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Lehrer müssen das Thema "Internetmobbing" aus der Tabuzone holen

Drei Fragen von bildungsklick.de an ... Heinz-Peter Meidinger

03.07.2007

(bikl.de) Lehrer-Mobbing im Internet habe in Deutschland dramatisch zugenommen hatte der Vorsitzende des Deutsche Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, kürzlich geklagt. Lehrer fühlten sich bei diesem Problem von der Politik allein gelassen. Denn noch keine Landesregierung in Deutschland habe auf die Besorgnisse von Datenschutzbeauftragten reagiert. bildungsklick.de wollte von dem Pädagogen wissen, wie Politiker und Lehrer diesem Problem begegnen sollten.

Herr Meidinger, sie haben angeprangert, dass die Diffamierung von Lehrern im Internet beängstigende Ausmaße annimmt. An wen richtet sich dieser Appell? Wer soll tätig werden?

Heinz-Peter Meidinger: Dieser Appell hat verschiedene Adressaten. Zum einen richtet er sich an Politik und Medien. Wir wollen, dass dieses Problem endlich auch in Deutschland von den Verantwortlichen und der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird. Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer immer schwieriger werdenden Bildungs- und Erziehungsaufgabe brauchen dafür auch die Rückendeckung der Gesamtgesellschaft. Von der Politik erwarten wir, dass sie die rechtlichen Voraussetzungen schafft, damit die Internetportale, die bislang die Verantwortung für strafrechtlich relevante Inhalte auf die User abwälzen, in die Mithaftung genommen werden können. Letzten Endes müssen jene die eingestellten Videos und Dateien einer rechtlichen Vorprüfung unterziehen. Unser Appell richtet sich aber auch an die Lehrerschaft selbst, das Thema "Internetmobbing" aus der Tabuzone zu holen, wir wollen betroffene Kolleginnen und Kollegen ermuntern, sich zu offenbaren. Nur so wird das ganze Ausmaß der Misere offensichtlich, nur so können wir auch besser aktiv dagegen vorgehen!

Wie könnte ein aktiver Schutz überhaupt aussehen?

Heinz-Peter Meidinger: Eine Patentlösung wird es nicht geben. Einerseits muss jeder einzelne Vorfall rückhaltlos aufgeklärt und auch sanktioniert werden. Ich höre, dass an einer Reihe von Schulen die Schulleitungen das Problem verharmlosen und den betroffenen Lehrer abraten, etwas dagegen zu unternehmen, weil man sowieso nichts machen könne. Das ist falsch und fördert die Ausbreitung dieser Missstände. Übrigens ist das Internet trotz verdeckter Email-Accounts nicht so anonym, wie es manchmal scheint. Die meisten der extremen Vorfälle konnten vollständig aufgeklärt werden. Wichtig ist natürlich auch die Präventionsarbeit an den Schulen. Vielen Schülern ist gar nicht bewusst, was sie mit solchem Mobbing anrichten. Wir müssen Sie verstärkt darauf hinweisen, dass auch sie für ihr Handeln im Internet Verantwortung tragen und welche Folgen sich für Mobbingopfer, egal ob es Mitschüler oder Lehrer sind, ergeben können. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Letztlich müssen wir die Schüler auch vor sich selber schützen. Natürlich erwarten wir auch gesetzliche Neuregelungen, die die einschlägigen Webseiten mehr in die Mithaftung nehmen. Wegen der internationalen Dimension des Problems ist dies allerdings zugegebenermaßen ein schwieriges Unterfangen.

Lehrer müssen mit Kritik leben, sagen Sie. Wann ist die Grenze zwischen Kritik und Mobbing erreicht? Bereits dann, wenn Schüler ihren Lehrern im Netz Noten verteilen?

Heinz-Peter Meidinger: Als Lehrer darf man nicht zu empfindlich sein. Dass Jugendliche unbefangener und offener Kritik äußern als Erwachsene ist ja auch an sich kein Nachteil, sondern ein Vorzug. Ich halte auch viel davon, wenn an einzelnen Schulen Rückmeldesysteme entwickelt werden, die es den Schülern gestatten, ihren Lehrern in differenzierter Weise ein Feedback zu geben. Bei der bundesweiten Seite spickmich.de kann aber davon keine Rede sein. Das Bewertungsschema ist weder differenziert noch zielführend. Was, bitte schön, hat das mit sachgerechter Bewertung zu tun, wenn Kriterien wie "sexy" und "leichte Prüfungen" benotungsrelevant sind. Wenn 5 Schüler sich absprechen, einen Lehrer mit 6 zu bewerten, dann taucht er überdies mit Namen und Schule unter den 10 "Floplehrern" in der bundesweiten Negativliste auf. Das ist auch Mobbing. Sollte sich vor Gericht tatsächlich herausstellen, dass Lehrer sich gegen eine Veröffentlichung ihrer Namen auf spickmich.de nicht wehren können, wenn ihre Daten auf einer schuleigenen Homepage stehen, werden wir allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, ihre Namen dort zu löschen.

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von D. Hafner, am 13.08.2007 10:05

Herrn Meidingers Ausführungen sind mir in allen Punkten fast ein Trost. Ich würde mir wünschen, wenn auch die anderen Lehrerverbände so entschieden und engagiert reagieren würden. Ich habe mich mit der Seite 'spickmich' sehr stark auseinander gesetzt, mich auf mehreren Schulen als Schüler eingeloggt und mit Kollegen an den jeweiligen Schulen gesprochen, die schlecht bewertet wurden. Sie sind zum großen Teil unglaublich verletzt. Nur wenigen ist das egal. Was müssen wir Lehrkräfte noch aushalten? Es reichen die ständigen Kämpfe im Schulalltag. Ich rede nicht von irgendwelchen besonders schwierigen Schülern. Der ganz normale Alltag reicht. Die Leute draußen haben keine Ahnung, wie kraftraubend es ist, 30 Jugendliche jede Minute aktiv und bei Laune zu halten und zudem verantwortlich zu sein, dass sie auch alle alles mitbekommen. Wir machen das unermüdlich. Auch sollen wir Grenzen setzen, die sie oft zu Hause nicht bekommen. Natürlich macht das nicht immer beliebt (auch ein Qualitätsmerkmal bei 'spickmich'). Die Seite 'spickmich' wird größtenteils als Racheportal benützt. Das zeigt z.B. der Eintrag eines Schülers einer Stuttgarter Schule, zu lesen auf dem 'Schwarzen Brett' bei 'spickmich' am 03.08.2007: "Fickt den (Name des Lehrers) auf 6.0 ihr Pussys!"

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Internetseite bei Weitem unterschätzt wird und denke, dass sie bei vielen Betroffenen zu psychischen Folgen führen wird, wenn sie weiterhin so verharmlost wird, kein Schulterschluss unter den Lehrkräften selbst und keine politische Unterstützung erfolgt.


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