(bikl.de) Die Diskussion über die Schulstrukturen in Deutschland ist nicht mehr aufzuhalten. Aber: Läuft sie – wie in der Vergangenheit – Gefahr, neue Gräben aufzureißen und sich in einer Schwarz-Weiß-Malerei zu erschöpfen, oder sind tatsächlich Ergebnisse zu erwarten, die zu einem besseren Unterricht und zu größerer Chancengleichheit führen? Welche weiteren Faktoren sind entscheidend - wie steht es etwa um die Ausbildung der Lehrer, was bewirkt der Frontalunterricht? Zu diesen Fragen nimmt Prof. Dr. Rainer Dollase in diesem Interview Stellung.
Welche Chancen und Risiken sehen Sie in der sog. Schulstrukturdebatte?
Rainer Dollase: Das Gute an der Schulstrukturdebatte ist, dass Gegner wie Befürworter von dem ernsthaften Willen beseelt sind, die Schule zu verbessern. Wenn es Befürwortern und Gegnern tatsächlich darum geht, dass unser Schulsystem und unser Unterricht so gestaltet wird, dass unser Nachwuchs "fit for life" (wie der Slogan des internationalen PISA-Konsortiums lautet) gemacht wird, dann kann dabei nur etwas Positives herauskommen. Nachteil ist aber, dass Schulstrukturfragen sofort in das typische Schwarz-Weiß-Denken parteipolitisch in Konfrontation stehender Gruppierungen geraten und dass bei Gegnern und Befürwortern der pragmatische Blick auf die Probleme des Alltags verloren geht. Eine überflüssige ideologische und "Life-style"Kontroverse zwischen "Progressiven" und "Bewahrern" droht.
Wie beurteilen Sie die These, die Persönlichkeiten von Lehrerinnen und Lehrern, ihr Menschenbild sowie deren didaktisch-methodische Kompetenzen seien mehr als die Schulstrukturen für den Erfolg von Schule und Unterricht verantwortlich?
Rainer Dollase: Das ist keine These. Spätestens seit 1993 hätte den meisten Schulpolitikern bekannt sein müssen, dass weltweite und groß angelegte zusammenfassende Studien diese These als empirisch belegt betrachten (Wang, Haertel, Walberg, 1993). Es gibt über die Frage, ob die Lehrerkompetenz wichtig ist, nirgendwo auf der Welt eine Kontroverse. Der Einfluss des Lehrers und seine gesammelten pädagogischen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Fähigkeiten erklärt drei- bis viermal so viel Varianz in der Leistung, dem Wohlbefinden der Schüler und Schülerinnen, ihrer Gewalttätigkeit, ihrer Fremdenfeindlichkeit etc. als irgendeine organisatorische Maßnahme. Organisatorische Maßnahmen gehören eindeutig zu den weniger wichtigen und wirksamen Variablen. Die relevanten Maßnahmen sind neben der Qualität des unterrichtenden Personals die Intelligenzvoraussetzungen unserer Schüler, die Unterstützung der Schule durch die Eltern sowie deren Bildung und ihre Kultur. "Proximale" Faktoren bestimmen also die Qualität von Schule und Unterricht – "distale" Faktoren können schlimmstenfalls proximale Faktoren behindern, bestenfalls die Entwicklung proximaler Qualitäten verbessern.
Welche Eigenschaften im Auftreten Ihrer ehemaligen Lehrerinnen/Lehrer sind Ihnen aus Ihrer eigenen Schulzeit in positiver Hinsicht so präsent, dass Sie diese heutigen Lehrerinnen und Lehrern zur Nachahmung empfehlen würden?
Rainer Dollase: Ich habe nur Lehrer gehabt. Unter diesen sind mir jene insbesondere im Gedächtnis geblieben, die das Unterrichten nicht konnten und nicht verstanden. Mein Deutsch- und Geschichtslehrer hat den stärksten Einfluss auf meine Mentalität, auf meine Art zu argumentieren und zu schreiben gehabt. Herr Günter Tannwitz bestach in seinem konsequenten Frontalunterricht, der überwiegend aus Lehrervorträgen bestand, vor allen Dingen durch seine Begeisterung für die Unterrichtsthemen, durch die ernsthafte Auseinandersetzung mit unseren bzw. meinen Fragen und mit einer hingebungsvollen Analyse unserer schriftlichen Leistungen (er schrieb manchmal eine ganze Seite dazu und gab Tipps zur Verbesserung) und führte Meinungsverschiedenheiten ernsthaft und partnerschaftlich in seinen Kommentaren aus. Mein Kunstlehrer Otto Coenen, selbst ein abstrakter Künstler, machte didaktisch möglicherweise alles falsch, was man damals hätte auch richtig machen können. Dennoch werde ich ihn mit seiner Überzeugung, seiner Umgestaltung des Kunstunterrichtes in politische Diskussionen nie vergessen. Er war Mitglied der "Deutschen Friedensunion" und machte für diese Partei Plakate. Es konnte schon mal passieren, dass wir das Klingelzeichen vergessen haben und heftigst auf ihn einredeten, wenn er die DDR-Zustände lobte. Künstlerisch war er außerordentlich anspruchsvoll, kritisch, aber wir hatten immer den Eindruck, er ist sehr authentisch und setzte sich, ebenso wie Herr Tannwitz, ernsthaft mit den Schülerleistungen auseinander. Mein Mathematiklehrer, Herr Schöngen, auch er ein gnadenloser Frontalunterrichter, konnte komplizierte Zusammenhänge meisterlich erklären und die Einfachheit der sphärischen Trigonometrie oder Vektorrechnungen deutlich machen. Zugleich schätzte er geniale, einfache und kreative Lösungen und verlangte nie, einen schulmäßigen Weg zur Lösung der Aufgaben zu empfehlen. Auch andere Lehrer haben mich beeindruckt, aber die drei haben mein Denken geprägt. Das fachliche, fachwissenschaftliche Engagement, gepaart mit einer absoluten Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit Schülerbeiträgen, würde ich auch heute noch ohne irgendeine Einschränkung zur Nachahmung empfehlen.
Prof. Oelkers forderte kürzlich ein Ende der "Entweder-Oder-Debatte" in Sachen Schulstruktur und stellte fest, die "Kernfrage" sei für ihn, "wie mit schulischem Lernen Lebens- und Arbeitschancen beeinflusst werden können". Welches ist Ihre "Kernfrage"?
Rainer Dollase: Natürlich dieselbe wie bei Oelkers, weil sich die empirische Unterrichtsforschung international schon seit Jahrzehnten nur diese Kernfrage stellt. Es besteht allerdings schon wieder die Gefahr, dass diese Kernfrage an den Kernproblemen vorbeigeht und den notwendigen Reformen ausweicht. Wenn die Qualität des lehrenden Personals entscheidend ist, muss das größte Schwergewicht auf die Reform der Lehrerausbildung gelegt werden. Der Zustand der Lehrerausbildung in der Bundesrepublik ist bis auf wenige Ausnahmen und einige wenige Länder in einem katastrophalen, ich möchte sagen, dekadenten Zustand.
Selbstverständlich benötigen wir in unseren Schulen ein multiprofessionelles Team und ganz unabhängig davon, dass ich selbst Psychologe bin, ist der Mangel an Schulpsychologen in der Bundesrepublik auf dem in Europa schlechtesten Stand. Wenn wir finnische Verhältnisse haben wollten, was die Ausstattung mit Schulpsychologen anbelangt, dann brauchten wir in NRW noch über 1.000 weitere Schulpsychologenstellen, um etwa die Dichte der Stadt Helsinki zu erreichen. Schulassistenten, Schulsozialarbeiter und ähnliches sind wie in Finnland herzlich willkommen!
Rainer Dollase ist Professor für Psychologie an der Uni Bielefeld, Fachgebiet Entwicklung und Erziehung.
Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer
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