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"Es ist ein Skandal, was sich diese Gesellschaft gegenüber den Lehrern leistet"

Interview mit dem VBE-Vorsitzenden Ludwig Eckinger

Mehr zu: Auslese, Deutschland, G8, Grundschule, Hausaufgaben, Interviews, Junglehrer, Lehrerbildung, Leistungsdruck, Schulstruktur, Übertritt, Unterrichtsversorgung, Schule
26.03.2008 -

(bikl) Jüngst hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) auf der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal den Förderpreis "Hauptsache LESEN" verliehen und damit nachhaltige Leseprojekte in Grundschulen ausgezeichnet. VBE Vorsitzender Ludwig Eckinger lobte dabei Deutschlands Grundschulen, die sich als gemeinsamer Lernort für alle Kinder bewährt hätten. Gleichzeitig jedoch warnte er vor dem großen Auslesedruck, der auf den Grundschulen laste und deren pädagogischen Anspruch zu konterkarieren drohe. bildungsklick.de sprach mit dem VBE-Vorsitzenden über die Entwicklung der Schulstruktur in Deutschland, die Probleme des achtjährigen Gymnasiums und über das Ansehen der Lehrkräfte.

Die Grundschule ist ja eine Gesamtschule, eine Schule für alle. Sie dauert aber in der Regel nur vier Jahre und an ihrem Ende wird über den weiteren Bildungsweg der Kinder entschieden. Stehen also Schule, Lehrer und Kinder unter einem viel zu großen Druck?

Ludwig Eckinger: Es ist richtig, dass die Grundschule die einzig wirkliche Gemeinschaftsschule ist - wie auch immer man sie benennt. Die Integrationsleistung der Grundschule ist immens. Es wirkt sich aber bereits jetzt diese partielle Bildungsproblematik mit dem G8 auf die Grundschule aus. Der Leistungsdruck wird dort noch mal erhöht. Das ist natürlich nicht im Sinne von Fordern und Fördern, weil die kognitiven Leistungen im Endeffekt überbewertet werden. Und spätestens ab der dritten Klasse, demnächst möglicherweise schon früher, schaut man auf den Übertritt, dass das Kind möglichst den Schritt ins Gymnasium schafft. Das ist nicht die Vorstellung von Bildung, die wir haben, weil der Leistungsdruck im Vordergrund steht und der ist, das wissen wir seit Langem aus der Entwicklungspsychologie und aus der Lernpsychologie, ein wirklich gravierender Hemmschuh für das Lernen.

Wie ließe sich das ändern?

Ludwig Eckinger: In jedem Fall muss man den Kindergarten, also den Elementarbereich, stärken und professionalisieren, das heißt endlich auch zum Bildungsbereich erklären. Dort müssen schon die entscheidenden Entwicklungsfenster aufgemacht werden und schließlich muss die Grundschule gestärkt werden. Am besten wäre es, wenn in jeder Klasse zwei Lehrerinnen unterrichten würden. Gegenwärtig sind wir auf dem Weg nicht nur zu einer verlässlichen Halbtagsschule sondern auch auf dem Weg zur Ganztagsschule – auch das könnte schon einige Probleme lösen, die wir unter anderem dadurch haben, dass der Übertritt viel zu früh erfolgt. Das gemeinsame Lernen müsste wenigstens sechs Jahre dauern. Das ist zurzeit nicht in allen Ländern durchsetzbar, wenngleich einige ganz ernsthaft darüber nachdenken. Das sollte aber nicht nur aus demografischen Gründen geschehen, sondern aus der Einsicht der Bildungspolitik, dass man die Kinder länger miteinander lernen lassen sollte. Schwächere Schüler haben allergrößte Vorteile von so genannten stärkeren Schülern und "Stärkere" haben überhaupt keinen Nachteil, im Gegenteil, das soziale Lernen wird dadurch bei ihnen in erheblichem Maße unterstützt.

Seit den ersten PISA-Ergebnissen haben viele Bildungspolitiker versucht, die Schulstrukturdebatte tunlichst auszuklammern. Auch die Kultusministerkonferenz wollte darüber nicht diskutieren. Gleichzeitig aber verändert sich die Schulstruktur in nicht wenigen Bundesländern. Ist das eine Bewegung, die sich fortsetzen wird?

Ludwig Eckinger: Ich glaube schon, dass auch diesbezüglich Bewegung in die Bildungspolitik gekommen ist, dass die Not der Kommunen, dass sie manche Schulen in der Sekundarstufe I nicht mehr attraktiv genug halten können und Zusammenlegungen von Haupt- und Realschulen ganz normal geworden sind, auch das ganze System beeinflusst. Ich glaube aber auch die Einsicht wächst, dass man alles tun muss, um den Kindern und Jugendlichen eine positive Bildungskarriere anzubieten und, dass man Bildung von unten nach oben denken muss und nicht von oben nach unten. Ich bin letzten Endes doch optimistisch, wenngleich meine Geduld sehr strapaziert wird, weil alles viel zu lange dauert. Weil sofort wieder Strukturreformen infrage gestellt werden und weil die Kultusministerkonferenz letzten Endes nur Einigkeit nach außen demonstriert, aber die Unterschiede zwischen A- und B-Ländern immer wieder manifest sind, wenn die Minister heimgekehrt sind.

Nun gibt es ja eine Bildungsreform, die ausgesprochen schnell umgesetzt wurde: der Wechsel vom neunjährigen zum achtjährigen Gymnasium. Allerdings begleitet von heftigen Protesten und Widerständen. Beklagt wird unter anderem eine dilettantische Umsetzung. Haben die Bildungspolitiker ihre Hausaufgaben nicht gemacht?

Ludwig Eckinger: Die Methode der Einführung ist wirklich voller handwerklicher Fehler und muss – selbst wenn man dafür ist, dass das G8 eingeführt wird, kritisiert werden. Aber: Ich glaube schon, dass alle vernünftigen Menschen auch mit Blick auf die Verhältnisse in Europa einig sein müssen, dass die Schulzeit verkürzt werden muss. Das bedeutet letzten Endes, wenn man von neun Jahren auf acht Jahre kürzt, dass man den Lehrplan entrümpeln muss. Ich gebrauche dieses Wort gern und auch offensiv und bin nicht der Meinung, wie manche, dass das eine Beleidigung für die Lehrplanmacher ist. Im Gegenteil, ich habe doch in meinem Schrank und in meiner Wohnung immer wieder Gerümpel, das früher keins war, das aussortiert werden muss. Das kann früher einmal ganz wertvoll gewesen sein. Also: Die Entschlankung der Lehrpläne ist dringend geboten und notwendig. Ich würde auch allen, die dieses Problem jetzt angehen und nach Lösungen suchen, raten, das exemplarische Prinzip wieder zu entdecken, das Repräsentative zu entdecken, dass sie den Mut zur Lücke haben, auch was die Stoffe angeht. Das heißt ja letzten Endes Mut zur Gründlichkeit. Es geht ja nicht um Oberflächlichkeit, sondern darum, dass man Kinder und Jugendliche in der Schule zum Denken befähigen muss, dass das Denken gefördert werden muss und dass nicht das Anhäufen von Stoff- und Wissensmassen das Absolute sein darf. Das sind überfällige Forderungen, die wir aus der Pädagogik seit Langem kennen, und ich kann es nur wiederholen, wir tun den Kindern und Jugendlichen nichts Gutes, wenn wir nur Wissen anhäufen, das dann, weil es veraltet, irgendwann wieder abgestreift werden muss. Ein guter Unterricht heute muss Zusammenhänge herstellen, es muss vernetztes Denken, es muss fächerübergreifendes Denken in der Schule Platz greifen und dann glaube ich, dass dieses G8 eigentlich ein partielles Problem der Bildungspolitik ist, das sich locker lösen lässt.

Einzig Rheinland-Pfalz lässt sich viel Zeit mit der Einführung des G8 und besteht dabei auf Ganztagsgymnasien. Ist dies die richtige Lösung?

Ludwig Eckinger: Wenn man die Stundenzahl, die gefordert ist, als heilige Kuh anschaut, keinerlei Zugeständnisse macht und überhaupt nicht davon abgeht, dann ist sicher für viele junge Menschen das Problem in einer Ganztagsschule leichter lösbar. Aber leider ist ganz viel Hektik in die Diskussion gekommen -auch von prominenten Eltern, deren Kinder jetzt nicht mehr so viel Zeit zum Reiten oder Golf spielen haben. Schule bedeutet aber auch letzten Endes Anstrengung, da braucht man nicht drum herum zu reden. Darum meine ich, es muss möglich sein - wenn alle zusammen helfen-, dass man schon in ganz kurzer Zeit ein G8-Konzept angeboten bekommt, das die Kinder und Jugendlichen nicht schädigt.

Doch auch etlichen Lehrern geht es nicht gut. Manche von ihnen seien zusätzlich auf HARTZ IV angewiesen, berichtete kürzlich die Süddeutsche Zeitung mit Hinweis auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Junglehrer, die häufig nur noch mit Teilzeitverträgen eingestellt werden. Was sagt der VBE dazu?

Ludwig Eckinger: Das ist ein Skandal. Abgesehen davon ist es ja auch so, dass wir auf einen unglaublichen Lehrermangel zusteuern, wegen der Alterspyramide, wegen des Schweinezyklus, der immer noch nicht durchbrochen ist, das sind längst bekannte Probleme. Das Problem mit den Hartz IV Empfängern ist auch uns neu, aber wir haben schon entsprechende Vermutungen gehabt, wenn man an junge Lehrer denkt, die allein verdienen und in einer Großstadt leben müssen wie München, die können sich ohne zusätzliche Zuschüsse von anderen eigentlich gar nicht über Wasser halten. Und wenn man sich vorstellt, dass die Profession des Lehrers in der demokratischen Gesellschaft ja einen besonderen Rang haben muss, weil Lehrer die Haupttransporteure für Bildung sind, dann ist das – ich sage es noch einmal - ein Skandal, was sich diese Gesellschaft gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern leistet.

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