"Es besteht kein Anlass, die Berufsausbildung zu subventionieren"
Interview mit dem Bremer Berufsbildungsforscher Prof. Dr. Felix Rauner
Mehr zu: Ausbildungskosten, Berufsbildungsbericht, Berufsbildungsgesetz, Berufsschule, Deutschland, Duale Ausbildung, Interviews, Ökonomie, Berufliche Bildung(bikl) Entgegen vieler Vorurteile und den Angaben des Berufsbildungsberichtes 2006 – herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Kultusministerkonferenz (KMK) – ist die duale Berufsausbildung nicht die teuerste, sondern die mit Abstand kostengünstigste Form der Bildung. Zu diesem Schluss kommt Dr. Felix Rauner, Professor am Institut für Technik und Bildung an der Universität Bremen (ITB), in einer aktuellen Studie. Eine Untersuchung der Universität Bern war bereits zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Sie hatte ergeben, dass die Arbeitgeber im Jahr 2004 pro Lehrling einen "Gewinn" von mehr als 2700 Schweizer Franken erzielten. Auch Rauner belegt nun, dass mehr als die Hälfte der Betriebe rentabel ausbildet. Durchschnittlich ergab sich ein Nettoertrag von 600 Euro pro Auszubildendem pro Jahr. Wir wollten von Prof. Rauner wissen, wie es zu diesen unterschiedlicher Zahlen kommt und welche Konsequenzen aus seiner Untersuchung gezogen werden sollten.
Herr Prof. Rauner, Ausbildung lohnt sich, so die Quintessenz Ihrer Untersuchung. Warum unterscheiden sich diese Zahlen so sehr von den offiziellen Angaben des Bildungsberichts, wonach für einen Auszubildenden pro Jahr 8600 Euro Nettokosten entstehen?
Felix Rauner: Das besondere an unserer Studie ist, dass sie auf einem Selbstevaluationsinstrument basiert. Wir haben das Ganze so ausgelegt, dass die Betriebe online für sich die Antwort geben und auch die Ergebnisse auswerten. Das hat den großen Vorteil, dass die Betriebe – weil es ein Tool für sie selber ist – keine Veranlassung haben, Antworten zu geben, die sie für opportun halten, denn sie werden sich ja nicht selbst etwas vormachen. Bei den Befragungen zu Kosten und Nutzen der Ausbildung kann der Effekt eintreten, dass im Lichte der sozialpolitisch eingefärbten Diskussion über die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen die gefühlten Kosten überschätzt und der Nutzen unterbewertet wird. Dafür gibt es Anhaltspunkte. Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn ein Betrieb sagt: Die Ausbildungskosten sind zwar hoch, trotzdem engagiere ich mich für die berufliche Bildung, weil ich etwas Gutes für die Jugendlichen tun will. Wenn ein Unternehmen für sich Kosten und Nutzen untersucht, tritt dieser Effekt nicht auf
Und das erklärt die immensen Unterschiede? Immerhin spricht der Berufsbildungsbericht von mehr als 8000 Euro Kosten und Sie von einem 600 Euro Nettoertrag.
Felix Rauner: Zum einen ist die Aussage im Bildungsbericht 2006, dass in diesen Kosten noch nicht einmal die Ausbildungsvergütungen enthalten seien, nicht korrekt. Die Untersuchung, auf die sich dieser Text bezieht, ist vom Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB) durchgeführt worden. Dabei wurden selbstverständlich die Ausbildungsvergütungen bei der Ermittlung der Kosten berücksichtigt. Sie machen in dieser Untersuchung ungefähr 50 Prozent der Kosten aus. Es ist zu wünschen, dass die Diskussion über die Rentabilität der betrieblichen Berufsausbildung - wie in der Schweiz - etwas entspannter geführt wird. Selbstverständlich sollten Unternehmen nicht nur ein Interesse daran haben, ihre Berufsausbildung auf einem hohen Qualitätsniveau, sondern auch rentabel zu gestalten. Viele Betriebe haben uns bestätigt, dass sich unsere Untersuchungsergebnisse mit ihrer Einschätzung deckt, dass sich ihre Ausbildung kostendeckend gestalten lässt. Insofern gibt es einen Diskussionsbedarf zwischen denen, die solche Untersuchungen durchführen. Bei einer Konferenz des Internationalen Forschungsnetzwerkes "Innovative Apprenticeship(INAP) in Wien am 1. und 2. Februar 2008 wurde vereinbart, sich mit den Methodenfragen dieser Forschung intensiver auseinander zu setzen.
Das bedeutet konkret?
Felix Rauner: Eine der Schwierigkeiten besteht darin, die Ausbilderkosten richtig zu erfassen. Ein Beispiel: Ein großes Unternehmen, das an einer unserer Untersuchungen teilgenommen hat, verfügt über 21 hauptamtliche Ausbilder. Wenn Sie einfach nur danach fragen , wie hoch die Personalkosten für die 21 hauptamtlichen Ausbilder sind, und dabei nicht erfassen, wie hoch der Anteil ihrer produktiven Tätigkeit ist – in ihrer Funktion als Ausbilder(!), dann ergibt sich ein viel zu hoher Wert. In diesem Beispiel einer hervorragenden Ausbildung waren die Ausbilder zu 80% produktiv als Meister tätig. Das heißt, die Kosten reduzieren sich um 80%. Wenn Sie solche Effekte in einer Erhebung nicht berücksichtigen, kommen sie zu erheblichen Fehleinschätzungen. Haben denn die offiziellen Zahlen und deren Kommunikation auch etwas damit zu tun, dass noch immer zu wenige Lehrstellen angeboten werden?
Felix Rauner: Natürlich lassen sich die Unterschiede in den qualitativen Ausbildungsniveaus der Schweiz, Österreichs und Deutschlands nicht allein auf die Kommunikation der sehr unterschiedlichen Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Untersuchungen zurückführen. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die sehr großen Unterschiede in der Kosteneinschätzung im Laufe der letzten Jahre in der Schweiz und in Deutschland Auswirkungen auf das Ausbildungsklima hatten – eher positive in der Schweiz und negative in Deutschland. Die hohe Ausbildungsquote im Handwerk ist sicher auch Ausdruck der realistischen Einschätzung, dass sich Kosten und Nutzen der Ausbildung mindestens die Waage halten. Dies bestätigt übrigens eine breit angelegte Untersuchung zur Ausbildung im Kfz-Handwerk von 1998, die im Auftrage des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes durchgeführt wurde.
Eine wichtige Ursache für eine insgesamt zu niedrige Ausbildungsquote – trotz der konjunkturell bedingten Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt - liegt darin begründet, dass in hoch spezialisierten Betrieben - z. B. der Zulieferindustrie – die Geschäftsfelder nicht ausreichen, um für einen modernen breitbandigen Beruf auszubilden. Auf solche Berufe sind aber flexible Arbeitsmärkte und sich dynamisch entwickelnde Betriebe angewiesen. Darauf zielen bereits zahlreiche Initiativen des Bundes und der Länder, mit denen die Ausbildungszusammenarbeit zwischen Betrieben unterstützt wird: Betriebe mit komplementären Geschäftsfeldern tun sich vor Ort zusammen und unterstützen sich wechselseitig bei der Ausbildung.
Dies hat die Schweiz in ihrem Berufsbildungsgesetz als eine gleichwertige Form der Ausbildung neben der einzelbetrieblichen ausdrücklich hervorgehoben. Im deutschen Berufsbildungsgesetz von 2005 wird auf diese Form der Ausbildung ebenfalls hingewiesen. Aber wir sind von der Implementation dieser Ausbildungskooperationen noch ein ganzes Stück entfernt. Das, was man in der Ökonomie seit etwa 20 Jahren beobachten kann, die Vernetzung der Unternehmen, z. B. das Bilden von Anbietergemeinschaften - diese Tradition der Vernetzung muss Bestandteil der dualen Berufsausbildung werden, da das einzelbetriebliche Ausbildungspotenzial begrenzt ist. Selbst große Unternehmen haben durch die geringe Fertigungstiefe – etwa in der Montageindustrie oder der Zulieferindustrie – zunehmend ein Problem, vollständig für breitbandige Berufe ausbilden zu können.
Spricht dies dann nicht eher gegen die duale Ausbildung und für eine breitbandige Ausbildung außerhalb der Betriebe?
Felix Rauner: Die Expertiseforschung hat dazu eindeutige Befunde vorgelegt: Das Herzstück einer hochwertigen betrieblichen Berufsausbildung sind herausfordernde betriebliche Arbeitsprozesse. Deswegen sollte man Lernorte außerhalb des Arbeitsprozesses soweit es geht zurückzunehmen. Dagegen kommt der Berufsschule die sehr wichtige Funktion zu, die berufliche Arbeitserfahrung zu reflektieren, zu systematisieren und in der Form von beruflichem Fachwissen zu verallgemeinern.
Welche Schlussfolgerungen sollten denn nun aus Ihrer Untersuchung gezogen werden?
Felix Rauner: Der Staat sollte sich mit Subventionen für die duale Ausbildung zurückhalten und Parallelstrukturen zur dualen Berufsbildung z. B. bei Bildungsträgern nicht stützen. Es besteht kein Anlass, die Ausbildung zu subventionieren, wie die Kosten-Nutzen-Untersuchungen zeigen. Es besteht das Risiko, dass mit Subventionen Fehlentwicklungen gefördert werden. Betriebe, deren Ausbildung hohe Kosten verursacht, bedürfen der Beratung, wie sie zugleich ihre Ausbildungsqualität und die Ausbildungsrentabilität erhöhen können. Interessanterweise zeigt unsere Untersuchung, dass eine höhere Ausbildungsqualität in der Regel auch rentabler ist. Dies ist daher ein interessanter Reformansatz, der nur Gewinner kennt.
QEK-Studie für das Land Bremen, welches eine Rentabilität der Ausbildung ausweist, scheint zweifelhaft.
Offensichtlich sind Kosten besonders bei Kleinstunternehmen ausgeblendet, bzw. sind offenbar gar nicht erfasst.
Bei den Kostenarten auf Seite 30 der Studie fehlen meiner Meinung nach unter anderem: Kosten des Ausbildungsplatzes, wie zusätzliche Computer, Büroeinrichtung usw. Software, wie zusätzliche Softwarelizenzen für Netzwerk, Fachsoftware, Bürosoftware und deren Updatekosten
Besonders auffällig ist, dass die Bürokratiekosten völlig außen vorgelassen worden sind. Laut dem Institut für Mittelstandsforschung in Bonn fallen für Kleinstunternehmen (1-9 Mitarbeiter) jährlich je Mitarbeiter ca. 4262 Euro an. Bei Unternehmen zwischen 100 und 499 Mitarbeiter sind es ca. 930 Euro/Mitarbeiter/Jahr und bei Großunternehmen mit 500 Mitarbeiter nur ca. 290 Mitarbeiter.
Alleine diese wenigen Punkte zeigen, das die Rentabilitätsberechnung der QEK-Studie anzuzweifeln ist. Da alleine die Bürokratiekosten der Kleinstunternehmen gegenüber den Großunternehmen ca. 14fach größer sind, hätte eine entsprechende Einberechnung erfolgen müssen. Dies ist leider nicht erfolgt, so dass die Ergebnisse offenbar an den Realitäten vorbeigehen.
Weitere Punkte habe ich aus Zeitmangel aus der Sicht der Kleinstunternehmen noch nicht weiter untersuchen können.
Das bedeutet: Die QEK-Studie müsste entsprechend überarbeitet werden, damit deren Aussagen für Entscheider relevant werden können.
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