"Da sitzt einer drin, der zieht das Ei rein." Die Erklärung der kleinen Sarah zum Eiversuch in der "Kindertagesstätte der Hainhölzer Kirche" in Hannover ist zwar wissenschaftlich nicht ganz korrekt, sie ist aber auch nicht falsch. Es ist die kindliche und fantasievolle Sicht auf ein naturwissenschaftliches Phänomen.
Irmtraud Lohs betreut die Forscherwerkstatt in der niedersächsischen Kindertagesstätte. Bei dem Eiversuch geht es um das Phänomen Unterdruck. Auf eine geöffnete Flasche wird ein gekochtes Ei gelegt, die Luft in der Flasche wird über heißem Wasser erhitzt. Der so in der Flasche entstehende Unterdruck sorgt dafür, dass das Ei nach und nach in die Flasche gesogen wird. "Für die kleine Sarah ist der Unterdruck eben eine Person, so wird das Experiment für sie verständlich", erklärt Irmgard Lohs. Eine Beobachtung macht die Erzieherin immer wieder: Haben die Kinder einmal ein Experiment verstanden, können sie das Phänomen erklären, auch wenn sie diesen Versuch nach einem halben Jahr erst wiederholt.
Die Kita in Hannover ist eine von vielen Kindergärten in Deutschland, die in den letzten Jahren naturwissenschaftliche Bildung verstärkt in ihr Programm aufgenommen haben. Denn gefordert wird dies in allen Bildungs- und Orientierungsplänen für die Kindergärten. Bei der Umsetzung dieses anspruchsvollen Vorhabens bekommen die Einrichtungen Hilfestellung von etlichen engagierten Initiativen. Schließlich sind Erzieherinnen keine ausgebildeten Chemikerinnen oder Physikerinnen und auch in ihrer bisherigen Ausbildung wurde naturwissenschaftliche Didaktik eher klein geschrieben.
So unterstützt etwa das "Haus der kleinen Forscher" die Kindergärten. Das Angebot reicht von Fortbildungsveranstaltungen und Workshops über Lehr- und Arbeitsmaterialien für Erzieherinnen, dem Besuch von Naturwissenschaftlern in Kitas bis hin zu einem Paten-Netzwerk und einer Hotline für naturwissenschaftliche und didaktische Fragen. Getragen wird das Projekt von der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, der Siemens AG, der Dietmar Hopp Stiftung sowie der Unternehmensberatung McKinsey. Der Startschuss fiel 2006 in Berlin mit 50 Vorschuleinrichtungen mit mehr als 5.000 Kindern. Nach und nach sollen Einrichtungen im gesamten Bundesgebiet folgen.
Unter dem Motto "Früh übt sich …" kümmert sich auch die Deutsche Telekomstiftung um die naturwissenschaftliche Bildung des Nachwuchses. Mit dem Projekt "Natur-Wissen schaffen" hilft sie Erzieherinnen, mathematisches, naturwissenschaftliches und technisches Wissen im Kindergarten zu vermitteln. Dazu werden Handreichungen für die tägliche pädagogische Praxis entwickelt. Beteiligt sind bundesweit 20 Piloteinrichtungen. Das Projekt wird unter Leitung des renommierten Frühpädagogen Prof. Wassilios Fthenakis und in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen durchgeführt. Auch der Wettbewerb Forschkönige ist Teil des Projekts. Dafür sollten Kindertageseinrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet ihre Projekte und Konzepte einreichen. Von den rund 170 teilnehmenden Kitas wurden achtzehn prämiert – eine davon ist die "Kindertagesstätte der Hainhölzer Kirche" in Hannover.
Sechs Kinder bilden hier jeweils eine Forschergruppe. Diese Gruppen treffen sich drei Monate lang eine Stunde pro Tag im Forscherraum der Kita. Die Experimente sind klar strukturiert und entsprechen ganz dem Ablauf echter naturwissenschaftlicher Forschung: Zunächst wird gemeinsam die Aufgabe definiert, dann entwickeln Kinder und Erzieherinnen Hypothesen. Schließlich wird das Experiment durchgeführt, die Beobachtungen werden ausgetauscht und die Kinder suchen nach Antworten und Lösungsmöglichkeiten. Zum Schluss wird das gesamte Experiment dokumentiert. So können auch die Eltern an den Forschungsaktivitäten ihrer Kinder teilhaben. Versuchsanleitungen, Durchführungen und die Ergebnisse finden sie an der Pinnwand – durchaus eine Anregung für weiteres Experimentieren zu Hause. Und als Anregung für alle anderen Kindergärten soll das Buch mit den Praxisbeispielen der Gewinner-Kitas dienen. "Natur-Wissen schaffen - Band 1: Dokumentation des Forschkönige-Wettbewerbs" erscheint zur didacta 2008.
Interview mit Dr. Astrid Wendell
Als Mitarbeiterin am Projekt "Natur-Wissen schaffen" ist Dr. Astrid Wendell an der Entwicklung der Handreichungen für die Kindergärten beteiligt. Wir sprachen mit ihr darüber, wie Erzieherinnen und Kindergärten ganz konkret von dem Projekt profitieren können.
Frau Wendell, was kann man sich unter einer Handreichung für die naturwissenschaftliche Bildung im Kindergarten vorstellen?
Astrid Wendell: Die Handreichungen, die im Rahmen des Projektes Natur-Wissen schaffen der Deutsche Telekom Stiftung an der Universität Bremen unter der Leitung von Prof. Fthenakis entwickelt werden, haben das Ziel, die pädagogischen Fachkräfte bei der Umsetzung der Bildungspläne in der Praxis zu unterstützen. Kinder haben Spaß daran, ihre Umwelt zu erforschen und interessieren sich für die Phänomene, denen sie im Alltag ständig begegnen. Genau an diesen Alltagsphänomenen aus der Lebenswelt der Kinder setzt die Bildung im Bereich Naturwissenschaften an. Es gilt, das natürliche Interesse der Kinder aufzugreifen und zu vertiefen. In der Handreichung werden einerseits konkrete Inhalte beschrieben, die ausgehend von Alltagserfahrungen vertieft werden können, andererseits werden didaktische Konzepte zur Umsetzung wie die Arbeit in Projekten und konkrete Beispiele, die mit Praxiseinrichtungen im gesamten Bundesgebiet erarbeitet werden, gegeben. Insbesondere bei jüngeren Kindern steht eine ganzheitliche Herangehensweise im Vordergrund, sie lernen mit allen Sinnen und ihre Fragen und Interessen lassen sich in der Regel nicht einem einzelnen Themenbereich zuordnen. Sie lernen bereichsübergreifend. So werden neben der naturwissenschaftlichen Bildung auch andere Bildungsbereiche angesprochen wie Sprache, Kunst, Medien, Mathematik und Technik. Für die Bildungsbereiche Medien, Mathematik und Technik werden ebenfalls in unserem Projekt Handreichungen entwickelt.
Wie kann man den Erzieherinnen die Angst vor diesem Thema und ihre (mögliche) Unsicherheit nehmen?
Astrid Wendell: Entscheidend ist, dass die pädagogische Fachkraft sich als Lernpartnerin der Kinder versteht. Sie lässt sich auf einen Lernprozess mit den Kindern ein, wo auch sie manchmal "überfragt" ist und nicht immer eine passende Antwort parat hat. Es geht also gerade darum, die eigene Unsicherheit anzunehmen und sie dazu zu nutzen, sich gemeinsam mit den Kindern Wissen anzueignen, und dabei festzustellen, dass Lernen Freude macht und sich die Anstrengung lohnt. Wenn sie und die Kinder nicht weiterwissen, versuchen sie gemeinsam, an dieses Wissen heranzukommen, z. B. durch Bücher, das Internet, den Austausch mit Kollegen, Experten usw. Auf diese Art werden nicht nur Inhalte, sondern auch das Lernen selbst gelernt. Lernen wird also als ein sozialer, ko-konstruktiver Prozess verstanden, bei dem Kinder mit anderen Kindern und Erwachsenen Wissen aktiv konstruieren und dem Austausch und der Kommunikation untereinander somit eine besondere Bedeutung zukommt.
Wann können auch andere Kindergärten von diesem Projekt profitieren?
Astrid Wendell: Wenn die Entwicklungsphase der Handreichungen abgeschlossen ist, werden sie im Herbst 2008 als Bücher veröffentlicht, insofern besteht für jede Kita in Deutschland die Möglichkeit, diese zu erwerben. Diese Handreichungen helfen Erzieherinnen, naturwissenschaftliche, mathematische, technische und Medienbildung umzusetzen und kindliche Lern- und Entwicklungsprozesse durch Portfolios zu dokumentieren. Da den Handreichungen eine Analyse der Bildungspläne der Länder zugrunde liegt, können die Kindergärten bundesweit von den Veröffentlichungen des Projektes "Natur-Wissen schaffen" profitieren. Eine Publikation aus unserem Projekt gibt es bereits; die Dokumentation des Forschkönige Wettbewerbs. Anhand verschiedener Projektbeispiele und einer DVD wird aufgezeigt und beschrieben, wie sich schon viele Kitas auf den Weg gemacht haben und sehr erfolgreich naturwissenschaftliche, mathematische und technische Bildung in der Praxis umsetzen. Langfristig sind auch Fortbildungsveranstaltungen durch das Projekt für pädagogische Fachkräfte geplant.
"Natur – Wissen schaffen" im Kindergarten: Umsetzung naturwissenschaftlicher Inhalte am Beispiel eines Projektes zum Thema Luft. (KiGA-Seminarprogramm 2008) Dr. Astrid Wendell > 21.02., 10:30 – 12:30 Uh, C 1.2.1 und > 21.02., 14:30–16:30 Uhr, C 7.1.2
Naturwissen von Kindern (KiGA-Seminarprogramm 2008) Prof. Dr. Gerd E. Schäfer > 22.2., 14:00 – 15:15 Uhr, C 1.2.1
Sonderschau Montessori-Pädagogik: Bildung für die Zukunft Schwerpunkt: Naturwissenschaftliche Bildung in allen Altersstufen > 19. -23.2. , Halle 3
Schülerlabore - Mehrwert und Möglichkeiten außerschulischen Lernens > 21.02.2008, 09:30 - 12:30 Uhr, ICS, Raum C1.2.2
Der Beitrag "Eine Person mit Namen 'Unterdruck'" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter