"Es gibt keinen Grund, das bewährte dreigliedrige Schulsystem aufzugeben"
Interview mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther H. Oettinger
Mehr zu: Baden-Württemberg, Berufsakademie, Berufsschule, Bildungsmessen, Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Einschulung, Europa, Fachhochschule, Frühkindliche Bildung, Hauptschule, Orientierungspläne, Schulgesetz, Schulstart, Studierendenzahlen, Weiterbildung, SonderthemenDie größte Bildungsmesse im europäischen Raum findet in diesem Jahr in Stuttgart statt. Sie eröffnet heute ihre Pforten. An den fünf Messetagen werden bis einschließlich Samstag rund 80.000 Besucher erwartet. Wir haben den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Günther H. Oettinger, nach seinen bildungspolitischen Zielsetzungen gefragt. Günther Oettinger ist Schirmherr des Weiterbildungs-Innovationspreises (WIP), der am 21. Februar auf der didacta verliehen wird
Herr Ministerpräsident, das Land Baden-Württemberg plant viel, um Kinder möglichst früh zu fördern: etwa in diesem Jahr die ersten Bildungshäuser für Drei- bis Zehnjährige und ab 2008 Sprachtests für Kindergartenkinder. Andere Bundesländer bieten auch das letzte Kindergartenjahr kostenfrei an, damit möglichst alle Kinder in den Genuss dieser Bildungsinstitution kommen. Gibt es dazu entsprechende Überlegungen in Ihrem Bundesland?
Günther H. Oettinger: Die frühkindliche Bildung ist mir ein besonderes Anliegen. Je früher man Kindern eine optimale Förderung zugute kommen lässt, um so besser sind ihre Chancen auf dem weiteren Bildungsweg. Es ist deshalb unser Anliegen, dafür zu werben, dass möglichst alle Kinder im Jahr vor der Einschulung einen Kindergarten besuchen. In Baden-Württemberg gibt es einige Städte und Gemeinden, die den gesamten Kindergartenbesuch oder das letzte Kindergartenjahr kostenlos anbieten. Ich finde diese Beispiele ermutigend und würde mich freuen, wenn sie möglichst viele Nachahmer finden würden. Zum Thema Bildung und Betreuung stehe ich in einem ständigen Dialog mit den Kommunalen Landesverbänden, hierbei spielt auch das Thema kostenloses letztes Kindergartenjahr eine Rolle. Die Landesregierung hält an ihrem Ziel fest, möglichst allen Kindern durch den Besuch des Kindergartens einen guten Start in der Schule zu ermöglichen. Mit dem Orientierungsplan für Bildung und Erziehung und mit dem Projekt "Schulreifes Kind" wurden bereits wichtige Schritte in diese Richtung getan, weitere werden folgen.
In zehn von sechzehn Bundesländern ist die Abschaffung der Hauptschule beschlossene Sache. Baden-Württemberg hingegen hält an dem dreigliedrigen System fest und will sogar die Hauptschulen mit jährlich 26 Millionen Euro stärken. Rund 400 Hauptschulrektoren aus Ihrem Bundesland aber fordern ebenfalls den Abschied von dieser Schulform. Das lässt Sie nicht an dieser Entscheidung zweifeln?
Günther H. Oettinger: Es gibt keinen Grund, das bewährte dreigliedrige Schulsystem aufzugeben, das sich immer als leistungsfähig bewährt hat. Bei nationalen ujnd internationalen Vergleichsstudien wie IGLU und PISA haben baden-württembergische Schüler sehr gute Ergebnisse erzielt. Baden-Württemberg will den Schulen die Möglichkeit geben, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Wichtig ist dabei eine stärkere Kooperation zwischen Haupt- und Realschulen. Nach dem Schulgesetz sind Kooperationen in Schulverbünden bereits möglich und werden an rund 60 Standorten praktiziert. Sie bieten neben einer unkomplizierten Zusammenarbeit zwischen den Schularten zahlreiche Möglichkeiten, die Qualität des schulischen und außerschulischen Angebots zu verbessern. Der Ausbau solcher Schulverbünde und neue Kooperationen sind gut vorstellbar.
Baden-Württemberg kann mit exzellenten Hochschulen aufwarten. Die Anzahl der Studienanfänger an den Universitäten allerdings geht zurück. Mangelt es etwa an guter Lehre oder sind die Studiengebühren schuld an dieser Entwicklung?
Günther H. Oettinger: Meines Erachtens sind beide Schlussfolgerungen falsch. Vielmehr haben wir gerade in Baden-Württemberg ein hohes Interesse von Studienbewerbern an praxisorientierten und wirtschaftsnahen Studiengängen, die schnell in den Beruf führen. Bei unseren Fachhochschulen und Berufsakademien, die ja auch Studiengebühren erheben, sind die Anfängerzahlen deutlich gestiegen – beim Erfolgsmodell "Berufsakademie" um 15 Prozent auf knapp 8.000 Studienanfänger, bei den Fachhochschulen um 7,5 Prozent auf über 13.000 Studienanfänger. Damit ist klar: Studiengebühren sind nicht kausal für die Entwicklung der Studierendenzahlen. Ich weiß aber auch, dass die Universitäten des Landes andererseits in der Tat rund 5,7 Prozent weniger Studienanfänger hatten. Diese Entwicklung müssen wir sorgfältig analysieren. Im Übrigen unterstreicht der sensationelle Erfolg der baden-württembergischen Universitäten im Rahmen der Exzellenzinitiative die hervorragende Arbeit, die dort in allen Bereichen geleistet wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir die dadurch entstandene Aufbruchstimmung an den Universitäten des Landes auch mit Blick auf die Steigerung der Zahl der Studienanfänger in den kommenden Jahren nutzen können und werden.
Gerade ist der erste Bildungsbericht für Baden-Württemberg vorgestellt worden, der unter anderem die Leistungen der beruflichen Schulen hervorhebt, weil viele Schüler hier zusätzliche Abschlüsse bis hin zu Hochschulreife erlangen. Warum übernimmt die Berufsschule Aufgaben, die eigentlich zum Auftrag der allgemein bildenden Schulen gehören?
Günther H. Oettinger: Es ist keineswegs so, dass die beruflichen Schulen eine Aufgabe übernehmen, die eigentlich Sache der allgemein bildenden Schulen wäre. Die beruflichen Schulen sind eine wichtige und unverzichtbare Ergänzung zum Angebot der allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg. Ein Drittel aller Abiturienten in Baden-Württemberg erwirbt inzwischen den Schulabschluss auf einem beruflichen Gymnasium. Sie kommen auf diese Schulart in der Regel über den mittleren Bildungsabschluss der Realschule. "Kein Abschluss ohne Anschluss", das ist die Maxime der beruflichen Bildung. Das berufliche Schulwesen in Baden-Württemberg steht für Modernität, Praxisbezug und Anschlussfähigkeit und ist für unser Bundesland längst zum Aushängeschild geworden.
Rund 11 Prozent der Bürger in Baden-Württemberger haben im Jahr 2006 an einer Lehrveranstaltung zur beruflichen oder allgemeinen Weiterbildung teilgenommen, so die Zahlen des Statistischen Landesamtes. Ein Ergebnis, mit dem Sie wahrscheinlich nicht zufrieden sind. Was kann die Politik tun, um Arbeitnehmer und Arbeitgeber von der Bedeutung des Lebenslangen Lernens zu überzeugen?
Günther H. Oettinger: Es ist zunächst darauf hinzuweisen, dass statistische Aussagen im Bereich der Weiterbildung sehr stark von den verwendeten Zielgruppen abhängig sind. Die Einbeziehung von Personen in einem noch nicht weiterbildungsrelevanten Alter, beispielsweise unter 15 Jahren, führen beim Mikrozensus zu vergleichsweise niedrigen Teilnahmequoten, wie die unbefriedigend niedrige Quote von 11 Prozent für Baden-Württemberg. Die in regelmäßigen Abständen durchgeführten Untersuchungen im Rahmen des Berichtssystems Weiterbildung von TNS-Infratest im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ergeben auf Grundlage der 19 bis 64-jährigen Erwerbstätigen allerdings deutlich höhere Teilnahmequoten, insbesondere für Baden-Württemberg. Es ist natürlich die gemeinsame Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, in die Weiterbildung zu investieren, um Innovationskräfte zu entfalten und jedem die Möglichkeit zu geben, mit dem rasanten technologischen Wandel Schritt zu halten, damit die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands dauerhaft gesichert wird. Baden-Württemberg verfügt über ein breites Weiterbildungsnetz, das die Bürgerinnen und Bürger für die allgemeine wie auch berufliche Weiterbildung nutzen. Durch gezielte Maßnahmen wie beispielsweise der Erhöhung der Landesförderung im Bereich der allgemeinen Weiterbildung soll das Interesse und das Angebot weiter gesteigert werden.
Ich bin ganz dieser Meinung. Das dreigliedrige Schulsystem hat keineswegs versagt, wie viele behaupten. Im Gegenteil, es ermöglicht es, die Schüler je nach Begabung unterschiedlich zu fördern.
Allerdings sehe ich im Projekt "Ganztagesschulen" noch einige Lücken. Die Grundidee, Eltern zu entlasten und Schüler, die in einem schwierigen familiären Umfeld aufwachsen, aus ebendiesem herauszuholen, ist grundsätzlich nicht schlecht. Aber NUR noch Ganztagesschulen anzubieten, ist ganz klar falsch, denn in den meisten Familien gibt es keine großen Probleme, sodass die Kinder ruhig nachmittags nach Hause gehen, dort Hausaufgaben machen, Musikunterricht nehmen und in Vereinen Sport treiben können.
Ich sehe keinen triftigen Grund, irgendetwas an unserem Schulsystem zu ändern. Das Einzige, was ich sinnvoll finde, wäre, wenn man das deutsche Schulsystem mehr vereinheitlichen würde. Als Vorbild sollte man Bayern oder Baden-Württemberg nehmen.
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