Siegfried Schneider: "Wir brauchen eine gute Ausstattung mit Büchern"
Interview mit dem bayerischen Kultusminister
Mehr zu: Bayern, didacta - die Bildungsmesse, Fachoberschule, G8, Ganztagsschule, Gymnasium, Hauptschule, Hausaufgaben, Interviews, Schulbuch, Sport, Unterrichtsmaterial, Schule(bikl) Gemeinsam mit Peter Maffay hat der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider in der vergangenen Woche auf der didacta 2008 in Stuttgart eine neue Bildungsinitiative zur Werteerziehung und –vermittlung gestartet: "Alle Achtung - Glücklicher leben lernen mit Tabaluga". bildungsklick.de hat den Minister am Rande der Veranstaltung zu einigen aktuellen bildungspolitischen Themen befragt.
Herr Schneider, Ihr baden-württembergischer Kollege, Kultusminister Helmut Rau hat auf der Messe angekündigt, dass man nun in Baden-Württemberg die Haupt- und Realschulen langsam zusammenlegen wird. Es ist damit das elfte Bundesland, in dem es auf längere Sicht keine Hauptschule mehr geben wird. Wird Bayern das zwölfte sein?
Siegfried Schneider: Soweit ich die Presseerklärung vom Kollegen Rau gelesen habe, denkt er nicht daran, die Hauptschule aufzulösen und er denkt auch nicht daran, die Hauptschule und die Realschule zusammenzulegen, sondern er möchte die Kooperation in der fünften und sechsten Jahrgangsstufe intensivieren. Wir haben ein föderales System und deshalb kann auch jedes Land seinen Weg gehen. Ich gehe in Bayern den Weg, dass wir die Hauptschule zu einer Ganztagsschule ausbauen, überall da, wo ein Antrag gestellt wird. Und dass wir die Inhalte modularisieren, das heißt, viel stärker darauf achten, was der einzelne Schüler schon kann und ihn möglichst weit zu bringen mit dem Ziel, dass jeder der die Hauptschule verlässt, diese auch mit der Ausbildungsreife verlässt. Und da sind wieder die beiden Pole: nämlich mit den notwendigen Grundkompetenzen in Lesen, Rechnen, Schreiben, aber auch mit der Sozialkompetenz, mit der Ich-Stärke, damit die Schulabgänger erfolgreich einen Beruf lernen können. Unser Weg ist, die Durchlässigkeit auszubauen und vor allem den Grundsatz zu verwirklichen, dass es keinen Abschluss ohne weitere Anschlussmöglichkeiten gibt: Mit der Möglichkeit, dass ich mit einem Meisterbrief in der Tasche auch studieren kann, dass ich in der Hauptschule die Mittlere Reife machen kann, auch auf die Fachoberschule gehen kann, dort meinen Abschluss machen kann. Das ist unsere Konzeption, die wir in den nächsten Jahren umsetzen werden.
Schulbuchverlage spielen auf dieser Messe, der didacta, eine große Rolle. Sie haben in Bayern das Büchergeld wieder abgeschafft. Springen jetzt Staat und Kommune in die Bresche, oder werden wir irgendwann wieder die Situation haben, dass die Schulbücher neun Jahre oder älter sind, weil keine neuen angeschafft werden können?
Siegfried Schneider: Es wird eine gemeinsame Aufgabe von Kommune und Staat sein, die Ausstattung der Schulen mit Schulbüchern auf einem guten Stand zu halten. Vor der Einführung des Büchergeldes war es so, dass die Kommunen allein zuständig waren in der Bestellung. Und wenn eine Kommune nicht bestellt hat, dann sind keine Bücher an die Schulen gekommen. Mit der Einführung des Büchergelds haben wir die Verantwortung stärker in die Schule verlegt, dass die Lehrkräfte in dem Rahmen bestellen, der zur Verfügung steht, und es wird auch in Zukunft so sein, dass letztendlich der einzelnen Schule das Geld zusteht. Die Kosten werden wir – da verhandeln wir gerade mit den kommunalen Spitzenverbänden über die Prozentsätze – aus kommunalen und staatlichen Geldern aufbringen und wir werden in etwa die Summe so behalten wie wir es beim Büchergeld gehabt haben und dann alle drei Jahre eine Revision machen: Ist mehr notwendig oder ist nicht mehr so viel notwendig? Wir brauchen eine gute Ausstattung mit Büchern, das ist keine Frage und dafür werden wir auch sorgen.
Dann noch ein weiteres aktuelles Thema: G8. Sie haben angekündigt, bis Ostern die Lehrpläne des achtjährigen Gymnasiums zu überprüfen, viele reden von "entrümpeln". Wie soll das in Bayern aussehen?
Siegfried Schneider: Seit ich Minister bin, habe ich jedes Jahr an die Fachschaften, an die Lehrkräfte geschrieben und die haben mir zurückgemeldet, ob Lehrpläne, so wie sie konzipiert sind, auch im Praxistest bestehen können. Die Rückmeldungen wurden zusammengefasst und wir haben viele Fächer, bei denen die Zustimmung der Lehrkräfte, dass es gut umsetzbar ist, bei 80 Prozent liegt. Wir haben aber auch die Rückmeldung in manchen Fächern, dass es nicht umsetzbar ist. Da existiert jetzt der Auftrag an unser Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, die Lehrpläne nochmals zu sichten: Sind Doppelungen mit drin, reicht der Stundenrahmen aus? Ich werde das in den nächsten Wochen entscheiden - ich sage: entscheiden müssen - wohl wissend, dass jede Streichung in Geschichte den Geschichtslehrerverband wahrscheinlich auf die Palme bringen wird, aber keinen Physiklehrerverband. Und im umgekehrten Fall wird ein Eingriff in die Chemie in der naturwissenschaftlichen Community wahrscheinlich einen Sturm der Entrüstung bringen, weil jeder weiß, was dort zusätzlich hineingehört. Es ist viel einfacher, noch etwas hineinzutun als zu fragen: Was ist Grundwissen, was ist kompetenzorientiertes Grundwissen, was ist notwendig auch im Detailwissen, um letztlich vernetzt arbeiten und auch weiterarbeiten zu können. Wir werden bis um Ostern herum die Entscheidungen kommunizieren und uns dann auch der Diskussion stellen müssen.
Wird es dann in Bayern auch flächendeckend Ganztagsgymnasien geben?
Siegfried Schneider: Wir haben an jedem Gymnasium eine Mensa, jedes Gymnasium ist für eine Ganztagsschule ausgebaut. Das ist alles finanziert. Wir haben ja zwei Modelle: neben der gebundenen auch die offene Ganztagsschule, in der neben dem Unterricht Hausaufgabenbetreuung, Sportförderung, Wahlangebote geleistet werden. Wir wollen nicht, dass jedes Kind verpflichtet wird, eine Ganztagsschule zu besuchen, sondern Eltern sollen entscheiden können, ob ihr Kind zuhause ist oder ob es ein schulisches Angebot wahrnimmt. Mein Ziel ist, dass wir zumindest an zwei Tagen auch eine Hausaufgabenbetreuung an der Schule organisieren, dass also die Hausaufgaben bereits in der Schule erledigt sind, wenn die Kinder nach Hause kommen.
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