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"Als ob man körperliche Analphabeten entlassen würde"

Interview mit der Sport- und Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Renate Zimmer

Mehr zu: Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Gesundheit, Interviews, KITA, Orientierungspläne, Sport, Sprachentwicklung, Sprachförderung, Schule
08.02.2008 -

Kinder brauchen Bewegung, denn Bewegung ist wichtig für ihre gesamte Entwicklung. Schließlich ist "begreifen" ein Synonym für "lernen". Kinder eignen sich die Welt durch Greifen, Tasten aber auch durch Krabbeln, Gehen, Rennen oder Klettern an. Aber Kinder haben immer weniger Bewegungsräume. Der Straßenverkehr macht das Spielen außerhalb geschützter Räume beinahe unmöglich und die reichhaltigen Medienangebote machen Kinder zu Stubenhockern. Durchschnittlich neun Stunden verbringen Grundschüler täglich sitzend – davon einen nicht unerheblichen Teil in der Schule. Dabei könnten gerade Bildungsinstitutionen wie Kindergarten und Schule den Bewegungsdrang der Kinder fördern und fürs Lernen nutzen, meint die Osnabrücker Sport- und Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Renate Zimmer, die erst kürzlich für ihr Engagement zur Förderung von Bildung und Gesundheit durch Bewegung in Kindergärten und Schulen mit dem Bundesverdienstorden geehrt wurde.

Frau Professor Zimmer, Sie haben immer wieder auf die Bedeutung der Bewegung für das Lernen hingewiesen. "Toben macht schlau" heißt eines ihrer Bücher. Alle Bundesländer haben in den letzten Jahren Bildungs- bzw. Orientierungspläne für den Kindergarten verabschiedet. An vielen haben Sie mitgearbeitet. Welchen Stellenwert haben da Sport und Bewegung?

Renate Zimmer: In allen Bildungsplänen ist der Bereich Bewegung verankert. Und der Stellenwert ist – gemessen an den anderen Bildungsbereichen – zum Teil sehr hoch. In NRW etwa gibt es vier Bildungsbereiche, davon ist einer Bewegung - das zeugt schon von einem sehr hohen Stellenwert. Allerdings muss ich dazu sagen, dass der Querschnittcharakter nicht deutlich genug herausgestellt wird. Die Tatsache nämlich, dass der Körper und die Bewegung Basis des Lernens sind. Im naturwissenschaftlichen Bereich etwa steht die sinnliche Erfahrung im Vordergrund oder bei der Entwicklung der Sprache gehen von Bewegung viele Sprachanlässe aus, die die Sprachentwicklung unterstützen. Hier gibt es ebenso wie auch bei der praktischen Umsetzung der Bildungspläne noch Nachholbedarf.

Die Kindergärten scheinen also auf dem richtigen Weg zu sein. Wie sieht es mit der nächsten Institution aus, mit der Schule?

Renate Zimmer: Auch in der Schule hat sich etwas getan, leider nur punktuell. Nach wie vor wird Schule von Stühlen und Tischen geprägt, ist Frontalunterricht eher angesagt als Gruppenunterricht. Die Schule fühlt sich mehr dem Geist verpflichtet und weniger dem Körper. Der Körper wird quasi als Gegenspieler des Lernens aufgefasst. Man muss ihm wohl seine Rechte geben, weil er sich sonst störend meldet, aber er wird nicht als Mittler des Lernens begriffen. Schulanfänger bringen ja eine ungeheure Neugierde und Lernbereitschaft mit. Sie sind sehr positiv der Schule gegenüber eingestellt. Gleichzeitig haben sie auch ein hohes Bewegungsbedürfnis. Es ist falsch, das gegeneinander auszuspielen. Man muss den Körper zum Verbündeten machen und die Bereitschaft des Kindes nutzen, mit dem Körper zu lernen. Ich sehe allerdings momentan eher gegenläufige Tendenzen. Schüler müssen sich schneller mehr Stoff aneignen, da sind körperliche Bedürfnisse eher störend. Das Lernen würde aber tatsächlich besser funktionieren, wenn die Körperlichkeit der Schülerinnen und Schüler mehr berücksichtigt würde. Alle Sinne einzusetzen heißt, dass der Stoff nicht nur besser verstanden wird, sondern, dass er auch besser im Gedächtnis verankert wird.

Aber kann man nicht auch die Lehrer verstehen, die sich nach mehr Ruhe sehnen? Für sie sind 25 oder mehr Kinder in einer Klasse, die auf ihren Stühlen kippeln oder beim Einmaleins lernen herumlaufen, sicher keine Idealvorstellung.

Renate Zimmer: Es geht nicht darum, jeden Unterricht bewegt zu gestalten, sondern das richtige Maß zu wählen. Kinder sollten sich im Klassenraum bewegen dürfen, sie müssen aber auch lernen, dass es Phasen der Ruhe und der Konzentration geben muss – für beides sollte der Unterricht Gelegenheiten bieten. Lehrerinnen und Lehrer können Bewegungspausen in den Unterricht einbauen, die vielleicht drei oder vier Minuten dauern. Sie können aber auch bewegtes Lernen praktizieren, indem Kinder etwas tun, was im Sinne des Lernstoffes ist. Ein Beispiel: Wenn im Unterricht die Präpositionen behandelt werden, kann man das durchaus in ein Bewegungsspiel mit Stühlen einbinden: also "auf dem Stuhl", "hinter dem Stuhl", "zwischen zwei Stühlen" – man kann eine Geschichte erzählen oder ein kleines Reaktionsspiel durchführen. So wird zum einen der Sinn der Präpositionen gelernt, gleichzeitig prägt sich der Lernstoff durch das wiederholte Üben besser ein und schließlich macht den Kindern solches Lernen Spaß. Bewegtes Lernen funktioniert übrigens auch zu Hause. Man kann etwa Vokabeln, Geschichtszahlen oder ein Gedicht beim Seilspringen üben.

Bewegung gehört ja zur Schule – zumindest im Sportunterricht. Doch der bekommt nicht unbedingt die besten Noten. Und schließlich klagen Eltern selten, wenn Sportstunden ausfallen, wohl aber über fehlenden Mathematikunterricht.

Renate Zimmer: Das stimmt. Außerdem wird in keinem Fach so häufig fachfremder Unterricht erteilt. Viele denken: "Ein bisschen Völkerballspielen, das kriegt man ja wohl noch hin". Aber gerade im Sportunterricht besteht die Gefahr, dass Schüler unter- oder überfordert werden. Es gibt viele Kinder, die schwache Leistungen zeigen, aber es gibt auch Kinder mit starken Leistungen. Sportunterricht muss höchst differenziert ausgeführt werden und das kann nur, wer das Fach auch studiert und die entsprechenden Kompetenzen erworben hat.

Haben wir denn zu wenige ausgebildete Sportlehrer?

Renate Zimmer: Nein, daran liegt es überhaupt nicht, sondern es wird bei der Stellenbesetzung eher auf die Hauptfächer geachtet. Und gerade in der Grundschule, wo der Sportunterricht eine ganz entscheidende Rolle spielen müsste, wird einfach gesagt: "Na, dann übernimmt diese Kollegin das Fach Sport auch". Es gibt Schulen ohne einen einzigen ausgebildeten Sportlehrer.

Für etliche Fächer hat die Kultusministerkonferenz in den vergangenen Jahren Bildungsstandards entwickelt. Könnten Bildungsstandards möglicherweise das Fach Sport stärken?

Renate Zimmer: Bildungsstandards für das Fach Sport sind schwierig, weil die Voraussetzungen bei den Kindern so unterschiedlich sind. Dennoch finde ich es sinnvoll, Bildungsstandards aufzustellen, damit man einmal sieht, wie einfach die Forderungen sind: Jedes Kind sollte spätestens in der vierten Klasse schwimmen, sein Alter in Minuten laufen und mit einem Ball auf vielfältige Weise umgehen können. Wenn man dagegen sieht, wie viele Kinder nicht schwimmen können, wie viele nicht einen Ball aus einer bestimmten Entfernung auffangen können, dann ist das so, als ob man körperliche Analphabeten entlassen würde.

Hintergrund: Sport und Bewegung in Kita und Schule

Sie heißen "Bewegungskindergarten" oder "bewegter Kindergarten" - in den einzelnen Bundesländern gibt es bereits etliche Initiativen und Projekte, die bewegungspädagogische Konzepte in den Kindergärten umsetzen wollen. Vor gut vier Jahren hat außerdem die Deutsche Olympische Gesellschaft das Projekt "Kinder bewegen" gestartet, an dem derzeit bundesweit 26 Modellkindergärten teilnehmen. Schirmherrin ist Olympiasiegerin Rosi Mittermaier-Neureuther.

Die SPRINT Studie (Sportunterricht in Deutschland) des Deutschen Sportbundes zum Schulsport hatte vor zwei Jahren aufgedeckt, dass jede vierte Sportstunde in den weiterführenden Schulen ausfällt und in den Grundschulen die Hälfte der Lehrer keine Sportausbildung hat. Und schließlich, so der Leiter der Studie, Prof. Dr. Wolf-Dieter Brettschneider von der Universität Paderborn, könne man vor allem dem Schwimmunterricht in Deutschland kaum noch die Note ausreichend erteilen. Das sei besonders besorgniserregend, weil im vergangenen Jahr so viele Kinder und Jugendliche ertrunken seien wie noch nie seit 1945.

In den gemeinsam erarbeiteten Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung des Schulsports haben dann der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Kultusministerkonferenz (KMK) im November 2007 unter anderem empfohlen, die Idee der "bewegungsfreudigen Schule" weiter zu verbreiten und Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote als zentrale Bestandteile der Gesundheitsförderung zu entwickeln. Sportunterricht sei ein unverzichtbarer Bestandteil schulischer Bildung und Erziehung. Für die Primarstufe sei die tägliche Sportstunde wünschenswert und in den Sekundarstufen allgemein bildender Schulformen sollten drei Unterrichtswochenstunden die Regel sein.

Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart

  • Prof. Dr. Renate Zimmer referiert auf den KIGA-Seminaren über "Entwicklungsförderung durch Wahrnehmung und Bewegung für Kinder unter drei Jahren." > Dienstag, 19.02., 12.15-14 Uhr, Internationales Congresscenter C 1.2.1 und über "Sprache in Bewegung – ganzheitliche Zugänge zur frühkindlichen Sprachförderung" > Mittwoch, 20.2., 12-13 Uhr, Internationales Congresscenter, C 7.2/ 7.3

  • Bildung persönlich: Handball-Bundestrainer Heiner Brand im Gespräch mit Carola Pfeiffer (WDR) >Donnerstag, 21.02. 16:45 Uhr Forum didacta aktuell, Halle 5, Stand G12

  • ´Komm mit in das gesunde Boot` - Das Aktionsprogramm der Landesstiftung Baden-Württemberg. Podiumsdiskussion mit PD Dr. med. Thomas Böhler (MDK Baden-Württemberg), Dr. Peter Grimm (Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Sektion Baden-Württemberg), Gabriele Hagmeyer (Fachkraft aus dem Bereich Ernährung), Dr. Ilka Seidel (Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen, Universität Karlsruhe) Moderation: Carola Pfeiffer (WDR-Fernsehen). > Samstag, 23.02.2008, 11:00 Uhr Forum didacta aktuell, Halle 5, Stand G12

Der Beitrag ""Als ob man körperliche Analphabeten entlassen würde"" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Silke Rische http://www.risches.de, am 12.01.2011, 07:01

In den letzten 20 Jahren hat die Hirnforschung mehr Erkenntnisse erbracht als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass Bewegung einen positiven Einfluss auf die Gehirntätigkeit hat. Wer sich bewegt, hat mehr vom Leben! Mens sana in corpere sano - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.

Bewegung …

… baut Energie im Körper auf

… bringt Sauerstoff ins Gehirn

… steigert die Leistungsfähigkeit

… hebt die Stimmung

… macht Spaß

… vertieft passend zum Thema die Lerninhalte

… fördert die Motivation

Dies alles ist bewiesen, belegt und bekannt. Doch: Warum ist die Wirklichkeit in den meisten Klassenzimmern und Seminarräumen nicht danach gestaltet? Warum wird in Schulen und auch in der Erwachsenenbildung so wenig darüber nachgedacht, wie Lernen und Bewegung im Unterricht umgesetzt werden können?

Auf der einen Seite Gehirn und Geist, auf der anderen Seite Körper und Seele - das gehört zusammen und darf auch beim Lernen nicht getrennt werden.

Wenn wir zurückblicken auf unsere eigene Lern-Biographie, dann erinnern wir uns daran, dass Lernen nicht viel mit Bewegung zu tun hatte, sondern mit „ruhig sitzen bleiben“. Die Ruhigstellung erfolgte spätestens in der Grundschule. Stillsitzen zum Zwecke des Lernens, hieß die Devise. Und das Stillsitzen und Zuhören verfolgte uns dann die ganze Schullaufbahn, an der Uni, in der Ausbildung, bei der beruflichen Weiterbildung …. Klappte es mit dem Lernen im Sitzen nicht, blieb man einfach auch weiterhin sitzen. Deshalb heißt es wahrscheinlich auch „sitzen bleiben“, oder?

Später im Job nimmt man dann an Sitzungen teil, sitzt Probleme aus oder lässt sitzend in verdunkelten Räumen PowerPoint Präsentationen über sich ergehen. "PowerPoint ist betreutes Lesen" (M. Pöhm) - das trifft es wohl auf den Punkt. Doch Betreuung reicht, wie ich finde, nicht aus.

Lernstoff nur im Sitzen zu vermitteln bzw. aufzunehmen - daran hat sich seit meiner eigenen Schulzeit viel zu wenig verändert. Ich frage mich: Was kommt da beim Lernenden überhaupt an? Wieviel wird behalten? Warum werden die Möglichkeiten zur Verbesserung der Behaltensleistung nicht ausgeschöpft

Beim Lernen von Erwachsenen wurde der Bewegungsaspekt lange ignoriert. Doch auch bei Erwachsenen sind Lernen und Bewegung eng miteinander verbunden. Aktuelle Ergebnisse aus Gehirn- und Lernforschung beleben, dass das Gehirn leichter, besser und nachhaltiger lernt, wenn Bewegung ins Spiel kommt. Das muss nicht die große Sportaktivität oder das Outdoor-Event der Erlebnispädagogik sein. Einfach mal aufstehen, den Platz oder den Raum wechseln, Gruppen bilden, Energieaufbaktivitäten anbieten, BrainGym-Übungen einbauen u.v.m. ... das alles ist Bewegung, die das Denken anregt und die Stimmung positiv beeinflusst.

Wer lebenslang lernt, muss sein Wissen ständig erweitern und aktualisieren, um zum Beispiel im Beruf auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei tritt effizientes Lernen in den Vordergrund. Frontalunterricht kann es nicht schaffen, die Lernleistung zu verbessern. Mit Bewegung und dem Einsetzen möglichst vieler Sinne ist es möglich, Lernleistungen zu steigern. Meiner Meinung nach kann nur das handlungs- und erlebnisoriente Lernen Zukunft haben. Der Lehrer wird zum Lernbegleiter und -berater, der im Unterricht die besten Rahmenbedingungen schafft, um den Lernprozess seiner Schüler und Kursteilnehmer zu erleichtern.

Ich wünsche mir, dass SITZungen viel öfter zu GEHungen werden und

dass wir unsere Lernzeit nicht abSITZen müssen,

sondern Möglichkeiten haben und nutzen, damit es mit unserer Bildung voranGEHT!

www.risches.de


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