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Kopfnoten weiter in der Diskussion

Mehr zu: Bildungswesen, Kopfnoten, Werteerziehung, Zeugnis, Schule
11.03.2008 -

(bikl) Das, was Bayern kürzlich für die Grundschule wieder rückgängig gemacht hat, ist in Nordrhein-Westfalen just eingeführt worden: die Kopfnoten. Nach jahrelangen heftigen Elternprotesten hatte das bayerische Kultusministerium im Januar erklärt, die seinerzeit von Ministerin Monika Hohlmeier (CSU) eingeführten Kopfnoten wieder abzuschaffen. Die bayerischen Grundschullehrer sollen das Verhalten der Schüler künftig nur noch in Textform bewerten. Auch in Nordrhein-Westfalen haben die Kopfnoten zu Protesten und Demonstrationen geführt. Eltern, Lehrer und Schüler wehren sich gegen die neuen Beurteilungen. Hier der Zwischenruf eines Gymnasiallehrers aus NRW.


Apropos Kopfnoten:

ein Zwischenruf aus Eringerfeld in Nordrhein-Westfalen
(von Michael Pleister)

Die heftig umstrittene Einführung von Zeugnis-Kopfnoten in Nordrhein-Westfalen markiert einen vorläufigen Höhepunkt auf dem Weg jener Offensive, die einem "neuzeitlich" formalistisch-technizistischen Bildungsverständnis zum Durchbruch zu verhelfen längst im Begriffe ist und die sich – kaum verwunderlich in einer von "umkämpften Märkten" geprägten Zeit – angesichts ihres Anspruches auf "Meinungsführerschaft" bewusst mit den Insignien von "Modernität und Herrschaft" schmückt. Die allgegenwärtige Kampagne "für mehr Bildung", wie manche Medien immer wieder verlauten lassen, "geniert" sich keinesfalls, ihre vorwiegend aus ökonomischen Machtinteressen gespeiste Ideologie zur Schau zu stellen, nimmt dabei aber letztlich in ihrer "Selbstvergessenheit" und Anpassungsbeflissenheit (diese Art von Personifizierung sei hier erlaubt) kaum noch wahr, wie sehr sich die Bedrohungspotenziale, die aus gesellschaftlicher Überbetonung von Technokratie und Instrumentalität resultieren, schon jetzt durchaus Geltung verschaffen, und zwar mächtiger als von manchem kritischen Beobachter zunächst angenommen.

Lehrkräfte in NRW sind seit dem Schuljahr 2007/08 verpflichtet, auf Zeugnissen – und zwar erstmalig zum Halbjahreswechsel – die neu eingeführten Kategorien "Leistungsbereitschaft", "Zuverlässigkeit/Sorgfalt", "Selbstständigkeit", "Verantwortungsbereitschaft", "Konfliktverhalten" sowie "Kooperationsfähigkeit" zu qualifizieren und dabei jeweils die Zensuren von "sehr gut" bis "befriedigend" oder eben auch die Note "unbefriedigend" zu verwenden.

Ginge es hier nur um nützliche Hinweise für eine Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler und damit auch für deren Förderung durch die Lehrkräfte, dann ließe sich über Sinn und Nutzen eines solchen Instrumentariums trefflich streiten, und vielleicht wäre hier sogar der eine oder andere positive Aspekt durchaus in Anschlag zu bringen. Da das Vokabular aber, mit dem das Schülerverhalten zukünftig rubriziert wird, in bemerkenswerter Nähe zum "Zungenschlag" des auf die Gesellschaftsmitglieder ausgerichteten neokonservativen ("Zuverlässigkeit/Sorgfalt") bzw. neoliberalen ("Leistungsbereitschaft", "Selbstständigkeit", "Kooperationsfähigkeit") Anforderungsprofils verortet ist, dürfte im vorliegenden Zusammenhang mehr als nur gewissermaßen "empirisch gesichertes" Beobachtungsmaterial in seiner Grundlagenfunktion für individuelle Beratung und Förderung zur Diskussion stehen. Unter dem Deckmantel überaus plausibel wirkender Scheinargumente – und hier spielt der Fingerzeig auf die durch Kopfnoten angeblich verbesserten Möglichkeiten der bereits erwähnten Selbsteinschätzung des Schülerindividuums eine besondere Rolle – werden mit Sicherheit weitergehende Ziele verfolgt, die dem Einzelnen u.U. erst im Laufe seiner Praxis-, ggf. auch Lektüre- und Theorieerfahrungen späterer Lebensjahre ins Bewusstsein rücken.

Auf jeden Fall generiert der hier in Rede stehende, vom Lehrpersonal zu benotende "Verhaltenskodex" ausgeklügelte Kriterien, die auf dem Arbeitsmarkt den Mechanismen zur Auswahl von Arbeitskräften unbestreitbar ein höheres Maß an Effizienz verleihen und die damit den Einzelnen von vornherein auf Anpassung und Disziplinausübung fixieren. Letzteres ist interessanterweise auch dann der Fall, wenn als Reaktion auf gut ausgefallene Zeugnis-Kopfnoten in den Firmen und Betrieben durch freundliches Entgegenkommen von Personalchefs, Vorgesetzten und Verantwortungsträgern ein Klima vermeintlicher Einhelligkeit, was die Ziele von Betriebseignern bzw. -managern einerseits und angestellten Mitarbeitern andererseits anbelangt, – wenn also ein Ambiente der Anpassungsbereitschaft und unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit durchaus bewusst erzeugt und darüber hinaus in eine solchermaßen gestimmte Arbeitsatmosphäre, die Interessenharmonie vorspiegelt, ohne sie objektiv herstellen zu können, zusätzlich – gewissermaßen als Verstärkungseffekt – eine auf totale Vereinnahmung des Arbeitnehmers zielende und in dieser Hinsicht mit psychologischen Tricks arbeitende Strategie der Konflikt- und Diskursvermeidung implementiert wird. Die genannten Faktoren führen unweigerlich dazu, dass die Interessenunterschiede von Firmenleitung und Belegschaft, von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, von Kapital und Arbeit, um es zugegebenermaßen ein wenig holzschnittartig auszudrücken, einer unsäglichen Vernebelung ausgesetzt sind und folglich der Arbeitnehmer in der Wahrnehmung seiner legitimen Möglichkeiten, eigene Interessen zu reflektieren, zu artikulieren und sie ggf. solidarisch mit anderen friedlich durchzusetzen, in nicht unerheblicher Weise behindert wird. Erhalt und Vertiefung des Status quo in sozio-ökonomischer Hinsicht (Neokonservatismus!) sind die politisch erwünschten Folgen einer solchen Entwicklung.

Zurück zum Gymnasium Eringerfeld: Unsere Bildungsstätte, die mit einem Internat verbunden ist, befindet sich im Aufbau, umfasst bislang acht Klassen und ist in diesem Stadium noch überschaubar, sodass sich das pädagogische Personal insgesamt ein Bild von den Schülerinnen und Schülern machen kann. Für die öffentliche Staatsschule hingegen, wo eine Lehrkraft pro Tag beispielsweise 150 Schülerinnen und Schüler zu unterrichten hat und sie alle nur in Sekundenausschnitten wahrnehmen kann, stellt sich die Frage, was an Schülerverhalten, an Einstellung und Ethos überhaupt ermittelt, geschweige denn beurteilt werden kann, mit besonderer Schärfe. Die Gefahr, dass unter den genannten Bedingungen der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Und noch ein weiterer Aspekt wäre bedenkenswert: Johann Friedrich Herbarts "Erziehung durch Unterricht" meint, dass die Qualifikationen der Kopfnoten keine vom Unterricht unabhängigen sein dürfen, sondern den Habitus darstellen, der übrig bleibt, wenn die Inhalte wieder vergessen sind. Die aktuelle Diskussion hat offenbar bislang noch keine hinreichenden Erkenntnisse darüber zutage gefördert, was eine Abweichung der Kopf- von den Fachnoten nicht nur für die Gesamtbeurteilung der jeweiligen Schülerpersönlichkeit, sondern auch für den schulischen Kontext bedeutet und welche Konsequenzen derartige Diskrepanzen in Schule, Ausbildung und Studium wahrscheinlich nach sich ziehen.

Wer nun glaubt, dass die Vergabe von Kopfnoten auf Nordrhein-Westfalen oder höchstens vereinzelte Bundesländer beschränkt bleibt, wird sich einst als Opfer einer grandiosen Selbsttäuschung zu sehen genötigt sein. Wenngleich bislang noch ohne Konjunktur im Raum der richtungsbestimmenden, öffentlichen Meinungsbildung, so wissen sich globalisierungskritische Denkanstöße und Argumente doch zunehmend in gesellschaftspolitischen Diskursen zu behaupten, und zwar in Analogie zu einer zugegebenermaßen noch sehr schwachen, nur in Partikularbereichen "aufkeimenden", aber doch durchaus wahrzunehmenden politischen Praxis, die wieder etwas stärker auf Steuerung und damit auf gesellschaftlichen Ausgleich setzen will – alles in allem eine Herausforderung für neoliberale Handlungsmaximen, die um ihre eigene Durchsetzung zu bangen beginnen und diese infolgedessen mit entsprechender Rücksichtslosigkeit, gar Brutalität zu erzwingen suchen.

So dürfte sich beispielsweise die Annahme, Schleswig-Holstein und Hamburg – um meine eigenen heimatlichen Gefilde in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt zu lassen –, die Annahme also, Schleswig-Holstein und Hamburg blieben vom Zug der Zeit gewissermaßen verschont, als Irrglaube erweisen. Auch dort wird es mit Sicherheit zukünftig wie derzeit in NRW darum gehen, die oben genannten sechs Rubriken mit einer Bewertung von "sehr gut" bis "unbefriedigend" zu skalieren – eine an uns Pädagogen gerichtete Forderung, wie sie, um es an dieser Stelle einmal ganz schlicht zu sagen, wirtschaftsfreundlicher wohl nicht ausfallen kann.

Die Tatsache, dass wir Lehrkräfte vom interkulturell ausgerichteten Gymnasium Eringerfeld in NRW bislang so gut wie keine Zeit und Muße gefunden haben, uns über die unversehens relevante Frage von Kopfnoten im Zuge eines notwendigen Meinungsaustausches hinreichend zu verständigen und hier möglicherweise eine kritische Perspektive zu gewinnen, geht nur teilweise auf das Konto unserer eigenen Verantwortung, erweist sich die genannte Tatsache doch vielmehr als Ausdruck eines mittlerweile durchschaubaren gesellschaftspolitischen Kalküls: Durch eine staatlicherseits verordnete "Beschäftigungstherapie" für Lehrer, die gerade darin besteht, sich zunehmend in zeitraubender Weise mit vielfältigen bürokratischen Einzelheiten von z.T. fragwürdigem Charakter abgeben zu müssen, soll offenbar bewusst dem kritischen Diskurs das Wasser abgegraben, dagegen den systemimmanenten Konformitätszwängen und Disziplinierungspostulaten die entsprechende Wirkungsintensität verliehen werden. Insofern üben wir uns – und ich schließe mich hier selbstverständlich mit ein – in Unterwerfungsstrategien, die uns "Gesellschaft und Politik" abverlangen.

Gleichwohl gelangt manch einer zur verspäteten Einsicht in das eklatante Defizit an eigener Bewusstseinssensibilisierung, die ja überhaupt das individuelle Handeln begleiten sollte und die hier eine voreilige Anpassung an die genannten Unterwerfungsstrategien durchaus hätte in Schach halten können. Trotzdem gereichen uns nachträgliche Erkenntnisse zur Kritikwürdigkeit eigener Verhaltensweisen und Positionierungen nach dem "Willen" des ganzen sozio-ökonomischen Systems, wenn ich das einmal so sagen darf, keinesfalls zum Nachteil in Form eines schlechten Gewissens: Die technokratische Bildungsreform der Gegenwart darf darauf vertrauen, dass die Gesellschaft – allzumal im Gewande einer manchesterkapitalistischen "Mediokratie" – mit ihren mannigfachen Aktivitäten, Ablenkungen und Zerstreuungen die erforderlichen Betäubungsmittel schon bereithält!

Die Einführung und Handhabung von Kopfnoten liegt, wie oben bereits zum Ausdruck gebracht wurde, auf der Linie einer dem neoliberalen/neokonservativen Zeitgeist entsprechenden bildungspolitischen Gesamtentwicklung. Die seit geraumer Zeit festzustellende

  • ständige Unterwanderung der von Bildungsexperten für die Institution Schule reklamierten größeren Autonomie, d.h. die geschickt kaschierte Begrenzung der immer wieder mit viel Überzeugungsaufwand angepriesenen bzw. eingeforderten Ausdehnung schulischer Handlungs- und Entscheidungsspielräume;
  • die Relativierung institutioneller Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit;
  • die Aushöhlung schließlich aller freiheitsversprechenden Errungenschaften durch zunehmende Kontrolle von innen und außen gleichermaßen – euphemistisch gelegentlich "Monitoring" genannt

all dies wird der Öffentlichkeit auch weiterhin mit Hilfe der üblichen rhetorischen Raffinessen, die in ihrem zumeist großspurig-vollmundigen Zuschnitt gewöhnlich auf Verschleierung und Täuschung zielen, als etwas ebenso Harmloses wie Notwendiges angedient und verkauft – und mit großer Wahrscheinlichkeit sogar überaus erfolgreich. Nicht zuletzt aufgrund der Stärkung seiner inneren Struktur, einer Stärkung, die sich u.a. über den soeben skizzierten schulpolitischen Weg schleichend vollzieht, wird der Wandlungsprozess von Schule und Bildungswesen insgesamt jeglichem Scheitern seiner selbst zu trotzen verstehen. Angesichts der Unerbittlichkeit seiner Imperative wird er das überaus deplorable Scheitern zahlreicher Schülerinnen und Schüler an ihm dagegen zu verhindern keinesfalls in der Lage sein.

Erstveröffentlichung:
Forum Kritische Pädagogik

2 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Ursula Walther, Bayerischer Elternverband, am 11.03.2008, 17:44

Leider stimmt es nicht, was sich im Einstieg so gut liest: Die Kopfnoten in den bayerischen Grundschulen sind nicht abgeschafft. Statt A, B, C oder D bzw. statt 1,2,3 oder 4 schreiben die Lehrer nun halt "sehr gut" bis "nicht befriedigend". Da hat sich die gesamte Presse täuschen lassen. Nachzulesen im Bericht aus der Kabinettssitzung am 29. Januar 2008:

www.bayern.de/Presse-In...Ministerrat.html#5

von Cornelia Wolf, am 12.03.2008, 08:50

Kopfnoten waren - nach meiner hessischen Erfahrung - vor dreißig Jahren schon eine Farce. Wer oben einmal Einser und Zweier hatte, kam von denen genauso schlecht weg wie jemand, der in Fleiß, Betragen, Ordnung und Aufmerksamkeit schlecht bewertet wurde. Ich hatte mich seinerzeit ein Halbjahr wirklich bemüht: Hausaufgaben vergessen, Hefte und Bücher zu Hause liegen lassen - um am Ende lediglich eine Note schlechter dazustehen als vorher: Ordnung: 2. Womit aber mein Ziel doch erreicht war: zu beweisen, wie ungerecht und damit überflüssig diese Noten sind.


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