"Die Stadtteilschule wird zur Konkurrenz des Gymnasiums"
Interview mit dem ehemaligen Vorsitzenden der GEW, Dieter Wunder
Mehr zu: Auslese, Hamburg, Hauptschule, Interviews, Schulstruktur, Stadtteilschule, SchuleDie Schulstruktur ist in letzter Zeit in einigen Bundesländern ins Wanken geraten. Während etwa in Schleswig-Holstein die ersten Gemeinschaftsschulen mit dem Unterricht begonnen haben, hat sich Hamburg für das Modell der Stadtteilschule entschieden. Und in Nordrhein-Westfalen schließlich hat die oppositionelle SPD jetzt gefordert, dass alle Kinder bis zur zehnten Klasse künftig an einer Schule von einem Lehrerkollegium unterrichtet werden sollen. Heftige Reaktionen von CDU und Elternverbänden blieben nicht aus. In einem Interview bezieht der ehemalige GEW-Vorsitzende, Dr. Dieter Wunder, Positionen zur bundesweiten Debatte über die Schulstrukturen.
In Hamburg wird in den nächsten Jahren ein zweigliedriges Schulsystem etabliert. Können Sie für Leserinnen und Lesern aus anderen Bundesländern skizzieren, welche Veränderungen sich daraus für Kinder, Eltern und Lehrende ergeben werden?
Dieter Wunder: Vorausgesetzt, die Empfehlungen der bürgerschaftlichen Enquetekommission (2006-2007) werden intentionsgemäß umgesetzt, haben Eltern und ihre Kinder in Klasse 4 die Möglichkeit, entweder das Gymnasium oder die Stadtteilschule zu wählen. Die Entscheidung in Klasse 4 ist frei, auch wenn es eine empfehlende Beratung der Schule gibt. Das Gymnasium kann in Klasse 6 eine verbindliche Empfehlung zum Schulwechsel in die Stadteilschule aussprechen, wenn die Leistungen den Anforderungen des Gymnasiums nicht entsprechen. Die Absicht ist, die Zahl der Schulwechsler nach 6 gering zu halten.
Das Gymnasium ist als Schule gedacht, die in 8 Jahren zum Abitur führt. Die Stadtteilschule führt zu allen Abschlüssen, in 9 Jahren auch zum Abitur.
Es wird keine Haupt-, Real- oder Gesamtschule mehr geben. Die Stadtteilschule führt viele Errungenschaften der Hamburger Gesamtschule weiter; sie soll besser werden als es den meisten Gesamtschulen möglich war: äußere Differenzierung soll eine geringere Rolle spielen, die Unterrichtsqualität soll gesteigert werden, für die Förderung bisher benachteiligter Schülerinnen und Schüler werden zusätzliche Mittel bereitgestellt, deren Entwicklung soll ein Schwerpunkt sein.
Hoffentlich werden viele von ihnen gebundene Ganztagsschulen; die Kommission hat die Möglichkeiten der Ganztagsschule hervorgehoben. Allerdings befindet sich die Stadtteilschule strukturell in einer neuen Lage verglichen mit der bisherigen Gesamtschule insofern, als es keine andere Schule mehr gibt, deren Bildungsgang gezielt zum Hauptschulabschluss oder zur Mittleren Reife führt. Die Stadtteilschule, gewissermaßen die neue Gesamtschule, muss alle Schüler und Schülerinnen aufnehmen, die nicht aufs Gymnasium gehen: insofern ist sie nicht nur eine Schule der Wahl wie die heutige Gesamtschule, sie soll die regionale Schule in einem Stadtbezirk sein. Das Gymnasium muss für Schülerinnen und Schüler, die den Weg zum Abitur nicht schaffen, zwar auch den Hauptschulabschluss oder die Mittlere Reife vergeben, aber sie wird dafür keine spezifischen Vorbereitungen leisten können.
Die Stadtteilschule hat eine Reihe von Vorteilen. Ihre Klassen sind deutlich kleiner als die des Gymnasiums. Sie hat einen beruflichen Schwerpunkt, curricular soll sie zudem in den Naturwissenschaften die Anwendungsmöglichkeiten betonen. Sie integriert die bisherigen beruflichen Gymnasien, auch deren Personal. Ein Drittel der Lehrkräfte sollen Gymnasialkräfte sein – solange es jedenfalls separate Lehrerausbildungen gibt.
Das Gymnasium ist gemäß dieser Konzeption in gewisser Weise sehr eng auf den Weg zur Hochschule festgelegt, die Stadtteilschule bietet sehr viele unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten.
Warum lässt man die Kinder nicht bis zum Ende der siebten Klasse in der Gemeinschaft ihrer jeweiligen Klasse und differenziert erst danach z.B. in Gymnasial-, Realschul- oder Hauptschulklassen?
Dieter Wunder: Das neue Hamburger Schulsystem bietet nach Klasse 4 zwei gleichberechtigte Wege zum Abitur an, unter denen Eltern und ihre Kinder auswählen können. Die Zeit bis zum Ziel, aber auch die pädagogischen Wege werden sich unterscheiden. Optimal ist es, wenn Grundschule und Stadteilschule eng miteinander verbunden sind.
Für die Stadtteilschule gibt es eine große Freiheit der inneren Gestaltung. Äußere Differenzierung soll keine dominierende Rolle spielen. Es sollte also ab 7 keine Haupt- oder Real- oder Gymnasialklassen geben, bestenfalls wären in 9 oder 10 abschlussbezogene Kurse denkbar. Soweit es möglich ist, soll Individualisierung ein bestimmendes pädagogisches Prinzip der Stadteilschule werden. Die in der Frage enthaltene Vorstellung von ´Fehlentscheidungen´ passt also nicht zur Konzeption der Stadteilschule.
Der Beginn der Sekundarstufe I mit Klasse 7 schien der Kommission nicht wirklich attraktiv zu sein. Niedersachsen hat ohne Aufstand der Eltern die Orientierungsstufe abgeschafft. Das Berliner System wirkt bisher nicht sehr überzeugend: ein Fünftel der Gymnasiasten in grundständigen Gymnasien weist auf die Probleme hin. Ein tiefgreifender Schulwechsel mitten in der Pubertät, zudem nur zwei Jahre nach Beginn des Fachunterrichtssystems, ruft ebenfalls Bedenken hervor.
Der Beginn einer Gliederung nach Klasse 7, also eine siebenjährige Grundschule, ist ein neuer Vorschlag, der mir als Kompromiss zwischen der 6jährigen Grundschule und der 8jährigen Grundschule (z. B. Dänemark) vorkommt. Ich sehe eine solche Lösung als schlecht an.
Sie waren viele Jahre Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die GEW fordert nun eine Schule für alle Kinder, die Zweigliedrigkeit geht vielen Protagonisten der "Einen Schule für Alle" nicht weit genug. Die Selektion werde fortgeschrieben. In wenigen Jahren ereile die neue Schulform ein ähnliches Schicksal wie die Hauptschule.Bringt Sie das nicht ins Zweifeln?
Dieter Wunder: Für eine Stadt wie Hamburg ist das Zwei-Wege-Modell eine weitreichende politische Entscheidung; sie löst bisher unversöhnliche politische Blöcke auf und schafft somit eine neue Grundlage für die Arbeit der Schulen.
Neue Möglichkeiten soll man erst einmal nutzen, nicht aber durch nicht immer glaubwürdige Kritik diskreditieren. Die Bedingungen der Stadtteilschule sind strukturell so angelegt, dass diese Schule keine Schule der Selektion ist. Gegenüber anderen zweigliedrigen Systemen hat sie den Vorteil, dass das Abitur regulärer Teil ihrer Schullaufbahn wird.
Es bleibt natürlich abzuwarten, wie das Hamburger System sich tatsächlich entwickelt, ob der hohe Anspruch der Stadtteilschule verwirklicht werden kann, ob die Lehrpersonen mit dem neuen System zurechtkommen. Kritik ist insoweit willkommen, als sie auf mögliche Schwachpunkte aufmerksam macht. Man muss sich um Risikoschülerinnen und –schüler wirklich bemühen, nicht nur auf dem Papier; das Abitur muss eine tatsächliche Chance sein.
Ich sehe in dieser Schulform die Chance zu einer qualitativ ansprechenden Sekundar I–Schule. Hat sie Erfolg, werden neue Diskussionen kommen. Die GEW hat bisher versäumt zu erklären, wie sie in einer freiheitlichen Demokratie die Gymnasialeltern für die Gesamt-/Gemeinschaftsschule gewinnen will. Ich halte es für undemokratisch, Eltern zu einem bestimmten, von Pädagogen für gut gehaltenen Weg zu zwingen. Eltern werden sich wehren, politisch oder durch Stärkung des Privatschulsystems.
Ist die Zweigliedrigkeit nun zu verstehen als eine Absage an ein integratives Schulsystem nach skandinavischem Muster oder ein Zwischenschritt zur integrativen "einen Schule für Alle"?
Dieter Wunder: Meine Vision lautet: die Stadtteilschule wird zur Konkurrenz des Gymnasiums. Eltern werden sich genau überlegen, ob sie ihrem Kind den traditionellen Weg zum Abitur zumuten werden oder die besonderen Möglichkeiten der Stadtteilschule nutzen wollen. Das traditionelle Gymnasium wird dann ein Spezialfall der Stadtteilschule.
Aber dies ist Zukunftsmusik. Es muss viel getan werden, bis wir eines Tages soweit sind. Diese Vision ist daher gegenwärtig irrelevant, kann aber Leitschnur für die Entwicklung der Stadtteilschule werden. Es wird aller Phantasie brauchen, ihre Ziele zu verwirklichen.
Welche politischen Spielräume sehen Sie für die jüngst von Prof. Klaus Hurrelmann geforderte bundeseinheitliche Schulreform?
Dieter Wunder: Ich bin Anhänger des föderalistischen Systems. Ich wünsche mir mehr Großzügigkeit in der Anerkennung der unterschiedlichen Wege der Länder. Eine bundesweite Zentralbürokratie würde jede Verbesserung des Schulsystems auf Jahrzehnte hinaus unmöglich machen.
Allerdings hat Hurrelmann recht, wenn er das Zwei-Wege-Modell für alle Bundesländer empfiehlt. Es führt aus der Sackgasse des gegliederten Systems.
Angaben zur Person: Dr. phil., * 1936, Gymnasiallehrer, Leiter Ganztagsgesamtschule Hamburg-Mümmelmannsberg 1972-1981, Vorsitzender GEW 1981-1997, seither bildungspolitischer Berater, zuletzt stellv. Vorsitzender Enquetekommission Hamburg 2006/7, Mitglied der SPD
Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer
Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com
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