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Privatschulen auf dem Vormarsch

Etwa 50 neue Privatschulen pro Jahr

Mehr zu: ADHS, Deutschland, Europa, Privatschulen, Schulgeld, Unterrichtsgestaltung, Vergütung, Schule
13.02.2008 -

(hei) Privatschulen in Deutschland boomen: Laut Statistischem Bundesamt gibt es inzwischen knapp 2 800 Privatschulen, an denen rund 640 000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Damit hat sich der Anteil der Privatschulen an den allgemein bildenden Schulen auf 7,5 Prozent erhöht. Bildungsexperten führen den Boom auf das negative Image der öffentlichen Schulen zurück, das durch PISA noch verstärkt wurde.

Immer mehr Eltern entscheiden sich für eine Privatschule, weil sie sich für ihre Kinder eine konfessionelle Schule oder alternative Unterrichtskonzepte wünschen. So entstehen ungefähr 50 neue Privatschulen pro Jahr. Privatschulen müssen nicht unbedingt Eliteschulen sein, deshalb sprechen viele lieber von öffentlichen Schulen in freier Trägerschaft. Und tatsächlich sind die meisten Privatschulen in kirchlicher Trägerschaft, darauf folgen die Waldorf-Schulen, ein geringer Teil wird von Privatpersonen oder Vereinen getragen. Insgesamt liegt der Anteil der Privatschüler in Deutschland allerdings immer noch weit unter dem Niveau der europäischen Nachbarländer: In Frankreich geht knapp ein Fünftel der Schüler auf eine Schule in freier Trägerschaft, in den Niederlanden sind es sogar rund 70 Prozent.

Vielfalt der Motive

Schlecht ausgestattete Klassenzimmer, lustlose oder frustrierte Lehrer, Prügeleien auf dem Schulhof versus individuellere Förderung, andere Unterrichtsformen, gutes Schulklima – die Gründe für den Wechsel auf eine private Schule sind vielfältig. Die öffentlichen Schulen leiden – verstärkt seit den PISA-Studien – unter einem negativen Image. Dabei sind grundsätzlich nicht alle öffentlichen Schulen schlecht und nicht alle Privatschulen gut. Hier wie dort gibt es positive wie negative Beispiele, die Schlagzeilen machen. Doch haben private Schulen in der Regel günstigere Schul- und Sozialbedingungen, da sie sich ihre Lehrer und Schüler selbst aussuchen können. Und die Privatschulen stehen in einem stärkeren Wettbewerb als die öffentlichen Schulen und arbeiten darum kontinuierlich an ihrem Profil und Angebot. Das hat oft seinen Preis: im Durchschnitt 150 Euro monatlich. Die Schwankungen allerdings sind erheblich: Zwischen null und einigen hundert Euro kann das Schulgeld an privaten Schulen betragen, teilweise abhängig vom Einkommen der Eltern.

Privatschulen mit spezieller Ausrichtung

Neben den Privatschulen in kirchlicher Trägerschaft gibt es auch private Schulen mit einer besonderen Ausrichtung. So hat 2007 in Esslingen (Baden-Württemberg) das bundesweit erste private Gymnasium für hochbegabte Kinder und Jugendliche mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) eröffnet. Träger sind das Kindertherapeutische Zentrum und die Elterninitiative Eule. Die bislang 24 Schüler werden von Psychologen und Lehrern in drei Klassen unterrichtet. Der Bildungsplan orientiert sich an dem der staatlichen Gymnasien, so dass die Kinder die Schule auch mit dem Abitur abschließen können.

Ein anderes Ziel verfolgen beispielsweise die Bil-Privatschule in Bad Canstatt oder die Sema-Privatschule in Mannheim, bei denen der Integrationsgedanke im Vordergrund steht. An staatlichen Schulen schneiden Kinder mit Migrationshintergrund oft schlechter ab als ihre deutschen Mitschüler, nur 10 Prozent der Kinder mit türkischem Pass schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Daher haben deutsch-türkische Eltern Privatgymnasien gegründet. Zwar haben im Moment noch 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, doch das Ziel ist eine "soziale und ethnische Durchmischung". An der Sema gibt es weder islamischen Religions- noch türkischen Sprachunterricht, denn beides steht in Baden-Württemberg nicht auf dem Lehrplan. An beiden Schulen geht Deutsch vor, denn sie wollen nicht zur Abgrenzung beitragen, sondern die Integration fördern, indem sie die Bildungschancen der Kinder verbessern. Weitere Schulen dieser Art gibt es in Köln, Hannover und Eringerfeld/Paderborn.

Neugründung: Swiss International School

Wieder andere Ziele verfolgt die neue Swiss International School, die ab Sommer 2008 in Fellbach nahe Stuttgart ihre Türen öffnen wird. Die Privatschule ist ein gemeinsames Projekt der Schweizer Kalaidos Bildungsgruppe und der Ernst Klett AG. Es handelt sich um eine zweisprachige Ganztagsschule mit verschiedenen Elementen: einem vorgeschalteten Kindergarten, einer Grundschule und einem Gymnasium, das sowohl das deutsche als auch das internationale Abitur ermöglichen wird. Zielgruppe sind sowohl ausländische als auch binationale und deutsche Familien.

Der Unterricht findet zu jeweils 50 Prozent in Deutsch und Englisch statt. Angestrebt wird ein Nebeneinander verschiedener Unterrichtsformen, um die Bedürfnisse verschiedener Lerntypen zu berücksichtigen: Unterricht im Klassenverband, Mehrklassenunterricht, Arbeitsgruppen, Freiarbeit, Praktika, Exkursionen und Projektwochen. "Unsere Schülerinnen und Schüler sollen sich an der SiS zu Weltbürgern entwickeln und sich zugleich auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld engagieren. Daher wird an der SiS konsequent zweisprachig unterrichtet und Wert auf Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Respekt, Eigenverantwortlichkeit und Verbindlichkeit gelegt", erklärt Anette Krieger, die Projektleiterin für die Fellbacher Privatschule, das Konzept.

Kompakt

Der Boom der Privatschulen ist ungebrochen. Eltern versprechen sich eine individuellere Förderung ihrer Kinder, motivierte Lehrer und ein besseres Schulklima – und damit auch bessere Berufschancen. Die Unterschiede bei privaten Schulen, was die inhaltliche Konzeption, den Erfolg und auch den Elternbeitrag angeht, schwanken jedoch erheblich. Motivierte und engagierte Lehrer sowie andere Unterrichtskonzepte sollen Absolventen von Privatschulen bessere Berufschancen gewährleisten.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

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