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Schulstruktur: "Schluss mit der zugespitzten Entweder-Oder-Debatte"

Interview mit Prof. Dr. Jürgen Oelkers

13.09.2007

Über die Schulstruktur wird in Deutschland derzeit so intensiv wie schon lange nicht mehr diskutiert. Ob in Baden-Württemberg, Bayern oder Nordrhein-Westfalen - überall im Land diskutieren Lehrer, Eltern und Politker neue pädagogische Konzepte für längeres gemeinsames Lernen. Dabei drohen - insbesondere auf der politischen Ebene - wieder alte Grabenkämpfe aufzuleben. Prof. Dr. Oelkers nimmt zu dem Thema aus schweizerischer Sicht Stellung.

Herr Professor Oelkerss, wie beurteilen Sie die These, durch eine Umstrukturierung der mehrgliedrigen deutschen Schulsysteme in Richtung auf skandinavische Schulstrukturen ließe sich ein höheres Maß an "Chancengerechtigkeit" erreichen?

Prof. Dr. Jürgen Oelkers: Über Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit wird seit dem 19. Jahrhundert intensiv diskutiert, ohne dass so recht klar geworden wäre, was mit dem Begriff genau bezeichnet werden soll. Alle Bildungssysteme sind in der einen oder anderen Form selektiv. Keine Kohorte oder kein Schülerjahrgang erreicht gleiche Ziele oder Abschlüsse. Der Blick nach Skandinavien unterschätzt die Verschiedenheit der Gesamtschulen, die jeweils von verschiedenen historischen Ausgangspunkten entwickelt wurden. Die neuerliche Hochwertung Skandinavischer Gesamtschulen hängt vor allem mit den Pisa-Resultaten zusammmen, die allerdings nur für Finnland besonders spektakulär sind. Auch das finnische Bildungssystem insgesamt kennt Selektionen. An den Universitäten studieren vergleichsweise wenige Arbeiterkinder. Der OECD Equity-Bericht von 2005 lobt die hohe und integrative Qualität der Gesamtschule, aber moniert die anschließende Verteilung der Schülerströme in zwei Zweige auf der Sekundarstufe II, die mit höchst unterschiedlichen Chancen verbunden sind.

Die Überschrift "Die beste Bildung für alle" ziert das Bildungskonzept der SPD-NRW. Was denkt sich eigentlich ein Beobachter mit der Draufsicht der Schweizer Bergwelt bei der Lektüre des Beschlusses, insbesondere mit Blick auf die Ausführungen zur angezielten flächendeckenden und verbindlichen Einführung der Gemeinschaftsschule?

Prof. Dr. Jürgen Oelkers: Die Diskussion um die so genannten Gemeinschaftsschulen reagiert auf demographischen Wandel. Die jetzige Dreigliedrigkeit wird sich in der Fläche nicht durchhalten lassen, die wahrscheinlichste Entwicklung ist die einer Fusion von Haupt- und Realschulen. Daneben wird es Gymnasien und jetzige Gesamtschulen weiter geben. Aus Schweizer Sicht ist vordringlich eine frühere Förderung und eine spätere Selektion, die nicht mit der Suggestion verbunden ist, am besten sei es, überhaupt keine Selektion zu haben. In der Schweiz wird die Schulpflicht zwei Jahre nach unten verlängert. Sie beginnt in Zukunft mit dem vollendeten 4. Lebensjahr. In der Folge entsteht eine Basisstufe von vier Jahren, an die sich eine ebenfalls vierjährige Primarschule anschließt. Die Schüler werden danach in eine zwei- oder dreizügige Sekundarstufe I gegliedert.

Es wird heute viel über die Qualität von Bildung geredet. Qualitätsanalysen, Qualitätstableus, Qualitätsstandards usw. sind dabei häufig benutzte Begriffe. Welche Erwartungen haben Sie an einen "qualitativ" guten Lehrer?

Prof. Dr. Jürgen Oelkers: Die deutsche Diskussion über Bildungsstandards bezieht sich derzeit auf "Regelstandards". Das ist noch relativ nah bei den alten Lehrplänen. Wie amtierende Lehrkräfte mit Regelstandards umgehen, insbesondere dann, wenn sie nicht auf Kompetenzstufen hin ausgelegt sind, lässt sich schwer abschätzen. Eine qualitativ gut einzuschätzende Lehrkraft handelt im Rahmen von fachlichen und überfachlichen Standards. Das ist grundlegend nichts neues, neu sind die Präzisierung der Vorgaben und die Einführung von Leistungstests.

Angenommen, Sie haben als Wissenschaftler zwei Wünsche frei, die Sie an Bildungspolitiker(innen) von CDU und SPD in Deutschland richten könnten.

Prof. Dr. Jürgen Oelkers: Ich habe nur einen Wunsch: Schluss mit der zugespitzten Entweder-Oder-Debatte und einen Blick auf die Entwicklung im gesamten Bildungssystem. Es reicht nicht aus, das Thema Chancengerechtigkeit nur auf Schulabschlüsse zu beziehen. Die Kernfrage ist, wie mit schulischem Lernen Lebens- und Arbeitschancen beeinflusst werden können.

Zur Person

Prof. Dr. Jürgen Oelkers ist Universitätsprofessor für Allgemeine Pädagogik am Pädagogischen Institut der Universität Zürich. Er war Mitglied des Beirats des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Mitglied des Aktionsrats Bildung. Im vergangenen Jahr erschien im Beltz Verlag sein Buch "Gesamtschule in Deutschland. Eine historische Analyse und ein Ausweg aus dem Dilemma"

Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer

Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com


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