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"Ich träume von einer Gemeinschaftsschule"

Interview mit dem Schulpädagogen Prof. Dr. Hilbert Meyer

07.03.2008

(bikl) Unter anderem mit seinem "Leitfaden Unterrichtsvorbereitung" wurde Prof. Dr. Hilbert Meyer zu einem der meistgelesenen Pädagogik-Autoren in Deutschland. Ein weiteres bekanntes Standardwerk des Oldenburger Schulpädagogen trägt den Titel "Was ist guter Unterricht?". Im Interview erläutert Meyer, warum sich dieser gute Unterricht in integrativen Strukturen besser verwirklichen lässt.

Prof. Meyer, Sie haben sich kontinuierlich mit der Frage auseinander gesetzt, wie sich die Lernerträge und -erfolge in der alltäglichen Unterrichtspraxis nachhaltig in kognitiver, methodischer und sozialer Hinsicht optimieren lassen. In Ihren Veröffentlichungen zu den Merkmalen guten Unterrichts beziehen Sie sich dabei auf aktuelle Ergebnisse der empirischen Unterrichtsforschung. Landauf, landab werden in Lehrer-Fortbildungen, Seminaren für Lehramtsanwärter, bei Schulleiter-Dienstbesprechungen oder im Rahmen der Qualitätsanalyse Ihre Essentials zur normativen Zieldimension erhoben. Weniger bekannt sind Ihre Positionen zur so genannten Schulstrukturdebatte. Lässt sich guter Unterricht gleichermaßen in gegliederten und integrativen Schulstrukturen realisieren?

Prof. Hilbert Meyer: Definitiv nein. Ich bin für integrativere Systeme, weil wir ausreichend empirische Befunde darüber haben, dass die Leistungsstärkeren auch dann optimal gefördert werden können, wenn sie streckenweise mit Schülerinnen und Schülern, die einen intensiveren Förderbedarf haben, zusammen lernen. Wir haben eine integrativ aufgebaute, also eingliedrige Grundschule. Und sie erhält in den großen Leistungsstudien PISA, IGLU usw. halbwegs ordentliche Noten. Wir haben eine zersplitterte Sekundarstufe I, die Klassen 5 bis 10. Diese erhält im internationalen Vergleich sehr schlechte Noten. Die Kasernierung der Schülerinnen und Schüler mit Spezialproblemen in den Rest-Hauptschulen führt auch dort, wo die Lehrerinnen und Lehrer unglaublich viel leisten, zu unbefriedigenden Ergebnissen. Die Gymnasien können – noch! - gut mit der zunehmenden Nachfrage leben. Die Leistungsdaten der PISA -Studien sind für die Gymnasialschüler Deutschlands auch gar nicht so übel. Aber die Schülerinnen und Schüler aus so genannten Risikogruppen – und die sind fast alle auf den Hauptschulen - schneiden in Deutschland im internationalen Vergleich katastrophal schlecht ab. Und deshalb häufen sich die größten Probleme in den Hauptschulen. Aus diesem Grunde bin ich für den radikalen Umbau der Sekundarstufe I und für die zügige Einführung "intelligenter" integrativer Systeme. Ich träume von einer Gemeinschaftsschule, in der so viel so genannte Innere Differenzierung betrieben wird, dass jede Schülerin und jeder Schüler einen individualisierten Lehrplan hat und die Chance erhält, ihre/seine Potenziale zu entfalten, indem zugleich alle Schüler gemeinsam lernen, wodurch deren Demokratie- und Teamfähigkeit gestärkt wird.

"Lernstandberichte sind besser als Kopfnoten"

Apropos Demokratie- und Konfliktfähigkeit: Die Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens ist in NRW seit diesem Schuljahr erstmals in den Zeugnissen dokumentiert worden. Die Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler sowie ihre Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsbereitschaft werden mit Hilfe von "Kopfnoten" individuell beurteilt.

Prof. Hilbert Meyer: Ich bin nicht gegen eine Beurteilung der Sozialkompetenzen der Schülerinnen und Schüler, wohl aber gegen die Kopfnoten. Lernstandsberichte, die alle vier Lerndimensionen (Fach-, Sozial-, Methoden- und Selbstkompetenz) erfassen, sind besser.

Nach den desillusionierenden PISA-Ergebnissen hat sich viel bewegt in der Bildungspolitik. Es sind zahlreiche Maßnahmen eingeleitet worden, die die Ergebnisse schulischen Lernens verbessern sollen, wie etwa Lernstandsanalysen, Zentrale Abschlussprüfungen und Evaluationsverfahren, Qualitätsstandards und Kernlehrpläne.

Prof. Hilbert Meyer: In unseren Schulen ist noch nie soviel gemessen worden wie heute. Das ist legitim, damit die Politiker solide Grundlagen für ihre Entscheidungen erhalten. Es reicht aber nicht, die Messinstrumente zu schärfen. Vom vielen Wiegen ist noch kein Schwein fett geworden, sondern davon, zur richtigen Zeit die richtige Menge Futter bekommen zu haben! Davon kann aber keine Rede sein. Die Art und Weise, in der wir in Deutschland mit Schülern aus Risikogruppen und Schülern mit Migrationshintergrund umgehen, ist ein Skandal. Die Kosten, die diese Modernisierungsverlierer dem Bildungssystem in immer wieder neuen Schleifen und Zusatzmaßnahmen verursachen, sind horrend. Ein Förderschüler kostet uns, wenn die Bildungsmaßnahmen in der Sekundarstufe II eingerechnet werden, das drei- bis vierfache eines Abiturienten. Wir sind von der für die Schule überlebenswichtigen Generationengerechtigkeit weit entfernt. Wenn genaue Aufgaben- und Lernstandsanalysen im Schulalltag ergeben, dass eine "Passung" der vorgegebenen Aufgaben zu den nachgewiesenen Lernvoraussetzungen beim besten Willen nicht hinzubekommen ist, ist es die Pflicht der Lehrerinnen und Lehrer, dies den politisch Verantwortlichen mit aller Deutlichkeit und notfalls auch mit Protestmaßnahmen anzuzeigen – möglichst nicht aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus, sondern aus professioneller Verantwortung und Stärke.

In NRW ist es das Bestreben der CDU/FDP-Regierung, die Hauptschulen zusätzlich besonders zu fördern, damit sich deren Status langfristig verbessert. Die Oppositionspartei SPD setzt auf das Modell einer so genannten Gemeinschaftsschule, die die Kinder nach der Grundschule aufnehmen und bis zur Klasse 10 für deren Bildungserfolg verantwortlich sein soll. In den Klassen 5 und 6 findet nach diesem Konzept für alle Kinder ein gemeinsamer Unterricht statt. Ab Klasse 7 oder später soll nach gemeinsamer Entscheidung der Schule, des Schulträgers und der Eltern entweder ein vollständig integrierter Unterricht weitergeführt oder eine Differenzierung beispielsweise in Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialklassen vorgenommen werden. Ihre Meinung?

"Die deutsche Schulpolitik ist viel zu unruhig"

Prof. Hilbert Meyer: Die in Niedersachsen nach Regierungswechsel zu einer CDU-FDP-Regierung in den letzten fünf Jahren gemachten Erfahrungen zeigen, dass alle Versuche, den Schülerschwund an Hauptschulen durch ein attraktiveres Hauptschulcurriculum mit hohen Praxisanteilen zu stoppen, nicht gefruchtet haben. Die Abwärtsbewegung geht weiter. Deshalb halte ich den NRW-Versuch für mittelfristig chancenlos. Das Modell der NRW-SPD ist besser. Noch besser finde ich aber das Modell der Grünen, das, wie international üblich, eine sechsjährige Grundschule vorsieht.

Prof. Klaus Hurrelmann forderte jüngst eine bundeseinheitliche Schulreform.

Prof. Hilbert Meyer: Ich teile dessen Anliegen. – Die deutsche Schulpolitik ist aufgrund des Kulturföderalismus viel zu unruhig. Es geht nach jedem Regierungswechsel raus aus den Kartoffeln und dann beim nächsten Mal wieder rein in die Kartoffeln. Manche norddeutsche Schulpolitiker schauen ja auch mit tränenden Augen nach Bayern, wo – im innerdeutschen Vergleich - eher gute PISA-Ergebnisse erzielt wurden. Und einige sagen: Das liegt auch daran, dass in Bayern nicht nach jedem Regierungswechsel ein Schwenk in der Schulpolitik gemacht wurde. Richtig! Aber wir wissen damit noch nicht, wie gut die Bayern abgeschnitten hätten, wenn sie ein integratives Schulsystem mit gleicher Beharrlichkeit betrieben hätten. Ich vermute: dann wären sie noch besser!

Welche Chancen sehen Sie für Kompromisse im Streit zwischen den Anhängern von gegliederten Schulsystemen und jenen, die integrierte Strukturen nach skandinavischem Vorbild präferieren?

Prof. Hilbert Meyer: Kompromisse zwischen den zwei Grundpositionen gibt es fortlaufend – und das wird auch so weitergehen. Auch das ist am Beispiel Niedersachsen zu studieren. Vor fünf Jahren hatte Ministerpräsident Wulff mit viel Pathos angekündigt, dass keine einzige weitere Gesamtschule mehr genehmigt werden wird. Fünf Jahre später hat er seinen Wahlkampf mit der Ankündigung gewonnen, nun doch wieder Gesamtschulen neu zu gründen. Wir werden in Deutschland noch einige Jahrzehnte einen Flickenteppich von Ein-, Zwei-, Drei- und Fünfgliedrigkeit haben, weil es keine politischen Mehrheiten für radikalere Schnitte gibt. Das ist ärgerlich. Aber deshalb stecke ich den Kopf nicht in den Sand, sondern sage: Auch in einstürzenden Neubauten haben die Schülerinnen und Schüler Anspruch auf einen guten Unterricht. Und dazu biete ich einen Orientierungsrahmen.

Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer

Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com


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