(bikl.de) "Das Schulsystem ist in seinen Strukturen, Funktionen und Prozessen undemokratisch und sogar demokratiewidrig. Nicht zu Unrecht hat es Vernor Muñoz wegen der ihm inhärenten Verletzung der Kinderrechte gerügt", erklärt der emeritierte Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Edelstein, im Interview. Eine weitere Aussage, die zur gegenwärtigen Auseinandersetzung über die Schulstruktur und die zu erwartende Diskussion nach den nächsten PISA-Ergebnissen im Dezember passt: "Faktisch trägt das gegliederte Schulsystem zur Vererbung von Bildungsarmut bei." Wir veröffentlichen das Interview im Wortlaut.
Der Aufbau partizipativer Strukturen in unseren Schulen sowie die Etablierung einer demokratischen Schulkultur sind Ihnen ein wichtiges Anliegen. Es wird durch den von Ihnen maßgeblich mit verantworteten BLK-Modellversuch "Demokratie lernen&leben" und die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik(DeGeDe)unterstrichen. Welches sind Ihre außerwissenschaftlichen Erkenntnisinteressen, worin liegen die biografischen Motive für Ihr Engagement in diesem Bereich?
Prof. Wolfgang Edelstein: Darauf könnte ich sicher lange Antworten geben, die komplexen Zusammenhänge einer ganzen Biografie aufzuklären versuchen. Die kurze Antwort ist vermutlich: die für mich nachhaltige Erfahrung als Lehrer und didaktischer Leiter der Odenwaldschule in den 50er und 60er Jahren – mein erstes berufliches Engagement nach dem Studium. In der Odenwaldschule gab es diese grundlegende Erfahrung der Mitwirkung der Schüler am Leben der Schule, Klassenrat (damals Klassengemeinde genannt), Schulparlament, selbstbestimmtes Lernen, Kurssystem, Oberstufenreform mit dem individuell zusammengestellten Wahlkursprogramm, das jede Lerngruppe zu einer Zustimmungsgemeinschaft machte, Mittelstufenreform mit einer breiten Allianz der Förderansätze und Optionen, Projektdidaktik, Konferenzverfassung, Anerkennung, Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme als Prinzipien eines pädagogischen Dialogs, an dem alle teilhatten, Lehrer wie Schüler. Und vieles andere mehr. Aber dann war es natürlich kein Zufall, dass ich an die Odenwaldschule kam, denn ich bin in Island aufgewachsen, wo ich wie alle Kinder schon damals bis zum 14. Lebensjahr durch eine sehr liberale und kinderfreundliche Einheitsschule ging, die für die skandinavischen Länder kennzeichnend ist. Die interkulturelle Erfahrung spielte sicher eine bedeutsame Rolle bei der Ausprägung der persönlichen Überzeugung, und gewiss hat die Begegnung mit vielen Schulsystemen in meinem Leben dazu beigetragen, den tiefsitzenden Glauben an die unerschütterliche Geltung des deutschen Schulsystems in Frage zu stellen, darin die Produkte historischer Entwicklungen und sozialer Interessen zu erkennen, so wie mir Soziologie und Entwicklungspsychologie dazu verholfen haben, in Bezug auf die Schule am kollektiven wie individuellen Kindes- und Schülerwohl orientiert systemkritisch zu denken.
Ein deutscher Bundeskanzler stellte 1969 seine Regierungserklärung unter das Motto "Wir wollen mehr Demokratie wagen". Inwieweit sehen Sie dieses Ziel in unseren Schulen verwirklicht?
Prof. Wolfgang Edelstein: Die Frage stellen Sie mir doch nicht im Ernst? Natürlich gibt es tolle Schulen mit demokratischen Standards und Lebensformen, doch das Schulsystem ist in seinen Strukturen, Funktionen und Prozessen undemokratisch und sogar demokratiewidrig. Nicht zu Unrecht hat es Vernor Muñoz wegen der ihm inhärenten Verletzung der Kinderrechte gerügt.
Ganz im Ernst: Im Schulgesetz des Landes NRW wird im §2 der "Erziehungs- und Bildungsauftrag" beschrieben. Da steht deutlich, die "Schülerinnen und Schüler werden befähigt, verantwortlich am sozialen, gesellschaftlichen, beruflichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen und ihr eigenes Leben zu gestalten." Sie sollen für die Demokratie eintreten und tolerant handeln lernen. Partizipation ist gewollt!
Prof. Wolfgang Edelstein: In den Gesetzen steht vieles, was durch die Praxis auch dieser Gesetze widerlegt wird. Faktisch trägt das gegliederte Schulsystem zur Vererbung von Bildungsarmut bei.
In der durch PISA ausgelösten Debatte ist häufig, besonders in Bezug auf die Fächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen, von Kernkompetenzen die Rede, die nach festgelegten Qualitätsstandards als Output schulischen Lernens vergleichbar abprüfbar sein sollen. Welche demokratischen Kompetenzen sollte nun ein(e) Schülerin/ein Schüler zum Ende seiner/ihrer Schullaufbahn erworben haben und welche Relevanz messen Sie diesen im Verhältnis zu den in Kernfächern erworbenen Kompetenzen bei?
Prof. Wolfgang Edelstein: Im BLK-Programm haben wir zwischen demokratischen Handlungskompetenzen der Individuen und demokratischer Schulkultur unterschieden. Mich haben auf dem Hintergrund meiner soziologischen und entwicklungspsychologischen Kenntnisse und Überzeugungen stets die Elemente und die Gestaltung einer demokratischen Schulkultur besonders interessiert, die als Lebensformen einen demokratischen Habitus hervorbringen können. Ein solcher Habitus schlägt sich in bestimmten Kompetenzen nieder: zuhören können, wertorientiert diskutieren, fair teilen und argumentieren, partizipative Fertigkeiten. Vieles davon ist sicher messbar, insbesondere wohl die sekundär aus demokratischen Überzeugungen und Gewohnheiten abgeleiteten Erkenntnisse und Werte: Gleichheitsüberzeugungen, antirassistische Einstellungen; wichtiger sind vielleicht notwendige Voraussetzungen eines demokratischen Habitus, nämlich soziale Kompetenzen, Perspektivenübernahme, Kooperationsbereitschaft, Akzeptanz von Heterogenität. Die Entwicklung demokratischer Einstellungen und Tugenden in der Lebensform einer demokratischen Schulkultur nehmen den Kernfächern nichts weg. Andererseits weigern sich anscheinend die Kultusminister, sich an der Messung sozialer und politischer Kompetenzen aus Anlass von PISA 2009 oder der IEA Civics-Studie von 2009 zu beteiligen, angeblich weil wir hier nichts messen können.
In NRW wurden die so genannten "Kopfnoten" eingeführt. Müsste es nicht in Ihrem Sinne ein, dass mit Hilfe dieser den Fachnoten separat voran gestellten Zensuren soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit explizit gewürdigt werden?
Prof. Wolfgang Edelstein: Für die Anerkennung sozialer Praxis bzw. "Kompetenzen" von Schülern eignen sich Berichte und Portfolios mehr als Ziffernnoten. Sie beschreiben die anerkannte Leistung, statt sie abstrakt zu bewerten. Die Bewertung kann durch einen entsprechenden Ausdruck in den beschriebenen Handlungskontext sinnvoll eingebracht werden. Im Übrigen ist das Problem der Kopfnoten vielfach und intensiv diskutiert worden: dass sie statt individualisierender Anerkennung standardisierte Urteile aussprechen.
In den Bundesländern wird in unterschiedlicher Intensität über die Zukunftsfähigkeit der Schulstrukturen debattiert. Erläutern Sie bitte, inwiefern wissenschaftlich abgesicherte Aussagen über den Zusammenhang der Qualität von Schülerleistungen und der demokratischen Verfasstheit einer Schule möglich sind.
Prof. Wolfgang Edelstein: Das ist sicher kein Thema mit kurzer und bündiger Antwort. Natürlich können demokratisch verfasste Schulen gute Schulen, auch leistungsstarke Schulen sein. Auf die Leistungshöhe einer Schule wirken stets viele Faktoren ein, die bei Vergleichen berücksichtigt werden müssen. Auch ist Qualität nicht nur Leistung. Die demokratischen Schulsysteme Skandinaviens und Kanadas bringen höhere Schülerleistungen in bestimmten vergleichbaren Bereichen hervor, aber natürlich sind solche Vergleiche beschränkt, und man muss mit vielen Einflussgrößen rechnen, die den Vergleich beeinflussen und beeinträchtigen, ehe man behaupten kann, dass diese Systeme bessere Leistungen erzeugen, weil sie demokratischer sind. Demokratische Systeme sind auch nicht immer identisch mit demokratischen Schulen! Und demokratische Schulen müssen auch nicht ausschließlich deswegen gute oder bessere Schulen sein, weil sie in bestimmten Bereichen bessere Schülerleistungen nachweisen. Doch insgesamt, bei Anerkenntnis aller Einschränkungen, aller Messprobleme und aller Definitionsfragen: Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass ceteris paribus demokratische Schulsysteme die besseren sind.
Es gibt dieses Zitat "Zum Demokraten wird man nicht geboren." Welche Chancen hat Erziehung? Und: In welcher Phase der kindlichen oder jugendlichen Entwicklung ist die Chance zur Ausbildung eines demokratischen Habitus eher günstig/ungünstig?
Prof. Wolfgang Edelstein: Die Frage erscheint mir noch umfassender und problemhaltiger als die vorherige. Da alle Entwicklung ein Produkt von genetischer Anlage und kultureller Umwelt ist, kann man Variabilität immer auf Wechselwirkungen zurückführen und entsprechend verzweifeln oder optimistisch handeln. Die Erfahrung, die Kinder und Jugendliche in demokratischen Lebensformen und Schulkulturen von früh auf machen, wird im Zweifel eher einen demokratischen als einen autoritären Habitus ausbilden. Wir kennen die Erfolge autoritärer Systeme, die Folgen und Erfolge intentional demokratischer Schulen für die Mentalitäten und Haltungen ihrer Schüler wurden meines Wissens nie systematisch untersucht. Ob die implizit demokratische Schulstruktur in Skandinavien oder Kanada "politische" Erziehungswirkungen hat, vermag wohl keiner zu sagen. Sie sind Teil einer Kultur, die große Variabilität zulässt, und man ahnt, dass die Schulen demokratisch sind, weil diese Gesellschaften demokratisch sind, nicht umgekehrt.
An welchem Punkt in Ihrem Leben verspürten Sie hinsichtlich demokratischer Entwicklungschancen eher Zweifel? Welches Ereignis beflügelte Sie zu pädagogischem Optimismus?
Prof. Wolfgang Edelstein: Ich habe Naziregime und Flucht und in einem langen Leben die schlimmsten Ereignisse der Geschichte vor den Augen ablaufen sehen; ich habe aber auch gute und tröstliche Dinge gesehen, Solidarität und Hilfe und Freundlichkeit. Aufgrund von Lebensgeschichte und Erfahrung bin ich eher Pessimist: Die Entwicklung führt nicht von selbst zum Guten. Doch der Zweifel spornt an: du musst selber handeln. Die Erfahrung mit Kindern beflügelt: es lohnt sich, etwas zu tun. Man muss sich nicht entmutigen lassen. Optimismus und Pessimismus sind keine so bedeutsamen Kategorien. Einsichtig handeln und die Dinge, wo das möglich ist, zum Besseren wenden, darauf kommt es an.
1929 geboren; 1938 Emigration nach Island; Abitur in Reykjavik; Zwischen 1954 und 1963 wurde er Lehrer und später Studienleiter an der Odenwaldschule in Ober-Hambach, die er heute "die erste deutsche Gesamtschule" nennt. Studium der Klassischen Philologie u. Linguistik in Paris, später in Heidelberg, dort 1962 Promotion. Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft; bis 1997 Mitglied des Kollegiums und Direktor am gleichnamigen Institut für Bildungsforschung; Ehrendoktor der Sozialwissenschaften, Universität Island Honorarprofessor der Erziehungswissenschaft, Freie Universität Berlin und Universität Potsdam. Er ist Mitinitiator des Programms "Demokratie lernen & leben" der Bund-Länder-Kommission (BLK); Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.; zahlreiche Veröffentlichungen.
Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer
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