Mediale Freiheit mit Regeln
Mit klaren Arbeitsaufträgen sinnvoll am Computer lernen
Mehr zu: Außerschulische Lernorte, Deutschland, Hauptschule, Medienkompetenz, Urheberrecht, Schule(dg). 60 Ganztagsschulen in Deutschland nehmen am Projekt "Freie Lernorte – Raum für mehr" des Vereins "Schulen ans Netz" teil. Durch die Einrichtung attraktiver und flexibel nutzbarer Räume ermöglichen die Projektschulen ihren Schülern freien Zugang zu Medien. So können die Schüler selbst entscheiden, wann, wo und wie sie lernen wollen. Damit das funktionieren kann, müssen die Schulen jedoch klare Regeln für die Freiarbeit aufstellen.
Es ist still. Nur die Maustasten und die Tastaturen klackern. 90 Schüler arbeiten selbstständig, zum Teil an Notebooks, im Internet oder mit Computerprogrammen. Eine einzige Lehrkraft beaufsichtigt sie. Ein Wunschtraum? Für Schulleiter Hans Oberhollenzer ist es Alltag, wenn er in die Study Hall des Lise-Meitner-Gymnasiums (LMG) in Böblingen schaut. "Eine entsprechende architektonische Umgebung mit Regeln und Ritualen, die durchgängig und einheitlich praktiziert werden, macht dieses Lernen möglich", erklärt er das pädagogische Konzept seiner Schule.
Über Vorfälle wie in den USA, wo Schüler im Unterricht versucht haben, Pornos herunterzuladen und die Datennetze von Firmen zu hacken, kann Oberhollenzer nur den Kopf schütteln. Über die Reaktion der dortigen Schulleitung, dann alle Laptops wieder entfernen zu lassen, auch. Denn übertriebene Technikangst ist genauso fehl am Platz wie Technikeuphorie. "Man darf nicht glauben, dass IT-Medien der neue Nürnberger Trichter sind." Wer Schüler ohne konkrete Arbeitsaufträge und ohne feste Regeln an die PCs lässt, kann nicht erwarten, dass sie von allein konzentriert damit lernen. Das sieht auch Thomas Baumann, Vorsitzender der Geschäftsführung des Ernst Klett Verlages, so: "Lernsoftware soll nicht nur effektiveres Lernen ermöglichen, sondern auch das selbstständige Lernen fördern – das unterstützen wir mit unseren Produkten. Wir konzentrieren uns darauf, Schülern und Lehrern den relevanten Lernstoff in professionell aufbereiteter Form zur Verfügung zu stellen. Damit unterscheiden sich unsere Lernprogramme von vielen Informationen bzw. Angeboten im Internet, die nicht ausreichend auf die für den Lernenden in der jeweiligen Ausbildungsund Lernphase wichtigen Inhalte fokussiert sind."
Computerarbeit mit System
Das Lise-Meitner-Gymnasium ist eine von 60 Schulen deutschlandweit, die für ihre Schüler so genannte "Freie Lernorte" geschaffen haben. Durch die Arbeit mit IT-Medien können die Schüler Zeit und Ort des Lernens selbst bestimmen. Was in Deutschland noch hochinnovativ ist, ist in Holland oder Schweden Alltag, erklärt Michael Schopen, Leiter des Projektes "Freie Lernorte": "Die Schulen in Holland und Schweden streben einen hohen Anteil selbstgesteuerten Lernens an, eine hohe Lerner-Autonomie. Daraus ergibt sich, dass Materialien dem Schüler außerhalb von festen Raum- und Zeitstrukturen zur Verfügung stehen müssen." Der Schüler soll selbst wählen, ob er zum Lexikon oder zur Suchmaschine greift, und so einen sinnvollen Medieneinsatz lernen.
Auch an deutschen Schulen sind Computer inzwischen Standard. 98 Prozent der deutschen Schulen sind mit Computern ausgestattet, 94 Prozent der Grundschulen und 85 Prozent der weiterführenden Schulen haben Lernsoftware (Statistisches Bundesamt 2004). Doch weniger als die Hälfte dieser Technik steht den Schülern auch außerhalb des Unterrichts zur Verfügung; im Unterricht bleibt Lernsoftware häufig Zusatzangebot bei der individuellen Förderung. Eine systematische Nutzung der neuen Medien findet oft weder in der Schule noch in der Freizeit statt. "Viele Schüler nutzen den PC am Nachmittag für Computerspiele, Musik oder Chat. Ein Medieneinsatz, wie er später auch im Beruf nötig ist, fehlt jedoch", sagt Michael Schopen. Das betrifft besonders die Schüler, die es auf dem Berufsmarkt ohnehin schwerer haben: 91 Prozent der Computernutzer mit Hochschulreife wissen, wie man eine Datei kopiert oder verschiebt. Bei den Nutzern mit Hauptschulabschluss sind es nur 64 Prozent (Statistisches Bundesamt 07/06).
Freiarbeit mit festen Regeln
Am LMG sind Software und PC fester Bestandteil des Schulalltags. 40 000 Euro hat die Einrichtung der Study Hall die Stadt Böblingen gekostet. Davon wurden die Laptops angeschafft und eingerichtet, das Netzwerk installiert. Für die Lernsoftware konnte die Schulleitung Sponsoren gewinnen – unter anderem den Ernst Klett Verlag mit der Französisch- Lernsoftware Découvertes. Eine schriftliche Nutzungsverordnung enthält die Regeln für die Benutzung der Study Hall. Regelmäßig wird bei den Schülern evaluiert, um das Projekt weiter zu verbessern. So hat sich zum Beispiel Kompakt herausgestellt, dass die Schüler zu viele Aufgaben für die Freiarbeit bekamen, weil die Absprache unter den Lehrern nicht funktionierte, erzählt Bernhard Maier, der am LMG das Projekt betreut: "Jetzt haben wir die Regel: Keine Aufgaben von heute auf morgen." Die Schülerkommentare zeigen aber auch, dass das Konzept funktioniert: "Es ist gut, dass gleich verglichen wird", erzählt Luka*, Schüler einer 6. Klasse, "und die Stunde geht schneller rum, weil es Spaß macht." Und seine Mitschülerin Naomi ergänzt: "Die Study Hall ist super, weil ich zu Hause kein Internet habe und dann in der Study Hall lernen kann."
Schule verändern
Regelmäßig treffen sich die Schulen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Bedarfsorientierte Fortbildungen und eine virtuelle Lernplattform unterstützen den Erfahrungsaustausch. Die Lehrkräfte der Projektschulen können dort Themen vertieft diskutieren und Materialien herunterladen. Sie haben so die Möglichkeit, sich auf dem Gebiet gezielt weiterzubilden. Denn in der regulären Lehrerausbildung kommen neue Medien viel zu wenig vor. "Die Lehrer müssten in der Ausbildung selber fit mit digitalen Medien gemacht werden", fordert Michael Schopen, "sie sollten Wissen über Mediendidaktik bekommen und auch über rechtliche Belange informiert werden, zum Beispiel über Bild- und Urheberrechte."
Eine systematische Arbeit mit Computern könnte den Unterrichtsstil an deutschen Schulen grundlegend ändern. "Besonders in den Naturwissenschaften haben Lehrer viel mehr Möglichkeiten", sagt Schopen. Experimente im Chemielabor lassen sich mit Lernsoftware ohne viel Aufwand auch virtuell durchführen. Und im Fremdsprachenunterricht könnte durch Zugriff auf Zeitungsartikel im Internet ein höherer Grad an Authentizität und Aktualität erreicht werden. ‹‹
Hintergrund
"Freie Lernorte – Raum für mehr" ist ein Projekt des Vereins "Schulen ans Netz". Insgesamt 60 Ganztagsschulen bundesweit erarbeiten dabei Konzepte zum selbstständigen und individuellen Lernen mit Hilfe der neuen Medien. Weiterführende Informationsmaterialien und Erfahrungsberichte gibt es unter www.schulen-ans-netz.de/freie-lernorte.
Fazit
Obwohl in Deutschland an fast jeder Schule Computer und Lernsoftware vorhanden sind, werden sie nicht systematisch genutzt. Im Projekt "Freie Lernorte – Raum für mehr" erarbeiten Ganztagsschulen Konzepte, wie die neuen Medien gezielt eingesetzt werden können. Durch das eigenständige Lernen wird auch die Medienkompetenz der Schüler erhöht.
• Namen von der Redaktion geändert
Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst
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