"Es gibt eine Art Wohlstandsverwahrlosung"
Der Organisator des 21. DGfE-Kongresses über Kultur, Gewalt und Chancengleichheit
Mehr zu: Bildungschancen, Gewalt in der Schule, Interviews, Kongress, Prävention, Ranking, Schule, Hochschule(bikl.de) Dresden wird nach München, Zürich und Frankfurt vom 16. bis 19. März 2008 Austragungsort des wichtigsten deutschen Bildungskongresses sein. Die von der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) getragene Veranstaltung findet alle zwei Jahre statt und versammelt ca. 1.600 Fachleute der Erziehungswissenschaft und Pädagogik aus dem In- und Ausland. Das Thema des 21. Kongresses der DGfE lautet "Kulturen der Bildung". Der Dresdner Kongress wird vor Ort durch die Fakultät Erziehungswissenschaften der Technischen Universität organisiert. Wir wollten vom Vorsitzenden des Lokalen Organisationskomitees, Prof. Dr. Wolfgang Melzer, wissen, was sich hinter dem Kongresstitel verbirgt.
Der Kongress, der für den 16. bis 19. März 2008 anberaumt ist, wird von der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften ausgerichtet, der größten und bedeutendsten Organisation von Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftlern im deutschsprachigen Raum. Und es ist auch das wichtigste Unternehmen der DgfE?
Prof. Wolfgang Melzer: So ist es. Wir werden uns bemühen, gute Gastgeber zu sein. Deshalb startet der Kongress mit einer öffentlichen Diskussion, dem "Pädagogischen Quartett". Die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, hat bereits ihre Teilnahme zugesagt sowie einer der führenden Erziehungswissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Tenorth. Das Thema in der Kulturstadt Dresden wird "Kulturen der Bildung" heißen. Selbstverständlich ist der Kongress offen für alle, doch in erster Linie richtet er sich an Erziehungswissenschaftler aus dem In- und Ausland. Es ist ein Empfang auf dem Salonschiff "August der Starke" geplant sowie ein Bankett zum Thema Glück im Deutschen Hygienemuseum. Auf dem Programm stehen "KulTouren" mit Führungen durch das Dresdner Barockzentrum mit der Frauenkirche, über den Campus der Universität mit seinen unverwechselbaren Gebäuden, aber auch durch das Szene-Viertel Äußere Neustadt.
Warum fiel die Wahl auf Dresden? Haben Sie sich um diesen Kongress beworben?
Prof. Wolfgang Melzer: Nein, man kann sich nicht bewerben. Darüber entscheidet der Vorstand der DGfE. Es hat sicher eine Rolle gespielt, dass in Dresden eine relevante erziehungswissenschaftliche Fakultät existiert, die 20 Professuren, fünf Institute mit Allgemeiner Erziehungswissenschaft, Schul-, Sozial- und Berufspädagogik sowie Pädagogikgeschichte aufzuweisen hat. Es hat vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass wir bei den Hochschul-Rankings im Bereich Forschung immer im vorderen Feld agieren, worauf wir stolz sind. Und gewiss war nicht ohne Bedeutung, dass es sich bei Dresden um eine Stadt mit einem guten Ambiente und einiger Kongress-Erfahrung handelt.
Warum ist der Kongress für Sie und Ihre Kollegen so wichtig?
Prof. Wolfgang Melzer: Er dient der Selbstverständigung unserer Zunft. In der DGfE sind etwa 2000 Erziehungswissenschaftler organisiert, von denen sich bereits 1600 für den Kongress angemeldet haben. Sie werden drei Tage lang in verschiedenen Arbeitsgruppen, Forschungsforen und Symposien miteinander diskutieren. Ausländische Wissenschaftler reisen an; Nachwuchswissenschaftler finden ein Forum.
Sie nannten bereits das Thema des Kongresses: "Kulturen der Bildung". Was muss man sich darunter vorstellen?
Prof. Wolfgang Melzer: Der Begriff der Kultur im Plural spiegelt sich in den bis jetzt eingereichten Beiträgen auf sehr verschiedene Art. Es wird von Familienkulturen gesprochen, von verschiedenen Erziehungsstilen. Es wird von Schulkultur gesprochen, von Schüler-Lehrer-Beziehungen und Handlungsspielräumen der Pädagogen. Aber es sind auch gesellschaftspolitische Themen dabei: Fragen der Migration, der Erziehungsstile von Ausländern und Deutschen, Fragen jugendlicher Subkulturen.
Welche Themen werden Sie diskutieren, die auch Nicht-Wissenschaftler bewegen?
Prof. Wolfgang Melzer: Zum Beispiel die Frage der sozialen Ungleichheit. Was schlägt mehr durch – die soziale Herkunft oder die kulturellen Milieus und ihre Einflüsse? Meine Antwort ist, dass es sehr vom Thema abhängt. Bei der Bildungsbeteiligung – Komme ich aufs Gymnasium? Schaffe ich das Abitur? Kann ich ein universitäres Studium anschließen? – entscheidet ganz klar die soziale Herkunft. Beim Sozialverhalten stellt es sich anders dar. Da haben wir Problemgruppen in Familien am sozialen unteren Rande der Gesellschaft sowie in Elternhäusern aus gehobenen Schichten. Es gibt also auch eine Art Wohlstandsverwahrlosung. Die relevante Variable ist der Erziehungsstil der Eltern: Ist er dem Kind zugewandt oder aggressiv und ablehnend?
1993 begannen Sie mit Ihren Untersuchungen zu Gewalt in der Schule, die mittlerweile abgeschlossen und in mehreren Büchern veröffentlicht sind. Daran schloss sich die Mitarbeit an der WHO-Studie "Health Behaviour in School-aged Children" (HBSC) an, deren neueste Ergebnisse Sie auf dem bevorstehenden Kongress präsentieren werden.
Prof. Wolfgang Melzer: Beim Thema Gewalt sind alle schnell dabei, die Medien einschließlich der Computerspiele als einen Verursachungsfaktor zu nennen. Doch neben dem familiären Stil und personellen Faktoren ist nach Erkenntnis unserer Dresdner Forschungsgruppe die Qualität von Schule, die Schulkultur für ein höheres Maß von Aggression mit verantwortlich. In Schulen, in denen eine dem Individuum zugewandte Pädagogik stattfindet, gibt es deutlich weniger Gewalt. Und ein Schüler, der aggressiv oder depressiv ist, der lernt nicht.
Hinzu kommt, dass Schule heute leider so viele ungewollte Nebenwirkungen hat wie ein Medikament. Sie kann zu mentalen Problemen oder zu psychosomatischen Störungen führen. Ein Viertel der sächsischen Schüler klagt über Kopf- und Bauchschmerzen, über Einschlafstörungen und mehr. Insofern ist es nicht nur wichtig, dass wir auf die Effektivität des Unterrichts schauen, sondern auch darauf, ob Bildung im umfassenden Sinn vermittelt wird. Deshalb empfehlen wir die Qualitätsentwicklung von Schule als eine Strategie der Prävention.
Was hat sich in unserer Gesellschaft verändert, dass sich Schulen mit Aggressivität oder Depressivität auseinander setzen müssen?
Prof. Wolfgang Melzer: Ein neuseeländischer Sozialwissenschaftler hat festgestellt, dass in jeder Generation die Intelligenztests nach oben standardisiert werden müssen, weil die nächste Generation klüger geworden ist. So viel zum Thema, dass die Kinder dümmer werden würden. Sie wachsen nur anders auf. Möglich, dass sie unruhiger sind, sich nicht so lange konzentrieren können. Dafür geht die nachwachsende Generation besser mit Medien um. Eine Forschergruppe um den Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter stellte in den so genannten Gießen-Tests fest, dass die Ich-Bezogenheit, die Ellbogen-Mentalität stark zugenommen hat. Dass Werte wie Solidarität geringer ausgeprägt sind. Jeder denkt an seine Befindlichkeit und mit welchen Schlichen er durchkommt.
Aber was sind die Ursachen für die neue Rücksichtslosigkeit?
Prof. Wolfgang Melzer: Die Probleme liegen in der Mitte, im Kern der Gesellschaft. Keine Schicht ist davon ausgenommen. Diejenigen, die sagen, die Kinder sind schuld, die Medien sind schuld, die sollten sich selbst einmal fragen, wieweit es mit ihrer Solidarität gediehen ist. Können sie diese Werte umsetzen in ihrer Familie? Haben sie ausreichend Zeit für ihre Kinder? Deshalb ist es so, dass in gehobenen sozialen Schichten auch ein hohes Risiko für aggressives Verhalten besteht.
(Interview: Andrea Rook)
Vielen Dank
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