterschiedliche Leistungen in unterschiedlichen Schularten erbringen.
Noten sind nicht vergleichbar
Der fünfte Irrtum beziehe sich auf die Aussagekraft und Vergleichbarkeit der schulischen Noten. Diese besäßen in gegliederten Systemen eine machtvolle Funktion, denn sie dienten als Selektionsinstrument. Ihre Vergleichbarkeit ende jedoch an der Klassentüre, so die Forscher. Lehrkräfte könnten Leistungsunterschiede innerhalb einer Klasse recht gut einschätzen, sobald jedoch die Klasse den Lehrer wechselt oder ein Schüler die Klasse wechselt, veränderten sich die Noten nachweislich: Noten seien außerhalb des Klassenzimmers nicht mehr vergleichbar.
Zugang zum Abitur ermöglichen
Der sechste Irrtum: Widerlegt sehen die Wissenschaftler auch die Feststellung, dass integrierte Schulsysteme schlechtere Leistungen produzierten. Allein die Anwesenheit leistungsstärkerer Schüler führt bei anregungsreicher und anspruchsvoller Lernumgebung bereits zu höheren Lernfortschritten leistungsschwächerer Schüler – ohne dass dabei ein Nachteil für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler zu befürchten wäre.
Eine Zusammenführung von Hauptschule und Realschule sehen die Wissenschaftler jedoch nur dann als sinnvollen Zwischenschritt, wenn auch ein Zugang zum Abitur möglich sei, etwa in neun Jahren. Die notwendige Weiterentwicklung des Schulsystems gehe einher mit einer stufenbezogenen Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrer.
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