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Gibt es in Deutschland zu viele Ausbildungsberufe?

Politiker und Wissenschaftler fordern eine Reduzierung

Mehr zu: Berufsbildungsgesetz, Berufsschule, Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Schavan, Weiterbildung, Berufliche Bildung
14.12.2007 -

Knapp 350 Ausbildungsberufe gibt es derzeit in Deutschland – nach Auffassung der Bundesbildungsministerin sind das deutlich zu viele. Im Sommer erklärte sie deswegen, die Zahl der anerkannten Lehrberufe müsse auf 50 bis maximal 100 Berufsgruppen reduziert werden. Zustimmung für ihren Vorschlag kam aus dem Saarland und aus Bayern. Erlebt Deutschland tatsächlich einen Boom der Ausbildungsberufe? Ein Blick in die Geschichte zeigt etwas anderes.

Die bundeseinheitliche Zählung der Ausbildungsberufe beginnt erst nach der Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) Ende der sechziger Jahre. Stolze 606 Ausbildungsberufe wurden im Jahr 1971 gezählt. Das heißt, mit 344 anerkannten Ausbildungsberufen im Jahr 2007 gibt es heute nur noch gut halb so viele Berufe wie vor 36 Jahren.

Problem für die Schulen?

Der Eindruck von einer stetig anwachsenden Zahl an Ausbildungsberufen ist also falsch. Dennoch: Auch die Hälfte kann noch zu viel sein. Jedenfalls bekam die Ministerin reichlich Zustimmung. Der damalige saarländische Kultusminister Jürgen Schreier begrüßte die Initiative von Annette Schavan. "Die Ausbildung in den Schulen wird durch den hohen Spezialisierungsgrad der Ausbildungsberufe immer schwieriger", wusste Schreier. "Es müssen verschiedene Klassen in den Berufsschulen gebildet werden, um die Ausbildung sicherzustellen. Das führt in den Ländern zu höheren Kosten. Für manche so genannte Splitterberufe kann die Ausbildung dann nur noch an zentralen Standorten stattfinden. Das führt zu weiten Fahrwegen und hohen Unterbringungskosten." In diese Kerbe schlug auch Bayerns Arbeitsstaatssekretär Jürgen W. Heike. "In der Ausbildung sollte sich der Fokus stärker auf die Vermittlung von beruflichen Grundkenntnissen in der Breite eines Berufsfeldes richten und nicht so sehr auf die Vermittlung von Spezialkenntnissen in einzelnen, wenig gefragten Berufszweigen."

Kernberufe statt Modularisierung

Und selbst der als kritisch bekannte Berufsbildungsforscher Prof. Dr. Felix Rauner vom Institut Technik und Bildung der Universität Bremen hält den Vorstoß nicht für grundsätzlich falsch, eine Reduzierung auf 50 Berufe allerdings für verfehlt. Europaweit, so Rauner, könne man mit etwa 150 bis 170 Berufen auskommen, wenn künftig so genannte Kernberufe entwickelt würden. Die können das neue Fundament für eine enge Verzahnung mit abschließenden und weiterführenden Fort- und Weiterbildungen darstellen. Eine Berufsausbildung also mit breitem Basiswissen und sinnvoller Vertiefung. Von einer so genannten Modularisierung der Berufsausbildung, die sich an der reformierten Hochschulausbildung mit Bachelor und Master orientiert, hält Brauner allerdings nichts. Abstraktes Wissen könne man in solchen Häppchen vermitteln, nicht aber praktische Kompetenzen und berufliche Identität.

Immer wieder werden neue Vorschläge zur Berufsausbildung – mitunter recht heftig – diskutiert. Dabei wirken viele Parteien mit: Ministerien, Verbände, Unternehmen und Gewerkschaften. Hilfreich wären solide wissenschaftliche Erkenntnisse. Aber die Berufsbildungsforschung ist in Deutschland unterentwickelt, klagt Rauner, "damit kann man bei den Exzellenzinitiativen wohl keinen Blumentopf gewinnen."

Derweil werden diejenigen, die nach einer passenden Ausbildung suchen, von ganz anderen Sorgen geplagt. Trotz des Konjunkturaufschwungs fehlen laut Bundesagentur für Arbeit derzeit 210.000 Ausbildungsplätze.

Die Zuständigkeiten

Etwa zwei Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland haben im Verlauf ihres Bildungsweges eine Berufsausbildung im "Dualen System" absolviert. Für die staatlich anerkannten Ausbildungsberufe werden vom jeweils zuständigen Bundesministerium (in der Regel das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung Ausbildungsordnungen erlassen. Die Erarbeitung neuer oder die Modernisierung bestehender Ausbildungsordnungen und ihre Abstimmung mit den Rahmenlehrplänen der Länder erfolgen in einem mehrstufigen Verfahren, in das die an der beruflichen Bildung Beteiligten, also Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Bund und Länder, maßgeblich einbezogen sind.

Dazu auf der didacta

Das BIBB Forum auf der didacta 2008, in Halle 7, bietet Informationen, Vorträge und Gespräche zu aktuellen Fragen und Perspektiven der beruflichen Aus- und Weiterbildung.

Der Beitrag "Gibt es in Deutschland zu viele Ausbildungsberufe?" ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008

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