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"Rankings, Strafen oder Geringschätzung helfen nicht weiter"

Prof. Dr. Thorsten Bohl über die Konsequenzen von Schulinspektionen

Mehr zu: Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Interviews, Ranking, Schulinspektion, Schulverwaltung, Schule
30.01.2008 -

Vergleichsarbeiten, PISA, IGLU und Co. und schließlich die Schulinspektion: In den letzten Jahren, so scheint es, wird Schule mikroskopisch genau untersucht. Das bringt für Schulen und Kollegien einerseits eine erhebliche Mehrarbeit und eine starke Belastung mit sich. Andererseits können die sich ergebenden Konsequenzen Schule besser werden lassen, nämlich so, dass das Arbeiten und Lernen für alle Beteiligten erfolgreicher, effektiver und zufriedenstellender wird. Über Chancen und Probleme von Tests und Evaluationen sprachen wir mit Prof. Dr. Thorsten Bohl von der Universität Tübingen, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Schul- und Unterrichtsforschung gehört.

Herr Professor Bohl, oft genug ist von Kritikern der Spruch zu hören "Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett". Etwa beim Schul-TÜV. Was kommt nach dem Wiegen, oder anders: Welche positiven Auswirkungen kann eine solche externe Prüfung für die Schule und die Verbesserung des Unterrichts haben?

Thorsten Bohl: Zunächst: Grundsätzlich ist es richtig, auch in Deutschland über systematische Maßnahmen des Qualitätsmanagements nachzudenken und diese zu etablieren. Bis vor einigen Jahren hat das in Deutschland noch kaum eine Rolle gespielt. Nun scheint es geradezu zu kippen: Auf unterschiedlichsten Ebenen werden Evaluationsverfahren mit unterschiedlicher Reichweite und Funktion durchgeführt. Wir haben mittlerweile nicht mehr das Problem, dass keine Daten vorliegen würden, sondern dass den Schulen zwischen den verschiedenen Erhebungen kaum noch Zeit zum Orientieren bleibt. Zudem ist die Qualität der Daten äußerst unterschiedlich – beispielsweise haben Lehrkräfte nur selten eine ausreichende testdiagnostische Qualifizierung, um Erhebungsverfahren zu entwickeln. Auch bei den großen internationalen Studien sind die statistischen Verfahren zum Teil strittig. Die Hoffnungen sind klar: Die Daten können dabei helfen, einen systematischen Überblick über Schule und Unterricht zu bekommen und daraus Entwicklungsziele abzuleiten, die letztlich zu einer besseren Schule führen.

Inspektionen werden nicht unbedingt willkommen geheißen. Wie kann man Schulen – also insbesondere die Lehrer, aber auch Eltern und Schüler vom Nutzen dieser Prozedur überzeugen?

Thorsten Bohl: Alle Beteiligten lernen durch positive Erfahrungen. Wenn sie merken, dass sie wertgeschätzt und ernst genommen werden und positive Konsequenzen entstehen. Die Datenerhebung selbst ist dabei nur ein Baustein. Selbst ein exzellentes Datenerhebungsdesign läuft ins Leere, wenn Vor- und Nachbereitung vernachlässigt werden. Dies scheint mir eine generelle Notwendigkeit in vielen Bundesländern: Insbesondere in der Frage der Nachbereitung geschieht zu wenig. Dazu ein Beispiel: Wie soll es einer Schule, die seit Jahrzehnten nur ansatzweise selbstbestimmtes Lernen realisiert – zum Beispiel über offenen Unterricht – gelingen, aus eigener Kraft ein fundiertes Angebot zu entwickeln? Je deutlicher die Evaluationsergebnisse auf Defizite im alltäglichen Unterrichtsbereich hinweisen, desto komplexer und schwieriger ist die Implementierung. Änderungen, die die alltägliche Unterrichtsorganisation nicht betreffen, sind hingegen leichter erreichbar. Thüringen etwa hat dies erkannt und den Kontext der Datenerhebung gestärkt.

Hinter all den Evaluationen muss doch ein Bild von der guten Schule existieren. Was zeichnet eigentlich eine gute Schule aus?

Thorsten Bohl: Es gibt seit den 90er Jahren zahlreiche Merkmalskataloge"guter" Schulen. Mit wenigen Worten könnte man sagen: Eine gute Schule ist eine Schule, in der sich die Schülerinnen und Schüler wohlfühlen, in der sie ein anspruchsvolles Lernangebot erhalten und dieses intensiv nutzen. Allerdings ist hier zu erwähnen, dass Lehrerinnen und Lehrer dringend neue Arbeitszeitmodelle benötigen. Die Arbeitszeitberechnung erfolgt fast in allen Bundesländern noch über Stundendeputate. Die gesamte Schulentwicklungsarbeit oder Beratungsarbeit wird damit weder erfasst, noch honoriert noch öffentlich sichtbar.

Es ist ja auch oft von interner Evaluation die Rede. Wie kann diese gelingen – brauchen Schulen hier nicht grundsätzlich die Hilfe von außen?

Thorsten Bohl: Die Schulen können einzelne Phasen selbst gestalten. Das komplette Verfahren selbst zu gestalten, erscheint mir wenig hilfreich. Bereits bei der Entwicklung der Erhebungsinstrumente, zum Beispiel Fragebögen, und der Analyse der Daten sollten sie nicht alleine gelassen werden.

Wenn bei einer Evaluation tatsächlich Mängel festgestellt werden, dann müssen sie auch repariert werden und das kostet höchstwahrscheinlich Geld. Oder, um zu unserer Anfangsfrage zurückzukommen: Nach dem Wiegen kommt doch das Füttern. Sehen Sie hier eine positive Entwicklung?

Thorsten Bohl: Noch nicht, aber ich bin optimistisch, dass hier noch gelernt wird. Nochmals: Die zentrale Frage ist für mich, in welcher Weise Schulen und Lehrkräfte systematisch dabei unterstützt werden, ihren alltäglichen Unterricht weiterzuentwickeln. Wie kann man einen Lehrer unterstützen, der offensichtlich seit Jahren ein schlechtes Lernangebot bietet, das zudem von den Schülerinnen und Schüler nicht genutzt wird? Rankings, Strafen oder Geringschätzung helfen nicht weiter.

Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart

  • "Lernen aus Evaluationsergebnissen - Verbesserungen planen und implementieren." Das von den Professoren Thorsten Bohl, Tübingen, und Hanna Kiper, Oldenburg, konzipierte zweitägige Symposion richtet sich an Mitglieder der Schulverwaltung, an Schulleitungen, Lehrkräfte und interessierte Studierende. Die zehn Vorträge renommierter Erziehungswissenschaftler und Schulpraktiker erläutern, wie aus Schulinspektionen und internen Evaluationen eine sinnvolle Schulentwicklung und Qualitätssicherung für den Unterricht wird. \> 20. und 21.2. 2008, jeweils 11-16 h, ICS C4.2 + 4.3

Der Beitrag "Rankings, Strafen oder Geringschätzung helfen nicht weiter" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter

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