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Auf dem Weg zur gesunden Schule

Mit Ernährungsführerschein und Standards für Schulkantinen

Mehr zu: Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Ernährung, Gesundheit, KITA, Schulgesetz, Schulträger, Schulverpflegung, Sonderschulen, Sport, Schule
14.02.2008 -

Richtige Ernährung kann man lernen. Gegenwärtig aber, so scheint es, haben deutsche Schüler auch auf diesem Gebiet erheblichen Nachholbedarf: Immerhin sind rund 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen in Deutschland übergewichtig, das sind fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche. Die Schule ist also gefordert – zumal sie nicht nur für theoretisches Wissen sorgt. Mehr und mehr ist sie auch für die Ernährung selbst zuständig – in den Schulkantinen der Ganztagsschulen.

Doch beim Mittagstisch wird nicht unbedingt in erster Linie auf ausgewogene und gesunde Ernährung gesetzt – entscheidend sind oft die Kosten. Standards über Angebot und Zusammensetzung des Schulessens gab es bis vor kurzem nicht. Das hat sich inzwischen geändert. Im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bundesweite Qualitätsstandards für die Schulverpflegung entwickelt. Veröffentlicht wurden die Standards im September vergangenen Jahres, und wie groß dieses Interesse an diesem Thema ist, belegt die Nachfrage: Knapp 20.000 Exemplare der Broschüre sind bereits bestellt.

"Sie werden zum Beispiel von vielen Schulträgern als Ausschreibungsgrundlage für Caterer genutzt", erklärt Dr. Elke Liesen von der DGE. Auch Schulen, die bereits ein Ganztagsangebot haben, interessieren sich für die Standards, ebenso Ministerien, die diese Informationen an die Schulen weitergeben wollen. Die Qualitätsstandards beziehen sich nicht nur auf die Lebensmittel, sondern erfassen alle Bereiche der Schulverpflegung, dazu zählen auch Hygiene, Service, Kommunikation oder Atmosphäre.

Im Schulgesetz verankern

Verpflichtend sind sie allerdings nicht. Eine solche Verpflichtung hat aber der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) eingefordert. In seinem Positionspapier vom September 2007 forderte er die bundesweite Umsetzung der Qualitätsstandards der DGE. Die Bundesländer, so der Verband, müssten gesunde Schulverpflegung verpflichtend im Schulgesetz verankern. Außerdem forderten die Verbraucherschützer die Berücksichtigung der Ernährungs- und Verbraucherbildung in den Lehrplänen aller Schulstufen.

So selbstverständlich wie der Fahrradführerschein

Ein Argument, dem Elke Liesen sich nur anschließen kann: "Es reicht nicht, gesundheitsförderliches Essen in der Schule anzubieten, sondern man muss das Thema tatsächlich in den Unterricht transportieren." Genau dafür sorgt ein weiteres Projekt: der aid-Ernährungsführerschein. Gedacht für die dritten Grundschulklassen soll er im Idealfall bald so selbstverständlich sein wie der Fahrradführerschein. Beim Ernährungsführerschein geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung des theoretischen Ernährungswissens - das habe man in den letzten Jahren wenig erfolgreich probiert, erklärt Projektleiterin Dr. Barbara Kaiser vom aid infodienst, sondern darum, den Kindern praktische Kompetenzen zu vermitteln, die sie dann auch im Alltag umsetzen können.

"Die Kinder erfahren, wie Lebensmittel aussehen, wie sie schmecken aber auch wie sie zubereitet werden. Wie sieht es etwa im Inneren einer Paprika aus wie, schält man eine Möhre, wie wird der Apfel entkernt?" Am Ende der sechs bis sieben Unterrichtseinheiten des Ernährungsführerscheins sollen die Kinder dann in der Lage sein, sich mehrere einfache Gerichte selber zuzubereiten.

Alle Fächer beteiligen

Weil sich beim Ernährungsführerschein fächerübergreifend arbeiten lässt, kann er auch recht unproblematisch in den Lehrplan integriert werden. "Es ist also nicht nur der Sachkundeunterricht gefragt, sondern ebenso der Deutschunterricht, wenn es ums Lesen und Verstehen von Rezepten geht oder der Mathematikunterricht, wenn die Mengen berechnet oder gewogen werden müssen", erklärt Barbara Kaiser.

Bereits bevor die Unterrichtsmaterialien für den Ernährungsführerschein fertig waren, gab es schon mehr als 1000 Vorbestellungen, und gut zwei Monate nach der Veröffentlichung ist die Erstauflage von 3000 Stück nahezu vergriffen. Auch Lehrer aus weiterführenden Schulen oder aus Sonderschulen fragen mittlerweile nach entsprechenden Materialien für ihre Schüler.

Wenn das Schulessen zu teuer ist

Gesunde Ernährung in der Schule zu lernen und zu praktizieren, das bietet sich bei den Ganztagsschulen geradezu an. Doch nicht alle Kinder können davon profitieren. So melden viele Eltern ihre Kinder deswegen vom Schulessen ab, weil sie es nicht bezahlen können. Mit einem etwas unpopulären Vorschlag meldete sich deswegen der Paderborner Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Helmut Heseker im vergangenen Jahr zu Wort.: "Mir wäre es lieber, wenn man das Kindergeld kürzen würde und mit diesem Geld stattdessen die Schulverpflegung finanzieren würde." In den USA werde das Schulessen von einem Viertel der Schüler komplett und einem weiteren Viertel teilweise vom Staat finanziert - dafür gebe es dort kein Kindergeld, so der Wissenschaftler.

Wie dramatisch die Lage ist, machte auch das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) der Universität Bonn im vergangenen Jahr in einer umfangreichen Studie deutlich. Das Arbeitslosengeld (ALG) II, so die Wissenschaftler, reiche nicht aus, um Kinder und Jugendliche ausgewogen zu ernähren. Demnach veranschlagt der Gesetzgeber für Nahrung und Getränke bei 14- bis 18-Jährigen lediglich 3,42 Euro pro Tag. Ein Betrag, der Eltern kaum Spielraum für das Essen in der Schulkantine lässt.

Kostenlos essen in finnischen Schulen

Andere Länder sind übrigens in Sachen Schulverpflegung deutlich weiter. So gelten in Schottland, Großbritannien und Frankreich verbindliche Standards für die Schulverpflegung, die zur Einhaltung von Nährwertempfehlungen verpflichten. Und in Schweden und Finnland steht für alle Kinder das Essen in der Schule kostenlos zur Verfügung.

Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart

  • "Richtige Ernährung und Bewegung in Schule und Kita" heißt die Sonderschau des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft mit einem umfangreichen Informations- und Aktionsprogramm. >19.- 23.02., Halle 9

  • Kinder - Ernährung & Bewegung: Das Aktionsprogramm der Landesstiftung Baden-Württemberg "Komm mit in das gesunde Boot" Podiumsdiskussion: Dr. med. Thomas Böhler, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Baden-Württemberg; Dr. Peter Grimm, Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Sektion Baden-Württemberg; Gabriele Hagmeyer, Fachkraft aus dem Bereich Ernährung; Dr. Ilka Seidel, Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen, Universität Karlsruhe Moderation: Tilman Achtnich, SWR >23.02.2008, 11:00 - 11:45 Uhr, Forum didacta aktuell Halle 5, Stand G12

Der Beitrag ""Auf dem Weg zur gesunden Schule"" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter

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