(jg). Jungen haben schlechtere Zensuren als Mädchen, fallen im Unterricht häufiger negativ auf, halten sich nicht an Regeln und geben sich besonders cool, um dem anderen Geschlecht zu imponieren. Wenn sie unter sich bleiben, geht es oft stressfreier zu. Geschlechtertrennung wird immer wieder diskutiert, aber selten praktiziert. An einigen Schulen gibt es darum inzwischen feste Gruppen nur für Jungen.
Ömer steht in der Küche und bereitet das Mittagessen zu. Der 15-Jährige kocht in seiner Schule für die Männer-AG. Jeden Freitag treffen sich Elvis, Patrick, Kaan, Nouri, Ömer und Serkan nach dem Unterricht in der Hauptschule Im Fössefeld in Hannover-Limmer für zwei Stunden zum Essen, Spielen, Erzählen. Während Ömer in der Küche den Kochlöffel schwingt und aufpasst, dass das Nudelwasser nicht überkocht, vertreiben sich die anderen am Computer und am Billardtisch die Zeit bis zum Essen. Patrick und Serkan schauen sich am Computer einige Rapper an, die ihre selbstaufgenommenen Videos ins Internet gestellt haben. Einen von ihnen kennen sie persönlich.
In seinem Stück "Ich bin ein echter Gangster" wird diese ständig wiederkehrende Liedzeile durch Beispiele ergänzt, was einen echten Gangster ausmacht: "Ich habe eine Fünf in Mathe, ich habe mal gewichst." Patrick und Serkan lachen. Dann sehen sie sich auf einer anderen Seite Ausschnitte aus dem Champions-League-Spiel Fenerbahce Istanbul gegen ZSKA Moskau an. Durch ein 3:1 hat Fenerbahce erstmals das Achtelfinale des wichtigsten europäischen Fußballvereinswettbewerbs erreicht – die Jungen bestaunen die Tore am Bildschirm und hören die sich überschlagende Stimme des türkischen Fernsehmoderators.
"Die meisten Jugendlichen in unserer Gruppe haben Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Sie wachsen in einem Umfeld auf, in dem es für Jungen oft nicht üblich ist zu kochen. Hier in unserer Gruppe ist das kein Problem, keiner lehnt Küchenarbeit ab", sagt der Sozialarbeiter Hasan Yilmaz, der die Männer-AG zusammen mit dem Schulsozialarbeiter Christian Kerber betreut. Männer-AG – diese Bezeichnung wurde für die 14- und 15-jährigen Schüler laut Yilmaz bewusst - gewählt: "Wir wollen deutlich machen, dass zum Mannsein nicht äußerliche Dinge wie zum Beispiel Machogehabe gehören, sondern dass es um Teamfähigkeit geht und man Verantwortung für die Gruppe übernimmt."
Elvis geht in die siebte Klasse und ist seit zwei Jahren dabei. Zuvor war er in einer Judo-AG – jeder Schüler der Hauptschule Im Fössefeld muss an einer Arbeitsgemeinschaft teilnehmen. "Judo fand ich blöd, und ich habe nur Scheiße gebaut. Hier fühle ich mich wohl. Wir treiben viel Sport und es nerven keine Mädchen, mit denen oder wegen denen es sonst oft Streit gibt. Hier in der AG gibt es keinen Streit." Das sieht Schulsozialarbeiter Kerber etwas anders. "Einige kriegen sich ab und zu in die Haare, da muss man schon aufpassen."
Seit einigen Jahren bietet Kerber eine Gruppe nur für Schüler an. Kochen, Sport, Computer, Spielen, Musizieren – das ist das normale Programm, das durch Ausflüge etwa in den Harz, den Besuch eines Bundesligaspiels von Hannover 96 oder das gemeinsame Schwimmen gehen ergänzt wird. – Highlights, von denen die Jungen noch lange schwärmen. Die wöchentlichen Treffen schaffen Vertrauen, auf dem Kerber aufbaut. "Wer etwas auf dem Herzen hat, der spricht das nicht in der Gruppe an, sondern fragt mich eher beiläufig mit Formulierungen wie ´Wie könnte man das regeln?`" Es geht oft um Probleme mit Lehrern oder Schwierigkeiten zu Hause. Über Gefühle gerade gegenüber Mädchen wird nicht gesprochen. "Das sind kleine Machos, die wollen lieber cool bleiben."
Kerber weiß, dass hinter dem harten Kern oft Unsicherheit und Überforderung stecken. Elvis ist der Älteste von sechs Geschwistern und muss für seine aus dem Kosovo stammende Familie oft übersetzen und wichtige Dinge regeln, von denen gleichaltrige Deutsche in der Regel keine Ahnung haben. "Manchmal fühle ich mich müde, manchmal habe ich eine Scheißlaune", berichtet er, ohne genau zu wissen, weshalb er sich schnell aufregt. Er freut sich über jede Stunde in der Schule, denn zu Hause kommt er erst abends wieder rein. Andere sind den ganzen Vormittag ohne Frühstück im Unterricht und warten sehnlichst auf das selbst zubereitete Mittagessen – nicht nur wegen des Hungers. "Es macht Spaß, mit so vielen an einem Tisch zu sitzen. Zu Hause essen wir nicht so oft mit der ganzen Familie", sagt Serkan. Ohne die AG wäre der Freitagnachmittag langweilig, denn die Schwester und der Vater arbeiten und Fußballtraining ist erst wieder nächste Woche. Er deckt den Tisch, hilft beim Abräumen und später beim Abwasch, obwohl Kerber seinen Jungs für das Aufräumen der Küche frei gegeben hat. "Ich liebe diese Schule, es ist geil hier. Fast mit allen Lehrern kann man gut reden", sagt Serkan. Für ihn, den Klassensprecher, ist Sport das verbindende Element in der Jungengruppe, wobei man sich auch dabei die Meinung sagt: "Ömer hat neulich nur Schwachsinn geredet und das ganze Spiel kaputt gemacht. Wir haben ihm Bescheid gesagt, dass das so nicht geht."
Christian Kerber gibt keine Themen vor, sondern reagiert auf das, was er erlebt. So wie vor einer Woche, als ein schwarzer Schüler vorbeiging und einige aus der Gruppe anfingen, "Zehn kleine Negerlein" zu singen und dazu lachten. Für Kerber ist klar: Beleidigungen und körperliche Gewalt sind tabu. "Viele von ihnen werden selber als Kanake angesprochen. Sie suchen sich dann noch Schwächere. Das geht nicht und das haben die Schulleitung und ich ihnen klargemacht. Man darf solchen Konflikten nicht aus dem Weg gehen, sondern muss kräftig streiten." Das ist manchmal anstrengend: Grenzen werden immer mal wieder ausgetestet und Regeln bewusst verletzt, um zu sehen, wer das Sagen hat und wer in der Hierarchie der Gruppe ganz oben steht. "Dann schmeiße ich auch mal wen aus der Gruppe raus. Jeder weiß, dass er wiederkommen kann, das ist wichtig", sagt Kerber. Er sieht sich nicht als "Problemonkel", der alles bis zum I-Punkt diskutieren muss, sondern weiß, dass Nouri, Kaan, Patrick, Ömer, Serkan oder Elvis von alleine zu ihm kommen, wenn ihnen etwas unter den Nägeln brennt. Immer ein offenes Ohr und Auge haben, deutlich seine Meinung sagen und sich vor allem Zeit nehmen – Kerber ist überzeugt, dass er auch ohne spektakuläre AG-Inhalte so seinen Jungs am besten helfen kann. Zufrieden ist er, wenn alles gut läuft. Kaan fragt beim Essen in die Runde: "Können wir uns nächsten Freitag treffen, obwohl es Ferien gibt und nach der sechsten Stunde eigentlich Schluss ist?" Alle stimmen zu. Kerber lächelt.
Jungen sind unruhig, trotzig und aggressiv und stören häufiger als Mädchen den Schulunterricht. So genannte "Männer-AGs" wie an der Hauptschule Im Fössefeld in Hannover-Limmer, in denen Jungen unter sich sind, können Probleme auffangen und lösen. Hier geht es nicht um Machogehabe, sondern um die Entwicklung von Teamfähigkeit und Verantwortungsgefühl.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst