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Schulform unter Druck

Pro und Contra: Ist die Hauptschule noch zu retten?

Mehr zu: Gemeinschaftsschule, Gesamtschule, Hauptschuldiskussion, Hauptschule, Hauptschulpreis, Schule
30.10.2007 -

Einerseits wurde Mitte des Jahres mit großem Erfolg der Deutsche Hauptschulpreis vergeben. Andererseits schreiben 100 baden-württembergische Hauptschuldirektoren einen Brief an den Kultusminister ihres Landes mit dem Tenor: Diese Schulform ist am Ende. Ist die Hauptschule noch zu retten?

Pro: Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes

Die Forderung nach der Abschaffung der Hauptschule ist Schaufensterpolitik. Kein einziges schulpolitisches oder schulpädagogisches Problem wäre damit gelöst, es würde nur umetikettiert. Hauptschule hat nun einmal eine heterogene, herausfordernde Klientel, die einer besonderen Förderung bedarf – einer Förderung, die eine moderne Hauptschulpädagogik am besten leisten kann. Mit der Kappung der Hauptschule wäre deren Schülerschaft nicht verschwunden, wie durch ein Wunder zu einer motivierten geworden oder auf dem Arbeitsmarkt plötzlich besser vermittelbar. Eine Abschaffung der Hauptschule oder deren Zusammenlegung mit der Realschule schafft für die originäre Hauptschülerschaft keine einzige Lehrstelle zusätzlich. Es wird auch gerne übersehen, dass 85 Prozent der ehemaligen Hauptschüler vier Jahre nach ihrem Schulabschluss ein festes Beschäftigungsverhältnis haben.

Überhaupt sollte man die Kirche im Dorf lassen: Es gibt in Deutschland 7 000 Hauptschulen, die nicht nur auf dem flachen Land, sondern oft auch in Ballungsgebieten Hervorragendes leisten. In den so genannten alten Ländern besuchen nach wie vor über 30 Prozent der Vierzehnjährigen eine Hauptschule; allein von daher ist die Hauptschule keine Restschule. Solche Etikettierungen sind menschenverachtend. Wenn 30 Prozent als Rest gelten müssten, dann wären Parteien mit 30-prozentigen Wahlergebnissen keine Volks-, sondern Restparteien.

Zudem ist der seit 1999 vom jeweiligen Bundespräsidenten verliehene Deutsche Hauptschulpreis eindrucksvoller Beweis für die großartigen Leistungen vieler Hauptschulen und Hauptschüler. Vor diesem Hintergrund ist es schäbig, die schwierige Situation verschiedener Hauptschulen für uralte Gesamtschulträume zu instrumentalisieren. Die Alternative zur Hauptschule kann insgesamt nur eine verbesserte Hauptschule sein, die in sich noch mehr differenziert und fördert und deren Absolventen von einer hoffentlich verantwortungsbewussten Wirtschaft angenommen werden.

Contra: Ursula Walther, Bundeselternrat

Die Hauptschule ist nicht zu retten. Daran werden ein paar Ganztagsklassen und die beruflichen Profile an bayerischen Hauptschulen ebenso wenig ändern wie Baden- Württembergs 300 pädagogische Assistenten. Auch die zusätzlichen Millionen, welche die letzten beiden Hauptschul- Verteidigungs-Länder investieren, machen aus Eltern keine freiwilligen Hauptschuleltern. Aber wieso denn auch? Weshalb sollten Eltern die Schule mit der kürzesten Lernzeit, der ungünstigsten Lernumgebung und den dürftigsten Lehrplänen wählen, mit der geringsten Aussicht auf eine Lehrstelle und dem niedrigsten Sozialprestige? Dass in Hauptschulen hervorragende Pädagogen arbeiten – geschenkt. Es gibt ein Leben nach der Schule, auf das die Schule vorbereiten soll. Eine Schule, in der sich die Aussortierten versammeln, schafft das bei aller Anstrengung nicht. Warum sollten Eltern das anders sehen als Arbeitgeber?

Eltern wollen ihren Kindern möglichst viele Optionen so lange wie möglich offen halten. Weiß man denn, ob der Sohn statt Lokführer eines Tages nicht doch Arzt werden möchte? Als Gymnasiast kann er beides, als Hauptschüler allenfalls unter ungleich schwierigeren Bedingungen. Eine begabungsgerechte Schule, wie ihre Verfechter immer wieder versichern, ist die Hauptschule nicht. Wäre sie wirklich die Schule für praktisch Begabte, hätten kognitiv Begabte dort nichts verloren. Von einem Praxistest zur Aufnahme in die Hauptschule ist jedoch nichts bekannt.

Die leidenschaftlichsten Verteidiger der Hauptschule sind diejenigen, die ihre Kinder niemals dorthin schicken würden, also Philologen, Gymnasial- und Realschuleltern, Bildungspolitiker. So lange die Hauptschule nicht etwas Spektakuläres zu bieten hat, was andere Schularten nicht bieten können, hat sie keine Chance. Nicht einmal ein anderer Name würde helfen. Die Hauptschule ist die Vermeidungsschule. Wer nicht muss, schickt sein Kind nicht hin. Ohne Schüler aber ist die Schule tot.

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst

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