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Pro und contra PISA

Interview mit Prof. Prenzel und Prof. Hopmann

Mehr zu: Bildungsgerechtigkeit, Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Forschung, Interviews, PISA (Studie), Schule
16.01.2008 -

Jede neue PISA-Studie ruft Befürworter und Kritiker auf den Plan. Da geht es dann zum einen um grundsätzliche Erwägungen über Sinn und Zweck der Studie und zum anderen um ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen, die aus der internationalen Untersuchung gezogen werden. Wir sprachen mit Prof. Dr. Manfred Prenzel und mit Prof. Dr. Stefan Thomas Hopmann über die PISA-Studie, ihre Ergebnisse und mögliche Kritikpunkte. Prof. Dr. Prenzel ist Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) an der Universität Kiel und Leiter der deutschen PISA-Studien 2003 und 2006. Prof. Dr. Hopmann ist Schul- und Bildungsforscher an der Universität Wien und hat kürzlich das Buch "PISA zufolge PISA" herausgegeben.

"Wir brauchen weiter den internationalen Vergleich"

Interview mit dem Leiter der deutschen PISA-Studie Prof. Dr. Manfred Prenzel

Herr Professor Prenzel, die Teilnahme an den PISA-Studien soll ja letztendlich zu einer Verbesserung des Schulsystems führen. Tatsächlich aber scheint die Zerstrittenheit der Bildungsexperten mit jeder neuen Studie zu wachsen. Jedes Lager zieht andere Schlussfolgerungen. Welche Rolle kann PISA denn überhaupt für die Schulentwicklung eines Landes spielen?

Manfred Prenzel: Die PISA-Ergebnisse werden von den empirischen Bildungsforschern in Deutschland überhaupt nicht kontrovers diskutiert. Allerdings scheint es bildungspolitische Lager zu geben, die sich mit positiven Entwicklungen an deutschen Schulen nicht anfreunden können, weil sie sich nur von strukturellen Änderungen Verbesserungen versprechen. Tatsächlich zeigen ja die jüngsten Befunde, dass seit PISA 2000 einiges in Deutschland verbessert wurde und dass sich das Engagement von Lehrkräften in der Schul- und Unterrichtsentwicklung auszahlt.

Sie hatten die nationale Projektleitung für die PISA-Erhebungen 2003 und 2006 und haben den deutschen Schülern ein besseres Abschneiden bescheinigt. OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher hingegen erklärte, dass ein Vergleich zwischen 2003 und 2006 – zumindest in den Naturwissenschaften - nicht möglich sei. Eine Vergleichsstudie ohne Vergleichsmöglichkeit?

Manfred Prenzel: Es ist das erklärte Ziel von PISA, dass die Tests und Befunde der einzelnen Erhebungsrunden aufeinander bezogen werden können. Wenn es auf internationaler Ebene Probleme gab, die Tests von 2000, 2003 und 2006 solide miteinander zu verknüpfen, schließt das nicht aus, dass wir das auf nationaler Ebene zuverlässig leisten können. Selbstverständlich haben wir die Vergleichbarkeit für die Daten in Deutschland geprüft, bevor wir von Zuwächsen gesprochen haben. Dass die Jugendlichen in Deutschland während der letzten sechs Jahre ihre Naturwissenschaftsleistungen bei PISA deutlich steigern konnten, wird auch international niemand bestreiten.

Kritische Beobachter der PISA-Studie, wie etwa Prof. Hopmann von der Uni Wien, der übrigens etliche Jahre an Ihrem Institut gearbeitet hat, fordern eine andere Bildungsforschung, eine, die nicht die Schüler testet, sondern die Schulen untersucht. Testet PISA zu eingegrenzt?

Manfred Prenzel: Manchen ist PISA zu eng angelegt, anderen zu weit. PISA testet Stichproben von Schulen und von Schülerinnen und Schülern, um auf ökonomische Weise Entwicklungen auf der Ebene von Bildungssystemen zu erfassen. Das Ziel ist keine flächendeckende Schulevaluation. Dafür gibt es andere Verfahren, die in Deutschland zunehmend umgesetzt werden. Der entscheidende Punkt bleibt jedoch, dass auch bei einer Evaluation letztlich die Ergebnisse von Bildungsprozessen beurteilt werden müssen - und das geht nicht ohne Tests von Schülerinnen und Schülern.

Gegenwind bekommt PISA auch immer wieder aus einer anderen Richtung – von der Politik. Zuletzt hat Niedersachsens Bildungsminister Bernd Busemann (CDU) den Ausstieg aus PISA gefordert, weil ohnehin ein nationales Vergleichssystem im Aufbau sei. Ist eine solche nationale Studie für die einzelne Schule möglicherweise wirkungsvoller oder brauchen wir weiterhin den internationalen Vergleich?

Manfred Prenzel: Sicher brauchen wir weiter den internationalen Vergleich. Deutschland hatte sich zu lange von solchen Vergleichsmöglichkeiten abgekoppelt und die Illusion einer vorbildlichen Bildungslandschaft gepflegt. Das böse Erwachen nach TIMSS und PISA hat das Problembewusstsein geweckt und zu vielen Initiativen und Anstrengungen zur Verbesserung der Lage geführt. Dass wir noch mehr Qualität erreichen können, nämlich ein höheres, homogeneres Bildungsniveau und bessere Bildungschancen für alle, das führt uns ja wieder der jüngste Vergleich bei PISA 2006 vor Augen.

"PISA hat nicht viel mit der Wirklichkeit von Schule zu tun"

Interview mit dem Wiener Bildungsforscher Prof. Dr. Stefan Thomas Hopmann

Prof. Dr. Stefan Thomas Hopmann
Prof. Dr. Stefan Thomas Hopmann - Bild: privat

Herr Professor Hopmann, Sie sagen, PISA sei im besten Fall eine interessante Jugendstudie über die mehr oder weniger zufällige Verteilung eines sehr testspezifischen Wissens in den beteiligten Ländern. Andererseits hat PISA aber erhebliche Auswirkungen auf bildungspolitische Entscheidungen. Sind das Ihrer Meinung nach dann die falschen Entwicklungen?

Stefan Hopmann: Ja, und es gibt verschiedene Effekte. Der erste Effekt ist, dass eine Einengung der Qualitätsdebatte auf Schülerleistungen in einem sehr eingeschränkten Bereich stattfindet. Schulqualität ist aber viel mehr. Der zweite Effekt ist, dass PISA im klassischen Sinne die Produktion von Halbbildung misst, weil die Untersuchung ausschließlich darauf abzielt, einen bestimmten Typus, nämlich Testfähigkeit, zum Maßstab von Bildung zu machen. Das unterschätzt die Komplexität und Breite von Bildung katastrophal. Der dritte Effekt ist, dass es zu einer Marginalisierung der nicht berücksichtigten Erwartungen führt – also all dessen, was PISA und ähnliche Instrumente nicht erfassen. Und der vierte Effekt - und der ist aus meiner Sicht der entscheidende, weil ich mich hauptsächlich als Anwalt derjenigen verstehe, die keine Stimme haben – ist, dass es zu einer Marginalisierung all derjenigen Kinder und Jugendlichen führt, die aus kognitiven, sozialen, sprachlichen oder kulturellen Gründen nicht so ohne Weiteres in den Normalbetrieb von Schule passen.

Das hieße ja, die eigentlich angestrebte Bildungsgerechtigkeit würde dadurch noch weiter geschwächt?

Stefan Hopmann: Ja. Wenn Sie als Lehrer unter Druck geraten, weil die Leistungen Ihrer Schüler nicht gut genug sind, und Ihre Kräfte rational einsetzen, dann werden Sie diese dort einsetzen, wo Sie am ehesten Effekte erzielen. Und es ist nun einmal viel leichter, ein mittelgutes Kind auf einen etwas besseren Status zu schieben, als ein Kind mit erheblichen Problemen. Angenommen es gibt 100 Punkte, dann wird man ein Kind viel leichter von 50 auf 70 Punkte schieben können als ein Kind mit erheblichen Problemen von 13 auf 17 Punkte. Das heißt, weder auf die Spitzengruppe noch auf die untere Gruppe werden Sie sich konzentrieren, sondern auf das Mittelfeld. Meine amerikanischen Kollegen, die das seit 50 Jahren machen, kennen das längst und wissen, dass nach oben und nach unten hin ein Verdrängungsprozess stattfindet. Der Nachteil ist, dass man den einen nicht die Herausforderungen gibt, die sie brauchen und den anderen Herausforderungen gibt, die sie weiß Gott nicht gebraucht hätten. Das halte ich für den fatalsten Langfristeffekt, der eintreten kann, wenn so etwas wie PISA und Co. zum primären Maßstab von Schule und Bildung gemacht wird.

Was aber kann zum Maßstab gemacht werden – brauchen wir etwa gar keine Bildungsforschung und Bildungsstudien?

Stefan Hopmann: Wenn PISA nicht taugt, um eine Diagnose zu erstellen, heißt das nicht, dass der Patient nicht krank sei. Dass es im deutschen Schulsystem ernste, schwerwiegende Probleme gibt, kann kein Beobachter bestreiten. Die Kritik an PISA ist kein Versuch, die Kritik an Schule zum Verstummen zu bringen – ganz im Gegenteil, sondern sie ist der Versuch, sie auf tragfähige Beine zu stellen. Was wir brauchen, ist eine Forschung, die Kapazitäten, Umfeld und Probleme von Schulen genauer untersucht, eine Forschung also, die nicht einfach nur an Schülerleistungen ansetzt, sondern die Schule als eine soziale Organisation versteht, die situativ auf die jeweils gegebene Mischung von Problemen reagieren können muss. Dafür brauchen wir eine Forschung, die sich genau damit beschäftigt, warum es Schulen gibt, die es wider Erwarten sehr gut machen, und solche, die es wider Erwarten gar nicht hinbekommen. Es ist ganz entscheidend, zu erforschen, was Schulen auszeichnet, die tatsächlich Problemlösungskompetenzen haben.

Das klingt nach aufwendigen und teuren Untersuchungen.

Stefan Hopmann: Richtig. Vor allem bekommen Sie keine schönen Liga-Tabellen am Schluss und auch noch nicht einmal Musterlösungen, die Sie überall einsetzen können, sondern das ist ein geduldiger Prozess. Ein Nebeneffekt von PISA ist im Moment ja auch, dass fast alles Bildungsforschungsgeld in dieses Pferderennen gesteckt wird. Und die Forschung, die schulnäher, klassenraumnäher, handlungsnäher arbeiten will, bekommt immer schlechtere Bedingungen. Es verschwinden Professorate, es verschwinden Forschungsgelder. Man bekommt ja kaum noch einen Antrag durch, wenn man nicht 3000 Schüler durch mindestens 15 Tests jagt. Das kann man den PISA-Leuten nicht vorwerfen, aber das ist natürlich ein fataler Nebeneffekt. Wir brauchen ganz klar mehr Bildungsforschung, aber eine, die nicht nur einseitig versucht, einen kleinen Ausschnitt aus Schülerleistungen zu messen, sondern die versucht, die Leistung von Schule zu untersuchen. PISA ist ja nur ein Schülerleistungstest in dem Sinne, dass die Getesteten zum Zeitpunkt des Tests Schüler sind, ansonsten hat er ja nicht so furchtbar viel mit der Wirklichkeit von Schule zu tun.

Der Beitrag "Pro und contra PISA" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter

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