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Schlechte Karten in guten Klassen

Bildungsforscher Ulrich Trautwein untersucht Grundschulempfehlungen

02.03.2008

Kommt das Kind aufs Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule? Diese Entscheidung hängt nicht immer nur von den schulischen Leistungen der Kinder ab. Bei der Grundschulempfehlung spielen oft noch ganz andere Gesichtspunkte eine Rolle, zum Beispiel die Leistungsstärke der Klassenkameraden.

Der Bildungsforscher Dr. Ulrich Trautwein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin hat in den Grundschulen erforscht, wovon eine Empfehlung fürs Gymnasium abhängt.

Seine neuesten Forschungsergebnisse hat er ausführlich in der Zeitschrift für Pädagogische Psychologie dargestellt und in einem ZEIT-Interview erläutert. Sie zeigen, dass die Empfehlungen für durchschnittliche Schüler für den Übergang auf ein Gymnasium stark davon abhängen, ob diese zuvor in einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse waren.

Das Wissenschaftlerteam vom MPIB stellte zuerst die Hypothese auf, dass bei vergleichbarer Schulleistung die Wahrscheinlichkeit, eine gymnasiale Empfehlung zu bekommen, umso geringer sei, je stärker die Leistungen der Klassenkameraden sind, mit denen die Schüler in der Grundschule gelernt haben. Es wurden in fast 50 Klassen Leistungstests durchgeführt, die Schulnoten erfragt sowie die Übertrittsempfehlungen und der Übertritt erfasst. Die Ergebnisse haben nun die Vermutung des Teams eindeutig bestätigt.

Eltern sehen ihre Kinder anders

Auch andere Forscher hatten bereits in der Vergangenheit negative Effekte leistungsstarker Klassenkameraden auf das Selbstbild und die Motivation von Schülern nachgewiesen. Zu denen zählt auch der Pädagoge Rainer Block von der Universität Mainz. Er hat die Tauglichkeitsvoraussagen überprüft und kommt zu dem Ergebnis, dass die Empfehlungen der Lehrer häufig falsch sind, da diese sich auch am Bildungsniveau der Eltern orientieren. Nach seinen Ergebnissen scheitern viel weniger Kinder an den übersteigerten Bildungsansprüchen ihrer Eltern als an falschen Einschätzungen der Lehrer. Das Risiko, einer zu hohen Schulform zugewiesen zu werden, ist aufgrund einer unzutreffenden Grundschulempfehlung 24 Mal höher. Das Gleiche gilt aber auch im Umkehrschluss für zu niedrig eingestufte Schüler. Block ist für einen kommunikativen Austausch zwischen Eltern und Lehrern bei der Entscheidung, welche weiterführende Schule am besten für das Kind geeignet ist. Die Eltern nähmen Leistungspotenziale ihres Kindes anders wahr als die Lehrer und umgekehrt. Man sollte deshalb nach seiner Ansicht versuchen zu einem Gesamtüberblick zu kommen, aber die Entscheidung letztlich den Eltern überlassen.

Der Referenzgruppen-Effekt

Trautwein kommt nun zu einem ähnlichen Schluss: Folgt man seinen Forschungsergebnissen, sind leistungsstarke Klassen bei der Grundschulempfehlung von Nachteil. Man nennt dieses Phänomen auch den "Referenzgruppen-Effekt". Schüler vergleichen sich und ihre Leistung mit der ihrer Klassenkameraden, nicht aber mit der Leistung eines Durchschnittsschülers in ihrem Alter. Wer als ordentlicher Schüler in eine besonders leistungsstarke Klasse kommt, sieht sich deshalb plötzlich nur noch als unterer Durchschnitt – mit allen Konsequenzen für Motivation und Lernfreude. "Ein und dieselbe Aufgabe macht uns Menschen einfach mehr Spaß, wenn wir denken, dass wir sie besonders gut – und besser als andere – beherrschen", so der Forschungsgruppenleiter im ZEIT-Interview.

Effekt schlägt bei den Lehrern zu

Nun stellt sich für Eltern natürlich die Frage, ob man aus diesen Gründen das Kind besser nicht in eine leistungsstarke Klasse oder Schule schicken soll. Dies wird vom Bildungsforscher allerdings nur bedingt so gesehen. Die Entwicklung der Schulleistung verläuft nach seinen Erkenntnissen in der Regel in einem anregenden Umfeld besonders positiv. Zu den Qualitätsmerkmalen gehört demnach insbesondere ein guter Unterricht, aber auch eine günstige Zusammensetzung der Klasse. Leistungsstarke Klassenkameraden können hier ein Vorteil sein. Bei den Übergangsempfehlungen für die weiterführenden Schulen läuft es ähnlich, Das Prinzip ist das gleiche, nur schlagen die Referenzgruppen-Effekte hier bei den Lehrern zu. Vereinfacht gesagt: Wenn Lehrer die Leistungen ihrer Schüler beurteilen, bringen sie diese in eine Reihenfolge. Die besten erhalten eine Eins, die schlechtesten eine Fünf, der Rest liegt dazwischen. Dieses Muster findet sich praktisch in jeder Klasse, in einer Eliteschule ebenso wie in einer Schule in einem Problemkiez. Im Mittel liegt der Notendurchschnitt in allen Klassen deshalb in ähnlicher Höhe, auch bei sehr unterschiedlichen Durchschnittsleistungen. Und die Noten wiederum sind es, die die Grundlage der Übertrittsempfehlung sind.

Das bedeutet, dass die Lehrer keine objektiven Standards bei den Noten anlegen. Trautwein äußerte sich zu den Gründen hierfür wie folgt: "Viele Lehrer können die Leistungen ihrer Schüler im Vergleich mit Schülern anderer Klassen nicht korrekt einschätzen. So gibt es nicht in allen Bundesländern systematische Vergleichsuntersuchungen, die den Lehrern Hinweise zum Leistungsstand ihrer Schüler liefern. Davon abgesehen haben wir es bei der Notenvergabe mit einem pädagogischen Dilemma zu tun. Noten haben zwei Funktionen: Zum einen geht es um eine Bewertung, durch die den Schülern bestimmte Möglichkeiten und Chancen gegeben oder eben verwehrt werden – aus diesem Grund sollten die Leistungskriterien in allen Klassen identisch sein. Die andere Funktion der Noten ist eine pädagogische. Sie sollen Schüler bei ihren individuellen Leistungen unterstützen, motivieren und informieren, und da gibt man dann eben gute Noten mit gutem Grund auch mal dafür, dass sich ein Schüler ganz besonders angestrengt oder verbessert hat. Deshalb entsprechen Noten nicht immer dem objektiven Leistungsstand eines Schülers. Beide Funktionen der Notengebung unter einen Hut zu bekommen ist äußerst schwierig."

Dieses Verhalten führe dann letztlich zu ungerechte Entscheidungen mit Enttäuschungen für die Eltern. Die oft bittere Konsequenz ist, dass, der Schüler nicht die gewünschte Empfehlung erhält.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht, dass die tatsächlichen Leistungen des Kindes nicht allein ausschlaggebend für die Grundschulempfehlung sind. Die stellvertretende GEW-Bundesvorsitzende, Marianne Demmer, stellte im Zusammenhang mit den IGLU-Ergebnissen fest: "Lehrerinnen, Lehrer und Eltern wissen eben ganz genau, dass schwächere Schülerinnen und Schüler das Gymnasium nur mit Unterstützung der Eltern oder Nachhilfeeinrichtungen schaffen können. Arbeiterhaushalte können sich das in der Regel nicht leisten".

Standardisierte Tests ohne Training

Wenn es wichtig erscheint, dass die Übertrittsempfehlung möglichst gerecht ist und in erster Linie auf Leistungskriterien basiert, braucht man neben den Schulnoten eine Batterie von standardisierten Tests mit einer hohen Verlässlichkeit, die von allen Schülern vor dem Übertritt zu bearbeiten sind, meint Trautwein. Allerdings fügt er gleich hinzu: Das dies nicht ganz billig sei, den Leistungsdruck erhöhen könnte und eventuell viel Unterrichtszeit für das Training der Testaufgaben verwendet werden könnte.

Als Alternative, so Trautwein könnte man auch die Mehrgliedrigkeit abschaffen. Damit würde auch das Übertrittsverfahren überflüssig. Aber gerade das, so die Prognose des Bildungsforschers, wird nicht passieren. Teile der Politik, die Gymnasiallehrer und ein bedeutender Teil der Elternschaft wolle zumindest das Gymnasium behalten. Diese Ansicht wird durch eine aktuelle bundesweite Forsa-Umfrage bestätigt, der zufolge nur 29% die Einführung einer Einheitsschule fordern, dagegen fordern 60% eine Reform der Lehrerausbildung, 82% fordern eine Verbesserung der Unterrichtsqualität.

Die Logik, dass man in homogenen Lerngruppen besonders gut lernen kann, ist laut Dr. Trautwein auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Deshalb sei es auch wichtig, die negativen Konsequenzen von Fehlplatzierungen so gering wie möglich zu halten.

Hierfür sieht er gute Chancen. Tatsächlich habe sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Der erste Übertritt in eine bestimmte Schulform lege nicht mehr fest, wo ein Schüler am Ende landet. Hauptschüler könnten einen mittleren Abschluss nachholen und Realschüler später immer noch das Abitur erwerben. Die Übertrittsempfehlung verliere somit den Charakter eines abschließenden Urteils. Sie wird zur Prognose darüber, an welcher Schulform sich ein Schüler in den nächsten Jahren am besten entwickeln dürfte.

Quelle: Schule im Blickpunkt, Informationen des Landeselternbeirats Baden-Württemberg


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