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Sind Hausaufgaben überflüssig?

TU Dresden untersucht Strategien zum Wissenserwerb

Mehr zu: Deutschland, Ganztagsschule, Hausaufgaben, Vergütung, Zensuren, Zeugnis, Schule
31.01.2008 -

(bikl/idw) Seit gut 150 Jahren gibt es allgemeinbildende Schulen in Deutschland, und genauso lange existiert der Hauptfeind aller freien, unbeschwerten Nachmittagsvergnügungen: die Hausaufgaben. Erstaunlich dabei: es handelt sich offenbar mehr um ein pädagogisches Ritual als um eine im schulischen Sinn Erfolg versprechende Maßnahme. Zahlreiche Studien haben nämlich gezeigt, dass Hausaufgaben keinerlei nachweisbaren Einfluss auf die Schulnoten haben.

Professor Hans Gängler von der Fakultät Erziehungswissenschaften der TU Dresden erklärt das so: Gute Schüler werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser, und schlechte Schüler begreifen zuhause durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben. Ob man also die Mathe-Hausaufgaben direkt nach der Schule, nachts unter der Bettdecke oder überhaupt nicht macht: Der Effekt auf die Zeugniszensur ist derselbe, nämlich gleich null.

Doch weiterhin werden Hausaufgaben von Lehrern einfach "verschrieben" werden, in der Annahme, sie würden schon irgendeinen positiven Effekt auf die Schüler haben. Hans Gänglers Umfragen unter Lehrern in Ganztagsschulen haben erbracht, dass etwa ein Drittel der Befragten zugab, gar nicht einschätzen zu können, ob Hausaufgaben überhaupt irgendeinen Effekt auf die Schüler hätten. Viele Lehrer gaben frei heraus zu: "Bei drei Vierteln meiner Schüler bringen Hausaufgaben überhaupt nichts."

Nun hat die Einführung von Ganztagsangeboten bundesweit zu einer enormen Erhöhung der so genannten "Hausaufgabenbetreuung" geführt. Die Möglichkeit, sich gemeinsam mit anderen Schülern nach der Schule unter Aufsicht mit den Hausaufgaben zu befassen, ist bei weitem das häufigste Ganztagsangebot überhaupt: 70 Prozent aller sächsischen Ganztagsschüler nehmen mehrmals in der Woche an Hausaufgabenbetreuungen teil. Professor Gängler hat die Wirkung solcher Angebote untersucht, die Aussagen von Lehrern, Schülern und Eltern gesammelt. Sein Fazit: Hausaufgaben haben keinerlei Effekt in Hinblick auf die Schulleistung. In den Zensuren schlägt sich die nachmittägliche Quälerei nicht nieder. Entscheidend ist nicht die Hausaufgabe, sondern die qualifizierte pädagogische Betreuung.

Eine zusätzliche Problematik: Wenn die Hausaufgaben zuhause gemacht werden, haben Schüler aus einkommensschwachen Schichten einen klaren Nachteil. Gängler nennt dazu eine Zahl: Fast fünf Milliarden Euro werden in Deutschland jedes Jahr für Nachhilfestunden und Hausaufgabenbetreuung bezahlt. Da hilft eben die Ganztagsschule mit ihrem alternativen und natürlich kostenlosen Angebot - weswegen Hans Gängler dafür plädiert, Hausaufgabenbetreuung auch anzubieten, solange es eben noch Hausaufgaben gibt. Grundsätzlich jedoch wirbt der Forscher dafür, die Strategien zum Wissenserwerb direkt im Unterricht zu vermitteln und durch entsprechende, pädagogisch begleitete Übungs- und Förderangebote im Rahmen der Ganztagsangebote zu begleiten. Und dann könnten Hausaufgaben endlich der Vergangenheit angehören.

7 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von IDO, am 05.02.2008, 22:28

Ich habe große Probleme mit dieser Studie:

Ich selbst kann aus meiner Praxis als Grundschullehrer im Wesentlichen nur gegenteiliges berichten, es gibt definitiv einen Zusammenhang zwischen HA und Leistungsfähigkeit.

Außerdem sind doch einige Aussagen paradox:

Zunächst wird erwähnt, dass Hausaufgaben nichts bringen... später jedoch, dass

bestimmte Schüler aus einkommensschwachen Schichten benachteiligt würden.

Kann etwas ohne Wirkung dann Vor bzw. Nachteile

mit sich bringen? Nach Aussage der Studie müssten die einkommensstärkeren

Eltern dann doch völlig sinnlos die erwähnten 5 Mrd Euro verplempern.

Ich denke es ging hier vor allem darum, die Ganztagsschule als leuchtendes Beispiel zu präsentieren... aber das kann man vor dem Hintergrund der Praxis (z.B. Finanz- und Personalausstattung dort und vieles mehr) nicht wirklich nachvollziehen.

von Clemens Groß, am 06.02.2008, 09:34

Die Studie misst gar nicht den Erfolg von HA, sondern gibt einen Überblick über die subjektiven Meinungen zu diesem Thema (Vorsicht, hier werden Schlüsse gezogen, die sich aus dem untersuchten Material gar nicht ergeben).

Zum Thema:

Ich denke, man muss zunächst einmal die verschiedenen Funktionen, die Hausaufgaben erfüllen können unterscheiden:

1. Unterrichtsstoff vorbereiten

2. Unterrichtsstoff erarbeiten

3. Unterrichtsstoff festigen

Zu 1.: jede(r) Schülerin oder Schüler, die/der sich am Vortag 5 Minuten eigenständig mit dem Thema beschäftigt hat, erstellt individuelle Verknüpfungen, die zu einer positiveren und damit effektiveren Lernhaltung im Unterricht durch motivierendes Einbringen dieses Vorwissens führen. Der Effekt ist deutlich spürbar!

Zu 2.:Hier gebe ich der Studie völlig recht - wer es im Unterricht noch nicht verstanden hat, kommt in der Regel in den HA auch nicht weiter (außer bei speziellen Förderaufgaben).

Zu3.: Etwas im Unterricht nachvollzogen und analog angewendet zu haben und etwas wirklich durchdrungen zu haben sind zwei unterschiedliche Dinge. Häufig werden Schwierigkeiten erst in der Situation des Auf-sich-selbst-gestellt-seins der HA erkennbar. Hier ist es wichtig, den SuS einen sinnvollen Umgang mit den HA zu vermittlen. Es kommt nicht darauf an die HA vollständig richtig zu haben, sondern eher darauf Fragen bezüglich des Stoffes formulieren zu können.

Fazit: Ich gebe wenige, oft fakultative, in höheren Klassen verstärkt vorbereitende HA auf. Die HA sollten die SuS auf dem Weg zu einem eigenverantwortlichen Lernen unterstützen und sollten sich daher auch immer mehr von "bis morgen lest ihr..." Aufgaben entfernen.

von Mutter, am 09.02.2008, 19:22

Als Mutter habe ich festgestellt, dass Hausaufgaben dann sinnlos sind, wenn die Ergebnisse in der Schule nicht durchgesprochen werden und die Schüler deshalb nicht wissen, ob sie die Aufgaben überhaupt richtig gemacht haben. Werden Hausaufgaben zur Übung aufgegeben haben sie nur Sinn, wenn den Schülern z.B. in Mathematik auch Lösungen geboten werden, damit sie überprüfen können, ob sie auf dem richtigen Weg sind.

von Matthias, am 19.05.2008, 17:12

Ich denke, auch Schüler sollten sich hierzu äußern. Da ich einer bin tu ich das jetzt einfach mal... Ich besuche eine Ganztagsschule auf der ich Montags, Mittwochs und Donnerstags 9 Schulstunden meiner Zeit verbringe. Eine Stunde ist frei für das Mittagessen und entspannen. Dienstags und Freitags habe ich 5 Stunden. Aber genug zur Schule. Ich persönlich finde nicht, dass Hausaufgaben zur Verbesserung meiner Noten oder ähnlichem führen. Verstehe ich etwas in der Schule nicht, habe ich keine lust mich durch Fehlschläge bei den Hausaufgaben noch mehr zu verzweifeln. Setze ich mich dennoch hin frage ich meine Eltern die mir dann helfen, wenn sie den Stoff denn selber beherrschen. Im angesicht von Klassenarbeiten oder den TZAP, die ich nun glücklicherwiese hinter mir habe, lasse ich mir aber auch ohne Hausaufgaben von meinen Eltern helfen. Verstehe ich allerdings den Stoff in der Schule, so setze ich mich zuhause an meinen Schreibtisch und mache (meistens) meine hausaufgaben. Allerdings habe ich keinen Unterschied festgestellt an meiner Leistung, mache ich Hausaufgaben oder mache ich sie nicht. An der SOMI-Note ist dies vielleicht leicht zu merken, fällt aber nicht schwer ins Gewicht. Ich denke also, das Hausaufgaben gar nichts an der Leistung ändern, nur an der SOMI-Note oder den Kopfnoten.

von Bernd, am 03.11.2008, 22:37

Interessant, dass auch und gerade Lehrer beobachtete Leistungssteigerungen gern als Wirkung der Hausaufgabe betrachten, ohne mögliche andere Hitergründe zu erfragen. Beispielsweise kann eine erhöhte Leistungsbereitschaft sowohl zu besser erledigten Hausafgaben als auch zu verbesserter schulischer Mitarbeit führen. Grund für die Verbesserung ist dann die Leistungsbereitschaft, nicht die Hausaufgabe.

Wer es übrigens schafft, Aufgaben, die zu Haus erledigt werden können und sollen, sinnvoll aus dem Unterricht erwachsen zu lassen, wird oft feststellen dürfen, dass diese auch ohne Zwang erledigt werden. Wer den Zwang zur stupiden Abarbeitung einigermaßen kritisch betrachtet, wird ihre demotivierende Wirkung leicht erkennen. Auch in diesem Bereich ist nicht Pflicht und Gehorsam gefragt, sondern eine Entwicklung zu Eigenverantwortlichkeit und individuellem Fortschreiten im Lern- und vor allem Bildungsprozess.

von Tina, am 07.12.2010, 18:43

Also ich bin der Meinung, dass Hausaufgaben in gewisser Art und Weise schon sinnlos sind. Da ich selber noch Gymnasiumsschüler bin, spreche ich da aus Erfahrung. Die meisten Schüler haben keine Lust auf Hausaufgaben. Man quält sich eigentlich nur ab und versucht so schnell wie möglich fertig zu sein. Außerdem kommt noch hinzu, dass viele Lehrer viel zu viel Hausaufgaben aufgeben. Manchmal wird es soviel, dass man auch keine Zeit zum Lernen hat. Lernen ist meiner Meinung nach wichtiger, denn das richtige Lernen wirkt sich im Endeffekt auf die Noten aus. Dann kommt auch noch dazu, dass viele Lehrer auch noch Strafarbeiten aufgeben, wenn man die HAs vergisst. Es kommen also noch mehr dazu. Man hat nur wenig Freizeit und kann sich auch nicht mehr konzentrieren.

Also das war jetzt nur meine Meinung.

von Gunhild Simon, am 16.03.2011, 10:56

Hausaufgaben bringen alle Beteilgten in ein Dilemma.

Lehrer sehen sie als Veriefung des Lernstoffs an und erhoffen sich ein tieferes Durchdringen in der Abgeschiedenheit des häuslichen Arbeitsplatzes.Gleichzeitig kann man schriftliche Hausaufgaben nur kontrollieren durch zeitaufwendiges Einsammeln und Durchsehen.

Nur, die Ruhe ist bei vielen gerade nicht gegeben, und die häusliche Unterstützung und Aufsicht ist denkbar ungerecht verteilt. Aus dieser Sicht verschärfen Hausaufgaben den Unterschied zwischen den Schülern und geben eine schiefes Bild - auch für den Lehrer - ab.

Es wurde hier ein Unterschied zwischen HA und Lernen gemacht. Lernen. Lernen - also das 1x1, Formeln, Glossare, Vokabeln, das muss jeder irgendwie, sonst ist man bei Klassenarbeiten hilflos.

Bei Unterrichtsbeurteilungen wurde früher immer folgender Punkt abgehandelt: Ist die HA sinnvoll gestellt? Das heißt, ist sie nur eine Formalität, oder ergibt sie sich, schon in der Vorbereitung bedacht, aus dem Unterricht.

Als Grundschullehrerin habe ich das Bedürfnis nach HA bei den Kindern wahrgenommen. Damit verband sich auch der ebenso dringende Wunsch, sie zu zeigen, abgezeichnet zu sehen,vorzutragen. Also der Wunsch nach eigener Produktion und Anerkennung.

Bei Elternabenden war eines der Hauptanliegen der Eltern das Thema HA. Das ist das einzige elterliche Instrument, um Einsicht, Kommunikation, Kontrolle in und über schulisches Geschehen herzustellen und - aus Elternsicht - unproduktives Freizeitverhalten zu steuern und zu begrenzen.

Ich plädiere also für Hausaufgaben, allerdings in einem zeitlich und inhaltlich eng gesteckten Rahmen, also bewältigbar für den Produzenten, den Schüler, den möglchen Beaufsichtiger, Eltern, HA-Helfer und den Kontroller, den Lehrer. Denn unbeachtete Werke, unkorrigierte Fehler demotivieren und verwirren den Schüler. Sie verwehren dem Lehrer die Chance auf Rückschlüsse.

Gunhild Simon

www.blog1.institut1.de/


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