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Das Kreuz mit der Schrift

In Stadion und im Fernsehen über Analphabetismus informieren

Mehr zu: Analphabetismus, Bildungsbotschafter, Buchmessen, Deutschland, Grundbildung, Hauptschule, Sonderthemen
27.07.2007 -

(pf) In Deutschland gibt es rund vier Millionen Erwachsene, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben – so genannte funktionale Analphabeten. Das Projekt "Fußball.Alphabetisierung.Netzwerk" (F.A.N.) vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V., das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird, will unter anderem mit Stadionaktionen, einer Fernsehserie und Lektüren die Öffentlichkeit über Analphabetismus informieren.

Jemand klopft mir von hinten auf den Rücken. Wahrscheinlich einer der vielen Nürnberg-Fans auf dem Bahn- steig. Macht nichts. Doch dann wieder, diesmal energischer: "Entschuldigen Sie". Ich drehe mich um und schaue ins Gesicht einer hübschen, jungen Frau. "Entschuldigen Sie, wie viele Haltestellen sind es bis Feucht?" Auf Anhieb weiß ich das nicht. "Steht auf dem Fahrplan", glaube ich. "Ich bin nicht sehr gut im Pläne lesen", erklärt sie und lächelt schüchtern. Gemeinsames Suchen in den bunten Waben des Verkehrsverbundes. Die sechste Haltestelle von hier aus, der Zug fährt in elf Minuten. "Von Gleis zwei?" fragt sie. "Gleis drei, gleich nach dem Frankenstadion kommt Feucht. Fahren Sie einfach mit den Fußballfans mit." Verschämtes Winken: "Danke".

Szenenwechsel. Im Nürnberger Frankenstadion wird es allmählich voll. "Der Club" spielt gegen die abstiegsgefährdete Alemannia Aachen. Gleich hinter dem Eingang zur Gegentribüne ist ein Tischkicker aufgebaut. Ein paar Fans mit freiem Oberkörper und rot bemalten Gesichtern liefern sich ein Match. Ein paar Meter weiter ist Torwandschießen angesagt. Jeder hat drei Versuche, wenn der Ball durch eines der Löcher fliegt, klatscht er laut an die dahinter gespannte LKW-Plane. Dazwischen Wortfetzen aus Lautsprechern: "... gib dich nicht auf ! ... Lern´ lesen und schreiben!"

F.A.N. im Fußballstadion

Das Alpha-Mobil, ein weißer Bus mit bunter Aufschrift, macht im Stadion Station, eingeladen vom Projekt "Fußball. Alphabetisierung. Netzwerk", kurz F.A.N. genannt. Hauptaufgabe von F.A.N. ist es, in Zusammenarbeit mit knapp 50 Fußballvereinen von Bundes- bis Regionalliga, Fanclubs und Fußballbegeisterteten eine möglichst breite Bevölkerungsschicht anzusprechen und Aufklärungsarbeit zu leisten für ein Problem, mit dem immerhin vier Millionen deutsche Erwachsene zu kämpfen haben: die Schrift. Manche von ihnen kennen die Buchstaben, können aber nicht lesen. Andere verstehen mit Mühe leichte Texte, haben aber massive Probleme beim Schreiben. Sie alle sind, wie es im Fachjargon heißt, "funktionale Analphabeten".

Outen ist schwierig

Einer von ihnen ist der 38-jährige Herbert Ochs, der erst vor vier Jahren damit begonnen hat, lesen und schreiben zu lernen. Inzwischen ist er zum UN-Alphabetisierungsbotschafter ernannt worden und darum auch oft bei Aktionen von F.A.N. dabei. "An diesen Stand hier kommt keiner und sagt, dass er nicht lesen kann", weiß Ochs als ehemaliger Betroffener, "da ist die Hemmschwelle viel zu groß. Aber wenn einer einen kennt, der wieder jemanden kennt, dann kommt die Info schon da an, wo sie hin soll." Er selber hat sich durch Hauptschulabschluss und Lehre gemogelt. "Erst mit 34 war Schluss, da habe ich mich selbstständig gemacht und wollte endlich meine Rechnungen selbst schreiben können." Also hat er sich geoutet und ist einer Selbsthilfegruppe beigetreten.

Geschichten wie diese kann man am Stand von F.A.N. nachlesen, in extra großer Schrift, mit Fotos und leicht verständlich, aber im Gegensatz zu der von Herbert Ochs frei erfunden. Der Bundesverband Alphabetisierung hat gemeinsam mit dem Ernst Klett Sprachenverlag zur Fernseh- Serie "Das Kreuz mit der Schrift" eine Lektüre-Reihe herausgegeben. Fußballgeschichten, die deutlich machen, wie sehr man auch als Fan darauf angewiesen ist, lesen und schreiben zu können: beim Suchen des richtigen Eingangs ins Stadion, beim Kartenkauf, beim Lesen des Fahrplans...

Ich stocke. Mir fällt die junge Frau vom Bahnhof wieder ein. "Wie viele Haltestellen sind es bis Feucht? Ich bin nicht so gut im Pläne lesen ..." Es ist keine Schande, nicht richtig lesen und schreiben zu können. Aber es ist unendlich kompliziert .

Interview mit Frank Rost

Frank Rost ist Torhüter beim Hamburger SV und engagiert sich für verschiedene gesellschaftliche und soziale Projekte, unter anderem für die Alphabetisierung. Rost ist 2006 zum "Botschafter für Alphabetisierung" ernannt worden undauf der didacta 2007 in Köln zum "Bildungsbotschafter".

Seit 2005 engagieren Siesich für funktionale Analphabeten. Haben Sie schon einmal direkte Erfahrungen mit solchen Menschen gemacht?

Frank Rost: Es gibt in Deutschland etwa vier Millionen Erwachsene, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Bei dieser großen Zahl und meinen häufigen Kontakten zu Fans, Spielern und Vereinsverantwortlichen treffe ich selbstverständlich immer wieder auf solche Menschen. *Sie wollen funktionale Analphabeten "integrieren statt ausgrenzen". Denken Sie, dass Fußball eine solche Integration schaffen kann?*

Frank Rost: Ja, absolut. Beim Fußball treffen sich alle Bevölkerungsschichten unter einem Dach. Das Zusammengehörigkeitsgefühl beim Fußball ist wahrscheinlich intakter als irgendwo sonst. Die Fans stehen füreinander ein, helfen sich untereinander und können das eine oder andere Thema auch unkomplizierter besprechen.

Was sagen Ihre Teamkollegen und der Trainer zu Ihrem Engagement?

Frank Rost: Ich habe noch keine Reaktionen erhalten. Eine kritische Reaktion könnte mich aber nicht beeinflussen. Es ist höchst bedenklich, dass in unserem reichen Land über vier Millionen Menschen mit der Schrift zu kämpfen haben und sich nur wenige trauen, laut darüber zu reden. Darum finde ich es klasse, dass F.A.N. in die Stadien geht und dieses Tabuthema anpackt.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von A. W., am 22.05.2008, 15:10

ICH FINDE ES KLASSE. SELBST HABE ICH ERFAHRUNGEN MIT LESE- ODER SCHREIBSCHWÄCHEN GEMACHT; DA ICH MICH VIEL MIT VERSCHIEDENSTER LITERATUR BESCHÄFTIGE.


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