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Aus drei mach zwei

Ist Deutschland auf dem Weg zum zweigliedrigen Schulsystem ohne Hauptschule?

Mehr zu: Auslese, Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Förderschule, Hauptschule, Individuelle Förderung, Oberschule, Regelschule, Schulstruktur, Sekundarschule, Volksschule, Schule
02.01.2008 -

Dreigliedrig, zweigliedrig oder die Schule für alle? Das tradierte dreigliedrige Schulsystem bröckelt in Deutschland bereits gewaltig: In zehn von sechzehn Bundesländern gibt es schon jetzt keine Hauptschule mehr oder ihre Abschaffung ist beschlossene Sache. Die übrigen Länder hingegen, wie etwa Baden-Württemberg, Bayern oder Nordrhein-Westfalen, haben spezielle Programme zur Stärkung der Hauptschule aufgelegt.

Die Befürworter des neuen zweigliedrigen Schulsystems wollen die Haupt- und Realschulen zusammenlegen und die Gymnasien erhalten. In den neuen Bundesländern ist das schon lange der Fall. Brandenburg hatte die Hauptschule nach der Wende erst gar nicht eingeführt und in den vier anderen Bundesländern machten vor allem demografische Gründe diesem Schultyp den Garaus. Die Schulen heißen dort jetzt Oberschule, Mittelschule, Regel- oder Sekundarschule und führen zum mittleren Schulabschluss. Das Abitur hingegen gibt´s am Gymnasium. Einen Schritt weiter gehen die neuen Modelle in Hamburg und Schleswig-Holstein. Sie sehen auch einen Weg zum Abitur in den neuen Stadtteil- oder Gemeinschaftsschulen vor.

Ein alter Hut?

Die Zweigliedrigkeit ist eigentlich gar kein neues Modell. Schließlich war das deutsche Schulsystem zweigliedrig, als es neben dem Gymnasium, der einstigen "Gelehrtenschule", nur die Volksschule gab. Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gesellte sich die Realschule als "Mittelschule" dazu und in den 1960er Jahren wurde in sozialdemokratisch geführten Bundesländern die Gesamtschule eingeführt - als vierte Regelschule. Ein mindestens viergliedriges System also, rechnet man die Sonder- und Förderschulen nicht mit hinzu.

Schon in den Jahren vor der Veröffentlichung von PISA 2000 wurde diesem vielgliedrigen deutschen Schulsystem von nationalen und internationalen Studien massive soziale Auslese bescheinigt. Vor allem die Hauptschulen konnten kaum noch die Benachteiligungen ihrer Schülerschaft ausgleichen. Sie bekamen den Stempel "Restschule". Der Bielefelder Bildungsforscher Klaus Hurrelmann hatte bereits 1991, also zwei Jahre nach der Wende, der KMK ein "Zweiwegemodell" empfohlen. Allerdings ohne Erfolg. Ein zweiter Appell im Jahr 2006 blieb ebenfalls ohne Echo.

In einigen Bundesländern werden Hauptschulen gestärkt

Gehört wurde er aber offensichtlich in einzelnen Bundesländern, von denen bislang zehn diesen Weg beschritten haben. Und Nummer 11 ist in Sicht: In Berlin soll im kommenden Jahr in einem Modellversuch der gemeinsame Unterricht von der ersten bis zur zehnten Klasse erprobt werden. In Niedersachsen, Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg hält man allerdings weiterhin an der Hauptschule fest.

So fördert etwa die "Qualitätsoffensive Hauptschule" in Nordrhein-Westfalen den Ganztagsbetrieb. Und Baden-Württemberg hat erst in diesem Sommer ein Gesamtpaket zur Stärkung der Hauptschule in Höhe von 26 Millionen Euro jährlich beschlossen. Unter anderem werden zukünftig Pädagogische Assistenten die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler unterstützen. Gleichzeitig sollen die Hauptschüler gezielt auf die Anforderungen der betrieblichen Ausbildung vorbereitet werden. Darauf setzt man auch in Bayern, wo die Hauptschule zur berufsorientierten Schule ausgebaut wird. Immerhin steht die Hauptschule im Süden weiterhin hoch im Kurs: Sie wird in Bayern gegenwärtig von rund einem Drittel der Schüler eines Jahrgangs besucht.

Allerdings geraten diese Länder mehr und mehr unter Druck. So fordern der bayerische Elternverband und die Münchner Bürgermeisterin die Abschaffung der Hauptschule. Und in Baden-Württemberg haben 400 von 2.650 Grund- und Hauptschulrektoren einen Appell zur Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems unterschrieben.

Gar nicht so verschieden?

Setzt sich langfristig also ein zweigliedriges Modell durch? Immerhin wollen auch Baden-Württemberg oder Niedersachsen die Kooperation zwischen Hauptschulen und Realschulen weiter ausbauen. In Niedersachsen, so rechnete Kultusminister Bernd Busemann erst im Juni vor, werden von 487 Hauptschulen im Land 306 bereits in verbundenen Systemen mit Realschulen und Grundschulen geführt. Scheint beinahe so, als wären die Fronten gar nicht so verhärtet, wie manch einer sie sehen will.

Kurzüberblick

In den fünf neuen Bundesländern gibt es keine Hauptschule, ebenso im Saarland und in Bremen. Hamburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein haben die Abschaffung beschlossen bzw. mit der Umsetzung begonnen. In Berlin startet im kommenden Jahr der Modellversuch "Gemeinschaftsschule".

Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart

  • "Zwei- oder dreigliedrig: Welcher ist der beste Weg für unsere Schüler?" am Freitag, den 22.02.2008, von 14.00 bis 15.30 Uhr auf dem forum bildung, Halle 1, Stand 1C51. Diskutieren werden Kultusminister bzw. Staatssekretäre aus vier Bundesländern, darunter Minister Helmut Rau und Siegfried Schneider aus Baden-Württemberg und Bayern.

Der Beitrag "Aus drei mach zwei" ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008

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