Diskussion um das Zentralabitur: "Wir brauchen Standards für Minister!"
Gastkommentar von Prof. Dr. Ulrich Herrmann
Mehr zu: Auslese, Baden-Württemberg, Bayern, Bildungswesen, Deutschland, Gymnasium, Hauptschule, Hausaufgaben, Unterrichtsversorgung, SchuleDer bayerische Kultusminister Siegfried Schneider hat sich der Forderung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger nach einem bundesweiten Zentralabitur angeschlossen und gestern in der Süddeutschen Zeitung unter anderem vorgeschlagen, in den Fächern Deutsch und Mathematik einheitliche Prüfungsaufgaben zu entwicklen, die von allen Abiturienten in Deutschland gelöst werden müssten und nach einem einheitlichen Schlüssel beurteilt würden. Außerdem, so Schneider, erwarte er, dass die "hohen Ansprüche" des bayerischen Abiturs allgemeingültig werden. Für die bundeseinheitlichen Standards könnte nach Meinung des bayerischen Kultusministers das Berliner Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zuständig sein, das dann auch die normierten Aufgaben entwickeln würde. Zu diesen Äußerungen hat nun der ehemalige Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm, Prof. Dr. Ulrich Herrmann, Stellung genommen. bildungsklick.de veröffentlicht an dieser Stelle seinen Gastkommentar:
Das Interview mit dem bayerischen Kultusminister Schneider in der SZ (Nr. 182, 9.8.2007, S. 31: "Wir brauchen Standards für das Abitur") spricht Bände:
1. "Wettbewerbsföderalismus"
Was verbirgt sich hinter dieser Vokabel? Na, was wohl: Wir (Bayern, Baden-Württemberg) sind Spitze, und die anderen sollen sich gefälligst anstrengen und erst mal ihre Hausaufgaben machen und nicht auf den Länderfinanzausgleich hoffen. Wir brauchen unsere Steuereinnahmen für uns selber. Jawoll! Wettbewerb!! Und wer nichts zum Wettbewerben hat - ist eben kein Wettbewerber. Gut für uns.
2. "Deutsch und Mathe"
Wer kommt eigentlich auf die schwachsinnige Idee, diese beiden Fächer allein sagten etwas über Begabungen und Interessen, allgemeine Anforderungen und Übergangschancen, Studienerfolg etc.? Der Vorschlag bedeutet doch nur: 1. die hier nicht erfolgreichen Schüler/innen weiter zu benachteiligen (junge Leute mit Problem- und Migrationshintergrund, aber auch alle Sonderbegabungen, z. B. zukünftige bayerische Ministerpräsidenten), 2. alle "Kreativitätsfächer" zu desavouieren, 3. die Idee der Allgemeinbildung aufzugeben (das wäre immerhin realistisch), 4. den Einstieg in ein Studium asymmetrisch zu erschweren: für die Absolventen z. B. der Allgemeinbildenden und der Technischen Gymnasien und der anderen (beruflichen) Zugänge zum Studium, 5. das Abitur insgesamt zu entwerten, 6. wem dienen hier eigentlich intellektuelle Vereinheitlichungen im Stile der realsozialistischen Gehirnbewirtschaftung à la DDR?
3. "vergleichbare Aufgaben"
Wer sagt, was "vergleichbar" ist? Worin besteht das Kriterium der Vergleichbarkeit? Und was passiert im Konfliktfall?
4. "einheitlicher Bewertungsschlüssel"
Diesen "Schlüssel" hat noch keine Schlüsselfirma ge- oder erfunden. Und auch das KMK-Institut IQB in Berlin als Schlüsseldienst wird nur einfache "Zahlenschlösser" zuwege bringen. Außerdem müssten die Schlüssel und Schlösser in den Köpfen der Bewerter vereinheitlicht werden. Geistiges Klonen geht aber auch hier nicht. Bleibt nur: multiple choice = intellektuelles Analphabetentum als Prinzip! (Für diese Absolventen - nota bene - wurde das BA/MA-System erfunden: lernen, ausspucken, vergessen.)
5. die bayerischen Standards sollen "allgemeingültig" werden
Das ist kein vergeblicher blau-weißer Traum, sondern eine klare Ansage: für die Aufnahme in unsere Hochschulen und Unis formulieren wir eine Messlatte! Und schützen uns vor Überfüllung.
6. "Wissensabstände von bis zu einem Jahr" in den Schulen in Deutschland
Bei Ministern gibt es solche Abstände, die lassen sich nur in Jahrzehnten messen... Schwachsinn: Diese Abstände gibt es in ein und derselben Schulklasse, vom 1. Schuljahr an. Und wie gleicht man die aus? Durch fortgesetzte Messung der immer gleichen Abstände?? Der Minister kennt die Forschungsbefunde nicht. "Wir brauchen Standards für Minister!"
7."jede Schule soll sich anstrengen, das geforderte Qualitätsniveau zu erreichen"
Und mit welchen Ressourcen, bitte schön? Und was ist mit den Schüler/inne/n, die das nicht schaffen? Und den Lehrkräften, die dafür ungeeignet sind??
Fazit:
Hier wird in einem CDU-Trompetenkonzert ein Solo geblasen "Ausleseverschärfung", um die Überflutung der Hochschulen einzudämmen und um von den eigentlichen Themen abzulenken: Hauptschule, Berufsausbildung, Lehrermangel, Unterfinanzierung der Hochschulen und Universitäten. Was ansonsten gedankenlos dahergeredet wird, macht keinen Sinn, soll und kann es auch nicht, weil die Wirtschaftsforschungsinstitute inzwischen vorrechnen, dass die bildungspolitischen Versäumnisse gesamtwirtschaftlich desaströs sind.
Die Verantwortlichen müssten was tun. Tun sie aber nicht. Es wird sich rächen. Und es gibt Landtagswahlen...
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